Historischer Mordfall Bruder von Ursula Herrmann fordert Schmerzensgeld

Die Entführung der zehnjährigen Ursula Herrmann schockierte Deutschland. Das Kind wurde 1981 in einer Kiste im Wald vergraben und erstickte. Nun fordert ihr Bruder Schmerzensgeld.

DPA/ LKA Bayern

Das Verbrechen liegt über 35 Jahre zurück. Nun fordert der Bruder der 1981 entführten und in einer Kiste erstickten Ursula Herrmann 20.000 Euro Schmerzensgeld von dem Mann, der wohl für den Tod der Zehnjährigen verantwortlich ist. Diesen Fall verhandelt derzeit das Landgericht Augsburg.

Die Entführung am bayerischen Ammersee im September 1981 gilt als einer der größten Kriminalfälle im Nachkriegsdeutschland. Das Schicksal des Mädchens, das in einer Kiste im Wald vergraben wurde und erstickte, bewegte die Menschen jahrzehntelang.

Erst 2008 wurde ein Verdächtiger in Kappeln in Schleswig-Holstein verhaftet, zwei Jahre später wurde der Mann in Augsburg nach einem aufwendigen Indizienprozess verurteilt. Damals war eine Strafkammer zuständig, jetzt liegt der Fall bei einer Zivilkammer.

Tinnitus nach Prozess

Michael Herrmann - der Bruder von Ursula - klagt gegen den heute 66-Jährigen, weil er im Jahr 2010, wenige Monate nach dem Strafprozess, einen Tinnitus bekommen habe, der ihn als Musiker und Musiklehrer sehr störe. Herrmann sieht die psychischen Belastungen des Prozesses gegen den verurteilten Entführer, der an dem neuen Verfahren selbst nicht teilnahm, als Ursache an.

Zweifel daran, dass der heute 66-Jährige, der in Lübeck im Gefängnis sitzt, der wahre Täter ist, wurden in dem Strafverfahren allerdings nicht vollständig ausgeräumt. Rätselhaft ist insbesondere die Verbindung des Falls zum Mord an einer Münchner Parkhaus-Millionärin im Mai 2006. An beiden Tatorten wurde die gleiche DNA-Spur sichergestellt, der Zusammenhang aber nie aufgeklärt. Sicher ist, dass in beiden Fällen die Angeklagten zu lebenslanger Haft verurteilt wurden. Beide Schuldsprüche wurden vom Bundesgerichtshof bestätigt. Beide Verurteilten beteuern bis heute, dass sie es nicht waren.

Michael Herrmann selbst betont seit Jahren ebenfalls, dass er nach dem Studium der Ermittlungsakten im Fall seiner Schwester Zweifel hat, dass der richtige Mann einsitzt. Insbesondere vermutet der 52-Jährige, dass es Komplizen gibt. Mit der Schmerzensgeldklage wolle er auch diesbezüglich offene Fragen klären, hatte er im Vorfeld gesagt. Doch Zivilrichter wollen nicht gern Hilfsinstanz in ungeklärten Kriminalfällen spielen, entsprechend führten Herrmanns Äußerungen zu kritischen Nachfragen des Vorsitzenden Richters Harald Meyer.

"Dann ist endlich Ruhe"

"Die Kammer soll nicht missbraucht werden, um einen Strafprozess daraus zu machen", betonte Herrmanns Anwalt Joachim Feller. Auch der Kläger selbst gab zu Protokoll: "Wir leben in einem Rechtsstaat und ich respektiere das Urteil aus dem Strafverfahren." Ziel des neuen Prozesses sei vielmehr, "zu innerem Frieden zu kommen", sagte Herrmann. "Wenn er von diesem Gericht noch einmal bestätigt bekommt, das ist der Täter, dann ist endlich Ruhe", ergänzte Feller.

Der Verteidiger des 66-Jährigen setzt dennoch große Hoffnungen darauf, dass das Zivilgericht weitere Zweifel an der Täterschaft aufwirft. "Das ist ein Geschenk des Himmels für uns", sagt Anwalt Walter Rubach über die Klage gegen seinen Mandanten. Es sei ein Versuch, noch einmal in die Beweisaufnahme einzusteigen. Rubach möchte mit dem Verfahren auch Munition für einen strafrechtlichen Wiederaufnahmeantrag sammeln, den er derzeit vorbereitet.

Nach knapp einer Stunde war in dem spektakulären Verfahren aber erst einmal wieder Schluss. Die Kammer vertagte sich auf den 14. Juli. Ein Urteil werde es dann noch nicht geben, machte Richter Meyer klar.

cne/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.