Prozessauftakt in Ulm Leidensnacht an Halloween

In Baden-Württemberg sollen fünf Asylbewerber eine 14-Jährige unter Drogen gesetzt und vergewaltigt haben. Die Beschuldigten stehen nun in Ulm vor Gericht - bislang schweigen sie.
Von Jan Friedmann, Ulm
Angeklagter in Ulm: Einsatz von Betäubungsmitteln

Angeklagter in Ulm: Einsatz von Betäubungsmitteln

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Felix Kästle/ dpa

Zwei örtliche AfD-Mitglieder, eine Frau und ein Mann, haben vor der Ulmer Donauhalle ein Transparent entrollt: "Ihr erzieht unsere Kinder zu Schafen und lasst die Wölfe ins Land", steht darauf in grünen und roten Lettern. Vom Halbsatz mit den Wölfen tropft imaginäres Blut.

Drinnen in der wegen Corona zum Gerichtssaal umfunktionierten Halle wird vor der Großen Jugendkammer eine Tat aufgerufen, wie sie Rechtspopulisten kaum besser in die Hände spielen könnte: Angeklagt sind fünf Jugendliche und junge Männer im Alter zwischen 15 und 27 Jahren. Die fünf stammen aus Afghanistan, aus dem Irak und Iran und sind als Asylbewerber nach Deutschland gekommen.

Die vorgeworfene Tat: Die fünf Angeklagten sollten in der Halloweennacht 2019 in einer Unterkunft bei Ulm eine 14-Jährige nacheinander vergewaltigt beziehungsweise dazu beigetragen haben.  Um das schon alkoholisierte Opfer wehrlos zu machen, sollen sie dem Mädchen Drogen verabreicht haben.

Die Angeklagten erklären, dass sie zu den Vorwürfen und ihren Biografien keine Angaben machen wollen. So bleibt der erste Prozesstag kurz, er beschränkt sich auf das Verlesen der Anklage.

Blaue Flüssigkeit eingeflößt

Demnach überredeten die Angeklagten das Mädchen am Abend des 31.10.2019 in der Ulmer Innenstadt, mit ihnen zu kommen. Im Bus Richtung Illerkirchberg hätten zwei von ihnen den Entschluss gefasst, das Mädchen zu vergewaltigen.

Als sich das betrunkene Mädchen in einem Zimmer im Erdgeschoss der Unterkunft auf einem Sofa schlafen legen wollte, flößten sie ihr ein Betäubungsmittel ein, vermutlich eine zerstoßene Amphetamin-Tablette, eine blaue Flüssigkeit, so die Anklage.

"Die Zeugin war stark benommen", trägt Oberstaatsanwalt Michael Bischofberger vor. Und: "Die Zeugin war nicht in der Lage, sich zur Wehr zu setzen." Danach sollen vier Männer das Mädchen nacheinander vergewaltigt haben, einer von ihnen bis zu fünf Mal, bis in die Morgenstunden des Folgetages.

"Dabei war grundsätzlich nur einer der Männer mit dem Mädchen während der Tatausführung im jeweiligen Zimmer", heißt es in der Mitteilung der Staatsanwaltschaft. "Nur in einem Fall sollen zwei der Männer den Geschlechtsverkehr gemeinschaftlich erzwungen haben, indem einer das Mädchen festgehalten habe, während der andere sich an ihr vergangen habe."

Ecstasy-Tablette am Morgen

Laut Staatsanwaltschaft hatte einer der Beschuldigten die Taten eingeräumt, die übrigen sie bestritten. Die Schülerin erzählte später ihren Eltern vom Erlittenen in der Nacht.

Weitere Details der Anklage: Am nächsten Morgen sollen die Männer dem Mädchen eine Ecstasy-Tablette verabreicht haben - und sie so "in einen euphorischen Zustand" versetzt haben, eine weitere Vergewaltigung folgte. Auf dem Handy eines Angeklagten wurde zudem ein kinderpornografisches Video aus anderem Kontext gefunden, sodass dieser Vorwurf ebenfalls Eingang in die Anklage fand.

Der Fall von Ulm erinnert an eine Tat in Laupheim, die das Landgericht Ravensburg vor einigen Wochen abgeurteilt hatte. Dort wurden drei Männer, zwei Syrer und ein Deutscher, zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, weil sie eine 14-Jährige mit Drogen und Alkohol wehrlos gemacht und dann vergewaltigt haben sollen. Der Ravensburger Richter nannte die Tat "frauen- und menschenverachtend".

Opfer tritt als Nebenklägerin auf

Der Ablauf der mutmaßlichen Taten in Illerkirchberg ist hingegen noch nicht vollständig ausgeleuchtet. Einer der Verteidiger, Ralph Walker, weist in einem kurzen Statement nach dem Prozessauftakt auf "einige Ungereimtheiten in der Sache" hin. Es gelte die Zeugenaussage des Opfers abzuwarten. Sie wird wohl unter Ausschluss der Öffentlichkeit erfolgen. Die Schülerin hat sich dem Verfahren als Nebenklägerin angeschlossen.

Am 20. Juli wird der Prozess fortgesetzt. Es sind bislang 13 Sitzungstage bis in den November vorgesehen, 28 Zeugen sind geladen.