Urteil gegen Holocaustleugnerin Haverbeck »Was Sie vorbringen, ist Gift«

Ursula Haverbeck soll erneut ins Gefängnis. Das Berliner Landgericht hat die 93-Jährige zu einem Jahr Haft verurteilt. Die Entscheidung sei alternativlos, sagte die Richterin.
Von Wiebke Ramm
Ursula Haverbeck beim Prozessauftakt am 18. März: Freiheitsstrafe für die 93-Jährige

Ursula Haverbeck beim Prozessauftakt am 18. März: Freiheitsstrafe für die 93-Jährige

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Olaf Wagner / IMAGO

Für einen Moment sieht es so aus, als zeigten die Worte der Vorsitzenden Richterin Wirkung. Ursula Haverbecks Wangen sind gerötet, ihr Blick ist gesenkt, sie scheint immer weiter auf ihren Stuhl zusammenzusinken. Doch der Eindruck wird täuschen. Ursula Haverbeck wird sich von ihrer Mission nicht mehr abbringen lassen. Die Leugnung des Holocausts betreibt die 93-Jährige mit ungebrochenem Eifer.

Wegen Volksverhetzung in zwei Fällen hat die 60. Kleine Strafkammer des Landgerichts Berlin Ursula Haverbeck am Freitag im Berufungsprozess zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, Revision möglich.

Die Vorsitzende Richterin Lisa Jani findet in der Urteilsbegründung deutliche Worte. Sie ist spürbar bemüht, die notorische Holocaustleugnerin zu erreichen. Sie wählt eine Sprache, von der sie annimmt, dass sie bei Haverbeck ankommt. »Frau Haverbeck«, sagt Richterin Jani, »dieses Urteil ist im Namen des Volkes, des deutschen Volkes ergangen.«

2016 hatte Haverbeck in einem öffentlichen Vortrag und 2018 in einem Interview, das im Internet zu sehen war, behauptet, dass es den Holocaust nicht gegeben habe. Damit habe sie sich der Volksverhetzung schuldig gemacht, stellt die Kammer fest. Sie habe die Shoa in Abrede gestellt und den systematischen Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden kleingeredet.

Wahlweise hatte die 93-Jährige vor Gericht argumentiert, sie stelle doch nur Fragen oder sie zitiere doch nur Wissenschaftler. An Hybris mangelt es Haverbeck nicht. »Alles« habe sie über »dieses Thema« gelesen. 20, vielleicht 22 Jahre lang habe sie sich »dem Thema ausschließlich gewidmet«. Sie habe ausgewählte Literatur studiert, von Experten gelernt. Ein Blick ins Chemiebuch reiche ihr, um zu erkennen, dass Zyklon B nicht geeignet sei für den Massenmord. Den systematischen Massenmord der Nazis nennt sie »nur eine Behauptung, ohne Beweis«. »Das deutsche Volk« sei »belogen« worden. Sie raunt von »Lobbygruppen« mit »bestimmten Interessen«.

Richterin Jani zerpflückt Haverbecks Pseudoargumentation mit Verve. »Unerträglich« ist das Wort, mit dem sie die Äußerungen der Angeklagten zusammenfasst. »Das ist keine Wissenschaft, was Sie vorbringen, das ist Gift.« Sie schaut zu Haverbeck, die im schwarzen Kostüm, mit weißer Bluse, hochgestecktem weißem Haar und roten Wangen dasitzt. »Sie sind keine Holocaust-Forscherin, Frau Haverbeck, Sie sind einfach nur eine Holocaustleugnerin«, sagt die Richterin. »Sie haben sich von der historischen Wahrheit meilenweit entfernt.«

Wäre Ursula Haverbeck tatsächlich an Antworten auf ihre »sogenannten Fragen« interessiert, könnte sie fundierte Abhandlungen über die deutsche Geschichte lesen, gibt die Richterin ihr mit auf den Weg. Sie könnte zur Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau fahren und »die Berge an Schuhen und Haaren« der Ermordeten auf sich wirken lassen. Sie könnte an all die anderen Orte fahren, an denen Nazis Menschen gequält und getötet haben. Sie könnte die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem besuchen und die Liste der ermordeten Kinder lesen. »Ich kann Ihnen sagen, das wird einige Zeit dauern.« Die Richterin ahnt die Vergeblichkeit ihrer Bemühungen. Gut, dass sie es trotzdem versucht.

Haverbeck inszeniert sich vor Gericht nicht nur als Forscherin, sie inszeniert sich auch als Opfer. Eine »Tortur« sei die Anreise aus ihrer Heimatstadt Vlotho in Nordrhein-Westfalen zum Gericht nach Berlin, hatte sie sich an einem vorherigen Verhandlungstag beklagt. Den Hinweis der Richterin, dass sie sich mit einem ärztlichen Attest die Teilnahme an der Verhandlung womöglich hätte ersparen können, ignorierte Haverbeck. Sie bastelt sich ihre eigene Wahrheit, im Kleinen wie im Großen. Der Gerichtssaal dient ihr als Bühne für ihre Propaganda. Dafür nimmt die 93-Jährige auch stundenlange Autofahrten in Kauf.

»Grande Dame der Freiheitsbewegung« wird Haverbeck in der rechten Szene genannt. Ihr in der Szene bekannter Verteidiger Wolfram Nahrath spricht von ihr als »Humanistin«. Haverbeck selbst sagt in ihrem letzten Wort, das deutsche Volk müsse sich »trennen vom Holocaust, damit wir uns befreien«.

»Sie sind durch nichts zu stoppen«, stellt Richterin Jani fest. Nicht einmal zweieinhalb Jahre im Gefängnis hätten Haverbeck beeindruckt. »Frau Haverbeck, Ihr Verhalten lässt uns kopfschüttelnd und bestürzt zurück.«

Haverbeck beschädige das Andenken Millionen Ermordeten, sie verletze das jüdische Volk und schädige das Ansehen Deutschlands in der Welt. Der Staat müsse sich vor Menschen wie ihr schützen. »Die meisten Bürgerinnen und Bürger sind froh und glücklich, so frei in einer Demokratie zu leben«, sagt die Richterin. Sie gäben Acht auf ihr Land, lernten aus der Geschichte, hielten die Erinnerung wach und achteten die Gesetze. »Sie, Frau Haverbeck, haben gegen unsere Gesetze verstoßen.«

Die Kammer habe tatsächlich darüber nachgedacht, »ob Sie vielleicht nicht mehr ganz zurechnungsfähig sind«. Doch Haverbeck ist bei wachem Verstand. Sie weiß genau, was sie tut. Zu dieser Erkenntnis kommt auch das Gericht. Die Vollstreckung der Strafe habe trotz des hohen Alters Haverbecks nicht zur Bewährung ausgesetzt werden können, weil sie auch in der Berufungsverhandlung keinerlei Einsicht oder Reue gezeigt habe, stellt die Kammer fest. Eine Freiheitsstrafe sei »alternativlos«.

Das Gericht bestätigt mit ihrem Urteil die vorangegangenen Verurteilungen wegen Volksverhetzung aus den Jahren 2017 und 2020. Die Verteidigung hatte Freispruch gefordert.

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