Urteil gegen Halle-Attentäter »Unfassbar grausam, feige«

Der Attentäter von Halle bekommt die höchstmögliche Strafe. »Sie sind für die Menschheit gefährlich«, sagt die Richterin zu Stephan Balliet. Bei der Urteilsbegründung versagt ihr fast die Stimme.
Von Beate Lakotta, Magdeburg
Blumen vor der Synagoge in Halle (Archiv): Der Täter wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt

Blumen vor der Synagoge in Halle (Archiv): Der Täter wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt

Foto: Hendrik Schmidt / picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Um kurz nach elf Uhr vormittags beginnt die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens: »Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil...« Es ist das Volk, zu dessen vermeintlicher »Verteidigung« der Angeklagte Stephan Balliet, 28 Jahre alt, am 9. Oktober 2019 in der Synagoge von Halle möglichst viele Juden töten wollte. Seine Tat gilt als einer der schlimmsten antisemitischen Anschläge seit dem Zweiten Weltkrieg. »Wir haben in die Abgründe der Menschheit geschaut«, wird Mertens am Ende über das Verfahren sagen.

Mit seinem selbst gebauten Waffenarsenal scheiterte der ehemalige Chemiestudent aus Benndorf bei Halle an der Tür zum Synagogengelände. Aus Verärgerung erschoss er die Passantin Jana L., die zufällig vorbeilief, und anschließend in einem Dönerimbiss den Malergesellen Kevin S., den er für einen Muslim hielt. Auf der Flucht vor der Polizei streifte er auf der Straße einen Mann aus Somalia und verletzte mehrere Menschen, teils schwer.

Kein einziges Mal schaut der Angeklagte zur Richterbank

Seinen Feldzug filmte Balliet mit einer Helmkamera und stellte das Video als Livestream ins Netz, dazu ein Pamphlet mit der Überschrift: »Kill all Jews«.

Beim Strafmaß bleibe gar keine andere Wahl, sagt die Vorsitzende Richterin: zweifacher Mord und 66-facher Mordversuch, gefährliche Körperverletzung, Holocaust-Leugnung, Volksverhetzung, räuberische Erpressung, verbotenes Autorennen und anderes mehr, alles begangen mit beispielloser Kälte und Menschenverachtung – das Gericht spricht eine lebenslange Freiheitsstrafe aus und stellt die besondere Schwere der Schuld fest. Zusätzlich verhängt der Senat die Sicherungsverwahrung über Stephan Balliet. Während die Vorsitzende das Strafmaß verkündet, schaut der Angeklagte in seinem dunklen Anorak kein einziges Mal zur Richterbank.

26 Tage hat das Gericht verhandelt, 73 Zeugen und acht Sachverständige kamen zu Wort. Balliet breitete vor Gericht seine antisemitischen, rassistischen und frauenfeindlichen Ansichten aus. Er grinste, als die Vorsitzende das Tatvideo im Saal abspielte, er zog verächtlich die Augenbrauen hoch, als Nebenkläger aus der Synagoge davon berichteten, wie sein Angriff das Familientrauma der Schoa in ihnen wachgerufen habe.

»Ich habe als Richterin schon vieles Unerträgliches erlebt«, richtet Mertens das Wort an den Angeklagten, »aber dieses Verfahren, Herr Balliet, sprengt alles.«

DER SPIEGEL

»Sie verließen die Wohnung als böser, schwarzer Mann«

Die Vorsitzende ruft noch einmal in Erinnerung, wie akribisch Balliet seine Tat vorbereitete, wie er über Jahre heimlich Schusswaffen und Sprengsätze baute und im Bettkasten hortete, wie er am Tattag seine düstere Kampfmontur anlegte – Helm, Schutzweste, Stiefel. Mertens zu Balliet: »Sie verließen die Wohnung als böser, schwarzer Mann, wie es Kinder sagen würden.«

Der Angeklagte, »der noch mit 28 Jahren an seinem Computer im Kinderzimmer bei seiner Mutter in Benndorf hockte«, so die Vorsitzende, habe, geleitet von abstrusen Verschwörungstheorien, über die Jahre einen tief sitzenden Rassenhass entwickelt, der ihn zu seiner abscheulichen, menschenverachtenden Tat gebracht habe, »Hass gegenüber Menschen, die ihm nichts getan hatten, die er auch nicht kannte.« Die er aber verantwortlich machte für sein persönliches Scheitern.

