Unter Verdacht Maddies Eltern lehnen Handel mit der Polizei ab

Die Eltern der verschwundenen vierjährigen Maddie McCann werden von der portugiesischen Polizei offiziell verdächtigt. Medienberichten zufolge bot die Polizei den beiden einen Handel an, der zu einer niedrigen Strafe führen würde. Die McCanns lehnen dies jedoch ab.


London/Lissabon - Noch ist Großbritanniens Boulevard auf der Seite der McCanns - aber die Stimmung beginnt zu kippen. Die Londoner "Sun" bezeichnet das angebliche Angebot der portugiesischen Polizei an die Eltern der vermissten Maddie als "kranken Deal": "Sitzen Sie ein Jahr für Tötung durch einen Unfall ab und ihre Familie kann nach Hause", hätten portugiesische Beamte Kate McCann angeboten, berichtet das Blatt. Auch der BBC zufolge bot die portugiesische Polizei Kate McCann einen Handel an, dort ist allerdings von zwei Jahren Haft die Rede.

Ehemann Gerry McCann reagierte im eigenen Weblog empört auf die Tatsache, das sowohl seine Frau als auch er selbst nun offiziell zu den Verdächtigen im Fall Maddie zählen: "Die Unterstellung, dass Kate in Madeleines Verschwinden verwickelt ist, ist aberwitzig", schrieb er. "Jeder, der irgendetwas über den 3. Mai weiß, weiß auch, dass Kate vollkommen unschuldig ist. Wir werden dies bis zum Ende durchfechten und wir werden nicht aufhören, nach Madeleine zu suchen."

Kate McCanns Schwägerin Philomena sagte dem britischen Sender SkyNews, die Ermittler gingen davon aus, dass die 39-Jährige den Tod ihrer kleinen Tochter versehentlich verursacht, ihre Leiche zunächst versteckt und dann beseitigt haben könnte. Sie bezeichnete die Vorwürfe als "völlig lächerlich".

Die britische BBC berichtet, beide Eltern Madeleines seien von den portugiesischen Behörden mehr als 24 Stunden lang verhört worden. Sie wurden weder offiziell angeklagt noch formell verhaftet, sondern nur als Verdächtige geführt. Der sogenannte "arguido"-Status ist eine Besonderheit des portugiesischen Rechts: Er bringt es beispielsweise mit sich, dass zwar keine Anklage folgen muss, ihnen aber aber nun die Ausreise aus dem Land verweigert werden kann. Beide dürfen außerdem ab sofort die Aussage verweigern und erweiterten Rechtsbeistand in Anspruch nehmen.

Zweifel an den Aussagen von Kate McCann

Nach Angaben eines portugiesischen Strafrechtsexperten bedeutet die Verdächtigung zumindest im Fall der Mutter, dass die Polizei Zweifel an den Aussagen hat, die Kate McCann in dem Fall als Zeugin gemacht hat.

Jon Corner, der als Vertrauter der McCanns gilt, sagte der BBC, Kate McCann habe das Angebot der portugiesischen Behörden zurückgewiesen. Das Ärzteehepaar wolle jetzt entgegen früherer Plänen nicht nach Großbritannien zurückkehren, sondern weiter in Portugal bleiben und seine Ehre wieder herstellen. Die Ermittler stützen ihren Verdacht den Berichten zufolge auf Blutspuren von der vierjährigen Madeleine in einem Mietwagen der McCanns. Bislang wurde keine Erklärung dafür gegeben, wie Blut von Madeleine in den Wagen gekommen sein könnte. Die Eltern hatten ihn erst 25 Tage, nachdem das Kind am 3. Mai aus ihrer Ferienwohnung in der Algarve verschwunden, gemietet.

"Unbehagen angesichts ihrer Omnipräsenz"

Die Polizei selbst hat bisher noch keine Angaben zum Verdacht gegen Madeleines Eltern gemacht. "Alles, was dazu bekannt wurde, stammt aus Drittquellen und muss entsprechend vorsichtig behandelt werden", hieß es bei der BBC. Der Rechtsanwalt der McCanns, Carlos Pinto de Abreu, hatte in der Nacht zum Samstag darauf hingewiesen, dass die Polizei keine Anschuldigungen gegen das Ehepaar vorgebracht habe. Die Ermittlungen gingen weiter.

In manchen britischen Zeitungen beginnt der Rückhalt für das Elternpaar inzwischen zu bröckeln. Der "Daily Telegraph" etwa schreibt in einem Kommentar: "Hat man wirklich niemals ein gewisses Unbehagen verspürt angesichts ihrer Omnipräsenz in den Zeitungen und im Fernsehen?"

In britischen Zeitungen wurde bereits gestern erneut über mögliche Verdachtsmomente der Polizei gegen die Eltern spekuliert. So will die "Sun" erfahren haben, dass Ermittler auch der Vermutung nachgehen, die beiden gelernten Ärzte hätten ihrer Tochter versehentlich eine Überdosis Schmerzmittel verabreicht und sie dadurch unabsichtlich getötet. Kate McCann habe zugegeben, ihren Kindern ab und an solche Medikamente verabreicht zu haben, niemals jedoch Maddie.

"Sie ist außer sich - aber auch furchtbar enttäuscht"

Offensichtlich hoffe die Polizei nun, "Kate zu einer Falschaussage zu bewegen. Dies wird aber nicht geschehen", sagte Schwägerin Philomena McCann. John Corner, der Pate von Maddies jüngeren Zwillingsgeschwistern, berichtete der BBC von einem Telefonat mit Kate McCann: "Sie glaubt, dass die Polizei sie für die Mörderin ihrer Tochter hält. Sie ist außer sich - aber auch furchtbar enttäuscht." Sie fürchte, dass die Ermittler nun ihre Suche nach Maddie aufgeben könnten.

Anfang Mai war das damals dreijährige Mädchen aus ihrem Bett in einer Ferienanlage in Praia da Luz an der Algarve verschwunden, während ihre Eltern im nahen Restaurant zu Abend aßen. Das streng katholische Ärztepaar bat daraufhin bei spektakulären Auftritten in ganz Europa die Öffentlichkeit um Hilfe bei der Suche nach ihrer Tochter. Unter anderem wurden die McCanns auch von Papst Benedikt XVI. empfangen. Dass sie mit dem Verschwinden ihrer kleinen Tochter etwas zu tun haben könnten, wiesen die McCanns stets scharf zurück.

Im Gegensatz zu den Versicherungen der Eltern geht die portugiesische Polizei inzwischen nicht mehr davon aus, dass Maddie noch am Leben ist. Knapp drei Monate nach dem mysteriösen Verschwinden des Mädchens entdeckten sie mit der Hilfe von auf Leichengeruch abgerichteten Spürhunden und Infrarotlampen Blutspuren in dem Zimmer, in dem Maddie mit ihren jüngeren Geschwistern schlief. Sie waren abgewischt worden und mit dem bloßen Auge nicht mehr zu erkennen.

Die DNA-Spuren wurden zur Analyse an ein britisches Labor gesandt; seit gestern liegen Teilergebnisse vor, über deren Inhalt bislang jedoch nichts bekannt wurde. Die "Sun" berichtet allerdings, die Polizei habe Kate McCann im Beisein ihres Anwalts mit der Tatsache konfrontiert, dass auch das Blut unter dem Sofa und am Fenster des Zimmers, aus dem Madeleine verschwand, DNA-Tests zufolge von dem Mädchen stammte.

cis/ffr/dpa/AFP/ap

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.