Freispruch für Ulvi K. Wie es im Fall Peggy jetzt weitergeht

13 Jahre nach dem Verschwinden von Peggy hat das Landgericht Bayreuth das Urteil gegen Ulvi K. aufgehoben. Was passiert jetzt mit dem Mann? Bekommt er eine Entschädigung? Gibt es andere Verdächtige? Der Überblick.

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Hamburg - Auf dem Rückweg von der Schule verliert sich ihre Spur: 2001 verschwand die neunjährige Peggy im fränkischen Lichtenberg. Drei Jahre später wurde der geistig behinderte Ulvi K. vom Landgericht Hof wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Diesen Schuldspruch hat das Landgericht Bayreuth nun im Wiederaufnahmeverfahren aufgehoben. Den Richtern zufolge konnte Ulvi K. die Tat nicht nachgewiesen werden. Die wichtigsten Fragen und Antworten in dem undurchsichtigen Fall im Überblick.

Was passiert jetzt mit Ulvi K.?

Der 36-Jährige sitzt derzeit in der geschlossenen Psychiatrie in Bayreuth und wird dort vorerst bleiben. Eingewiesen wurde er, weil er Kinder missbraucht hatte. Das Landgericht Hof muss die Unterbringung in regelmäßigen Abständen prüfen. Zuletzt hatte die Strafvollstreckungskammer vor knapp sechs Wochen gemeinsam mit dem Verteidiger von K. beschlossen, dass er weiter in der Psychiatrie bleiben soll. Der heutige Freispruch habe aber "wesentliche Gesichtspunkte für die Gefährlichkeitsprognose geändert", heißt es in einer Pressemitteilung des Gerichts. Deshalb soll nun ein neues Gutachten eines Sachverständigen eingeholt werden. Das soll klären, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass Ulvi K. wieder straffällig wird und wie schwer diese möglichen Taten ausfallen könnten.

Steht ihm eine Entschädigung zu?

Nein. Zwar ist Ulvi K. vor zehn Jahren wegen des Mordes an Peggy zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Von der Gefängnisstrafe habe er aber bislang keinen einzigen Tag absitzen müssen, weil er eben in der psychiatrischen Klinik untergebracht war, sagte der Pressesprecher des Landgerichts Bayreuth, Thomas Goger. "Da er also keinen Tag unschuldig eingesessen hat, steht ihm auch keine Entschädigung zu."

Gibt es andere Verdächtige?

Ja, drei. Einer von ihnen ist ein Mann aus Halle in Sachsen-Anhalt. Der ehemalige Bekannte von Peggys Familie sitzt derzeit wegen sexuellen Missbrauchs seiner Tochter in Haft. Nach Polizeiangaben hat er eingeräumt, sich auch an seiner Nichte mehrmals vergangen zu haben - die wohnte im gleichen Haus wie Peggy. Zudem soll sich der Missbrauch nur wenige Wochen vor Peggys Verschwinden ereignet haben. In der Haftzelle des Mannes fanden Polizisten ein Foto von Peggy. Schon 2001 war der Mann ins Visier der Polizei geraten, aber offenbar hatten sich keine hinreichenden Beweise ergeben. Zum Kreis der Tatverdächtigen zählen außerdem der Halbbruder des Mannes und ein Lichtenberger, der bereits wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt wurde.

Wie geht es jetzt weiter?

Die Ermittlungen im Fall Peggy waren schon 2012 von der Staatsanwaltschaft und der Kripo Bayreuth neu aufgerollt worden. Laut einem Sprecher gehen sie jetzt in gleicher Intensität weiter. Mehr als 150 Zeugen seien vernommen worden. Außerdem gehe eine Ermittlungsgruppe aus etwa einem Dutzend Beamten noch einmal alle Beweise durch. Eine neue Spur habe sich daraus noch nicht ergeben. Gegen die drei Männer, gegen die Ermittlungsverfahren laufen, bestehe nur ein einfacher, kein zwingender Tatverdacht, deshalb sei noch kein Haftbefehl ergangen.

Gibt es Hinweise darauf, wo die Leiche sein könnte?

Soweit bekannt ist, nein. Allerdings ist noch völlig unklar, was überhaupt mit dem Mädchen passiert ist. Vor etwa einem Jahr hatten die Ermittler ein Anwesen in Lichtenberg durchsucht und dort auch nach dem Körper des Mädchens gegraben. In einer Sickergrube fanden sie Knochensplitter, die aber nicht von Peggy stammen können, wie Untersuchungen ergaben. Im Januar dieses Jahres öffneten die Ermittler dann ein Grab auf dem Friedhof Lichtenberg. Sie vermuteten, dass bei einer Beerdigung im Mai 2001 Peggys Leiche dort abgelegt worden sein könnte. Doch auch hier gab es keine Hinweise auf die sterblichen Überreste eines Kindes.

Ist der Fall für Ulvi K. mit dem heutigen Urteil abgeschlossen?

Das Urteil im Wiederaufnahmeverfahren ist noch nicht rechtskräftig. Eine Woche lang haben die Staatsanwaltschaft und die Verteidigung noch Zeit, Revision einzulegen. Da sowohl die Anklage als auch der Anwalt von Ulvi K. einen Freispruch gefordert hatten, ist sehr unwahrscheinlich, dass sie noch Rechtsmittel einlegen werden. Wobei die Begründung unterschiedlich ausgefallen war: Während sich die Anklage auf den Rechtsgrundsatz "im Zweifel für den Angeklagten" berief, sieht Verteidiger Euler seinen Mandanten durch die Beweisaufnahme als vollständig entlastet an. Sollte nun tatsächlich keine Revision gefordert werden, kann Ulvi K. laut Gerichtssprecher im Zusammenhang mit dem Verschwinden von Peggy nicht mehr juristisch belangt werden.

Mit Material von dpa

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