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17. Dezember 2011, 11:52 Uhr

Untersuchungsbericht

Zehntausende Missbrauchsfälle in Hollands katholischer Kirche

Bis zu 20.000 Kinder und 800 Täter: Eine Untersuchungskommission in den Niederlanden hat jetzt einen Bericht zu Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche seit 1945 vorgelegt. Erzbischof Eijk entschuldigte sich bei den Opfern und kündigte finanzielle Entschädigung an.

Den Haag - In katholischen Institutionen in den Niederlanden sind seit 1945 Zehntausende Kinder sexuell missbraucht worden. Die Kirche habe zudem versucht, derartige Fälle aus Angst vor Skandalen zu vertuschen, wie aus einem am Freitag veröffentlichten Bericht einer Untersuchungskommission hervorgeht.

Der Erzbischof von Utrecht, Wim Eijk, bat die Opfer um Verzeihung: "Im Namen der Katholischen Kirche in den Niederlanden möchte ich mich aufrichtig entschuldigen." Nach der Veröffentlichung des Berichts sagte Eijk vor Journalisten: "Das erfüllt uns mit Scham und Schmerz." Er kündigte an, die Opfer sollten Entschädigungen aus einem im November eingerichteten Fonds erhalten, die von 5000 bis 100.000 Euro reichen.

In den vergangenen 65 Jahren sind dem Bericht zufolge zwischen 10.000 und 20.000 Kinder missbraucht worden. Die Vergehen reichten dabei von unerwünschten sexuellen Annäherungsversuchen bis zur Vergewaltigung. Es seien Beschwerden gegen 800 Priester, Mönche, Pastoren und Laien in Kircheninstitutionen eingegangen, teilte die Kommission mit. Davon seien noch rund 105 am Leben. Es war aber unklar, wie viele von ihnen noch in ihren Positionen innerhalb der Kirche arbeiteten. Namen nennt der Bericht nicht.

In Deutschland steht eine so weit gefasste Untersuchung noch aus

Die unabhängige Kommission unter der Leitung des ehemaligen Ministers Wim Deetman hatte im vergangenen Jahr ihre Arbeit aufgenommen und mehr als 34.000 Menschen befragt - eine bislang einmalige repräsentative Untersuchung. Die Kommission wirft Mitgliedern der katholischen Kirche in den Niederlanden vor, nicht angemessen auf die Fälle von Kindesmissbrauch reagiert und den Opfern Hilfe verwehrt zu haben. Deetman erklärte, es sei undenkbar, dass die Kirchenführung nichts von dem Missbrauch gewusst habe. Dieser sei teilweise auch deswegen weiter gegangen, weil die katholische Kirche in den Niederlanden aufgesplittert sei, so dass Bischöfe und Ordensgemeinschaften sich mit den Missbrauchsfällen eigenständig befassten und nicht "ihre Schmutzwäsche nach draußen hängten".

Das Zölibat sei nicht die einzige Erklärung für die Missbrauchsfälle. Auch die sexuellen Tabus der Zeit und der Versuch, den Ruf der Kirche schützen zu wollen, seien ursächlich für die Vertuschung. Aufmerksamkeit und Hilfe hätten die Opfer erst seit den neunziger Jahren bekommen. Die Kommission habe allerdings befunden, dass es nicht richtig sei, von einer "Kultur des Schweigens" in der Kirche als Ganzem zu reden, sagte Deetman weiter.

Der Bericht betont außerdem, dass in den Niederlanden insgesamt, und nicht nur in der Kirche, weit mehr Kinder als bislang vermutet in irgendeiner Form sexuell missbraucht wurden. Die Zahl wird bei jener Gruppe von Kindern umso größer, die Teile ihrer Kindheit in Waisenhäusern oder Internaten verbracht haben - unabhängig davon, ob sie katholisch waren oder nicht.

Ähnliche Untersuchungen in den USA, Kanada, Irland, Belgien und anderen Ländern haben ebenfalls weit verbreitete Fälle von Kindesmissbrauch durch den katholischen Klerus und andere Mitarbeiter in Kircheninstitutionen aufgezeigt.

In Deutschland sind bislang weitaus weniger Missbrauchsfälle bekannt geworden. Allerdings gab es hierzulande auch noch keine Untersuchung in dem Ausmaß der von Deetman geleiteten Befragung.

hei/AP/dpa

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