Umgang mit Pädophilie "Ganz wichtig ist eine klare Ansage"

Hätte sich der Tod des kleinen Mitja aus Leipzig verhindern lassen? Können Eltern ihre Kinder überhaupt vor pädophilen Tätern schützen? Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Experte Klaus Michael Beier über gefährliche Neigungen, Restrisiko und die Angst vor sozialer Vernichtung.


SPIEGEL ONLINE: Der neunjährige Mitja aus Leipzig wurde vermutlich von einem vorbestraften Kinderschänder umgebracht. Lassen sich solche Straftaten durch Therapie verhindern?

Beier: Ich kenne den mutmaßlichen Täter nicht. Grundsätzlich gilt: Die pädophile Präferenz von Männern kann nicht einfach wegtherapiert werden. Wir an der Charité können nur versuchen, unseren Patienten Techniken beizubringen, um ihrem Drang zu widerstehen. Wir wollen ihnen helfen, dass aus der Neigung keine Straftat wird. Das ist schwierig genug. Und es gibt keine Garantie, dass die Patienten tatsächlich lebenslang straffrei leben.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es nach Ihrer Einschätzung Männer, die ihre auf Kinder gerichtete Sexualität so wenig unter Kontrolle haben, dass sie lebenslang weggesperrt werden müssen?

Beier: Bei einigen Tätern, die ihre Gefährlichkeit schon unter Beweis gestellt haben und die entsprechende Risikofaktoren in ihrer Sexualstruktur aufweisen, muss selbstverständlich die Sicherung Vorrang haben. Wir versuchen, potentiellen Tätern, die nicht justizbekannt sind und daher zum Dunkelfeld zählen, therapeutische Hilfe anzubieten, bevor etwas passiert. Die Neigung selbst ist ja nicht strafbar. Und sie ist ja auch nicht aus Mutwillen erworben, sondern eine schicksalhafte Heimsuchung, unter der viele Betroffene schwer leiden. Wenn der Pädophile sein Problem kennt und verantwortlich mit seiner Neigung umgeht, gibt es gute Chancen für eine sichere Selbstkontrolle.

SPIEGEL ONLINE: Wie hoch ist das Restrisiko?

Beier: Das erforschen wir gerade mit unserem Projekt. Fest steht nur: Je größer das Dunkelfeld, umso höher das allgemeine Risiko. Jeder, der sich zu einer Therapie entschließt, bevor er eine Straftat begeht, verringert das Risiko. Aber es gibt leider auch viele Pädophile, die eine Therapie ablehnen.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Gründe?

Beier: Es gibt Menschen, die auch eine solche Neigung ausleben möchten, ohne Rücksicht auf die Opfer. Und es gibt andere, die sich nicht trauen, sich zu outen. Sie haben Angst vor sozialer Vernichtung. Stellen Sie sich vor, wie schwer es zum Beispiel für einen Juristen oder einen Theologen ist, sich zu einer so geächteten Neigung zu bekennen.

SPIEGEL ONLINE: Was können Eltern tun, damit ihr Kind nicht zum leichten Opfer wird?

Beier: Ganz wichtig ist eine klare Ansage. Wenn Kinder strikt darauf beharren, mit keinem Fremden mitzugehen, sich nicht durch Süßigkeiten oder ähnliches locken lassen, ist schon viel gewonnen. Die Kinder müssen das sichere Gefühl haben, damit etwas Richtiges zu tun, denn der Erwachsene handelt falsch. Die meisten Täter lassen bei konsequenter Ablehnung von ihrem Opfer ab. Das gilt natürlich nicht für Täter, die von vorne herein Gewalt anwenden. Aber das ist eher die Ausnahme.

Das Interview führte Bruno Schrep



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.