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18. August 2009, 08:51 Uhr

Unter Narkose

Promi-Arzt soll mehr als 50 Frauen missbraucht haben

Er ist anerkannter Experte für künstliche Befruchtung und bei Prominenten beliebt. Doch jetzt sieht sich Roger A. aus São Paulo mit schweren Vorwürfen konfrontiert: Er soll Dutzende Frauen in seiner Klinik während der Narkose vergewaltigt haben.

São Paulo - Der 66-jährige Arzt wurde am Montag in seiner Klinik in einem Nobelviertel von São Paulo von der Polizei abgeführt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt laut Angaben des Internetportals globo.com wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung.

Insgesamt 53 frühere Patientinnen werfen dem Arzt vor, sie während der Narkose oder in der Aufwachphase missbraucht zu haben. Sie gaben an, der Arzt habe sie mit seiner Körperkraft überwältigt oder Betäubungsmittel verwendet.

Eines der mutmaßlichen Opfer berichtete von einer sexuellen Belästigung kurz nach dem Eingriff. "Während ich (aus der Narkose) langsam erwachte, merkte ich, wie er (der Arzt) meinen Mund küsste, und mir sagte, ich sollte ihn küssen. Ich erinnere mich, dass seine Hand über meinen Körper strich." Eine andere Patientin berichtete, der Mediziner habe ihre Brüste gestreichelt.

Die Taten ereigneten sich den Angaben zufolge 1994 bis 2007. Sollten sich die Vorwürfe der Vergewaltigung und des versuchten sexuellen Übergriffs bestätigen, drohen dem Arzt bis zu zehn Jahre Haft.

Der Anwalt des Arztes, José Luís Oliveira Lima, wies die Vorwürfe gegen seinen Mandanten zurück und betonte, die vorübergehende Festnahme sei widerrechtlich. "Er (Roger A.) hat bereits alle Anforderungen erfüllt, um die Gerichtsverhandlung in Freiheit abzuwarten." Die regionale Ärzte-Ethik-Kommission von São Paulo leitete Untersuchungen ein. Der Beschuldigte werde aber alle Möglichkeiten bekommen, sich zu verteidigen.

"Dr. Roger" wirbt auf seiner Internetseite damit, dass er und sein Team dabei halfen, bis 2006 mehr als 6000 Babys durch künstliche Befruchtung auf die Welt zu bringen. "Ich habe immer geglaubt, dass eine gute Gesellschaft aus guten Familien besteht", wirbt der Vater von fünf Kindern und zwölffache Großvater für die künstliche Befruchtung. Auch prominente Ehepaare mit Kinderwunsch haben den Spezialisten aufgesucht. So soll ein Sohn des legendären brasilianischen Ex-Fußballers Pelé in der Klinik durch künstliche Befruchtung gezeugt worden sein.

Einige der Vorwürfe waren der Staatsanwaltschaft schon seit vergangenem Jahr bekannt. Allerdings wurde den Anschuldigungen laut Medienberichten lange Zeit nicht nachgegangen, weil es zu diesem Zeitpunkt noch keine polizeilichen Ermittlungen gab.

ala/AFP/dpa

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