U-Bahn-Überfall "Eine frühe Entschuldigung macht Sinn"

Vier Wochen ist es her, dass Serkan A. und Spiridon N. in der Münchner U-Bahn einen Rentner niederschlugen. Jetzt hat sich einer der beiden in einem Brief bei dem Opfer des Übergriffs entschuldigt - ein geschickter Schachzug, sagen Strafrechtsexperten.

Hamburg - "Sehr geehrter Herr N., ich bin der Serkan der sie an dem Tag von hinten in der U-Bahn Arabelapark am boden gestoßen hat." Mit diesen Worten beginnt der 19-zeilige, in ungelenker, femininer Handschrift, holprigem Deutsch und fehlerhafter Rechtschreibung verfasste Entschuldigungsbrief des Münchner U-Bahn-Schlägers Serkan A., den die "Bild"-Zeitung heute veröffentlicht hat.

Weiter schreibt Serkan: "Fast den ganzen tag denke ich nur über das nach was ich getan habe und ihnen angetan habe. Was für schmerzen sie leiden müßten Nur weill zwei besoffene jugendliche sie durch ein Streit geschlagen haben." Und dann folgen die Worte, über deren Lauterkeit die Öffentlichkeit rätselt und die Richter werden befinden müssen: "Ich bedauere sehr diese tat ich habe schuld gefühle. (...) Ich möchte sie um Entschuldigung Bitten."

Wie ernst Serkans Reue ist, weiß man nicht. Sicher indes ist - und das bestätigen Strafrechtsexperten -, dass sein Brief ihm zum Vorteil gereichen kann. "Eine frühe Entschuldigung im Vorfeld des Verfahrens macht Sinn. Sie ist wirkungsvoller, weil sie sich noch im engen zeitlichen Zusammenhang mit der Tat bewegt", sagte Frank Meyer vom Freiburger Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht SPIEGEL ONLINE. "Vor Gericht wird sich der Angeklagte darauf berufen können, sich entschuldigt zu haben. Das wird die Kammer berücksichtigen müssen und könnte daher einen Strafrabatt gewähren."

Auch der Berliner Rechtsanwalt Stefan König, Vorsitzender des Strafrechtsausschusses im Deutschen Anwaltsverein, hält den Brief Serkans für hilfreich: "Es gibt eine Vorschrift im Strafgesetzbuch, dass bei dem Täter, der sich um einen Ausgleich mit seinem Opfer bemüht, das Strafmaß reduziert werden kann", so König gegenüber SPIEGEL ONLINE.

"Als Anwalt würde ich meinem Mandanten dazu raten"

Jedoch werde sich die Kammer sehr genau ansehen, ob eine solche Entschuldigung ein bloßes Lippenbekenntnis sei oder ob dahinter echte Reue stehe. Es sei jedoch unüblich, dafür Gutachten einzuholen. "Im Normalfall bleibt es dem gesunden Menschenverstand der Richter überlassen, das zu beurteilen", sagt Jurist Meyer.

"Als Anwalt in einem vergleichbaren Fall würde ich meinem Mandanten zu einer Entschuldigung raten, jedoch nur unter der Voraussetzung, dass sie ernst gemeint ist", sagte Verteidiger König. Natürlich spielten bei einem solchen Schritt immer prozesstaktische Erwägungen eine Rolle. Für den Fall, dass sein Mandant Schwierigkeiten habe, einen solchen Brief zu schreiben, würde König ihm auch helfen, "die Gedanken zu Papier zu bringen".

Das Opfer des Überfalls, Bruno N., hatte die Entschuldigung laut "Bild"-Zeitung mit den Worten zurückgewiesen: "Der Brief ist nicht ehrlich. So schreibt kein Bursche in dem Alter. Das hat ihm jemand diktiert, um die Öffentlichkeit zu beeinflussen und gutes Wetter für sich bei Gericht zu machen." Er werde die Tat, die ihn beinahe das Leben gekostet habe, nie vergessen. "Es gibt keine Versöhnung", so der 76-Jährige.

Die Haltung des Pensionärs könnte sich nachteilig für Serkan auswirken: "Von entscheidender Bedeutung für das Gericht ist auch", so Anwalt König, "ob das Opfer auf die Bemühungen des Täters eingeht oder ob es bei dem bloßen Werben um den Ausgleich bleibt."

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