Angeklagter Balliet, Sicherheitskräfte: Eine unfassbare Tat

Angeklagter Balliet, Sicherheitskräfte: Eine unfassbare Tat

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POOL / REUTERS

Und dann tut Mertens in der Urteilsverkündung, was ihr während des ganzen Verfahrens wichtig war: Sie wendet sich den Opfern zu. Selbst ein Staatsschutzverfahren, so kann man das deuten, ist nicht nur dazu da, die Schuld des Angeklagten festzustellen. Es soll und kann vielleicht auch helfen, Wunden zu heilen.

Viele Betroffene standen Todesängste aus, blieben traumatisiert zurück, weil sie mitten im Leben plötzlich zur Zielscheibe wurden. Manche sind bis heute arbeitsunfähig, kämpfen mit Ängsten und Schlafproblemen: Eine junge Frau, die Balliets Schüsse auf der Straße verfehlten, ein Mann und eine Frau, die er anschoss, weil sie ihm ihr Auto nicht überlassen wollten, der Mann aus Somalia, den Balliet auf der Flucht fast über den Haufen fuhr. Mertens findet für ihn Worte des Mitgefühls, man habe dem Angeklagten aber nicht nachweisen können, dass er ihn habe töten wollen.

Auch den Betreiber des Kiez-Döner spricht die Vorsitzende direkt an, er geriet auf der Straße in den Kugelhagel, als Balliet sich ein Feuergefecht mit der Polizei lieferte. Die Bundesanwaltschaft wollte ihn lange Zeit nicht als Nebenkläger zulassen: »Sie waren ein Opfer, Sie waren in Lebensgefahr, Herr Tekin«, sagt Mertens. »Problematisch ist, dass wir nicht nachweisen können, dass er Sie überhaupt wahrgenommen hat.«

Ganz anders beim Mord an Kevin S., dem Malergesellen, der im Imbiss gerade auf seinen Döner wartete, als Balliets Sprengsatz die Türe verfehlte. »Sie haben Kevin S. an diesem Tag hingerichtet«, hält Mertens dem Angeklagten vor, »unfassbar grausam, feige und ohne die Spur einer menschlichen Regung«.

Kevin S. litt unter einer geistigen und körperlichen Behinderung, sein Vater hatte vor Gericht unter Tränen von seinem Sohn erzählt. Die Vorsitzende hat in diesem Verfahren oft Beherrschung gezeigt, aber nun versagt ihr fast die Stimme: »Kevin S. hatte sich, anders als Sie, nicht in sein Kinderzimmer zurückgezogen«, sagt Mertens zu Balliet, sondern er habe sein Leben selbstständig in die Hand genommen: »Beruf, Fußball, Freunde, das alles hat der Angeklagte in 27 Jahren nicht hinbekommen.«

»Mir fehlen hier die Worte, dies sachlich zu bewerten, wie es meine Aufgabe ist« 

Mertens ruft in Erinnerung, wie Balliet aus nächster Nähe auf den jungen Mann schoss, der hinter einem Kühlschrank kauerte und um sein Leben flehte. Wie er noch mal rausging, um sich neu zu bewaffnen: »Er hätte die Gelegenheit gehabt, aufzuhören, aber dann legte er erst richtig los.« Mertens macht eine kurze Pause, dann sagt sie: »Herr Balliet, mir fehlen die Worte, dies sachlich zu bewerten, wie dies meine Aufgabe ist.« Nie zuvor habe sie eine Begründung schriftlich vorbereitet, aber hier habe sie sich zwingen müssen, die Sätze aufzuschreiben, auf knapp 35 Seiten, »damit man die Fassung behalten kann.«

Zwar habe der Gutachter dem Angeklagten eine schwere Persönlichkeitsstörung attestiert, mit paranoiden, schizoiden und selbstunsicheren Zügen. Vereinsamt habe er in seinem Kinderzimmer absurden Verschwörungstheorien angehangen. Aber an seiner Schuldfähigkeit bestehe kein Zweifel.

»Sie sind für die Menschheit gefährlich«, wendet sich Mertens noch einmal zum Angeklagten, der sie scheinbar gleichmütig anschaut. »Wir müssen die Gesellschaft vor Ihnen schützen«, sagt die Vorsitzende zu ihm. Wenn er seine Einstellung nicht ändere, werde er nie wieder in Freiheit kommen.

Balliet schleudert ein rotes Etwas durch den Saal

Zum Schluss bedankt sich Mertens bei allen Verfahrensbeteiligten, bei den Wachtmeistern, beim Vorführdienst und wünscht allen angenehme Weihnachtstage.

Die Vorsitzende schiebt gerade noch ihr Manuskript zusammen, da springt Balliet auf und schleudert wortlos einen länglichen roten Gegenstand quer durch den Saal, er landet zwischen den Tischen der Nebenkläger.

Kurzer Aufruhr, dann ist klar, es war ein zusammengerollter Schnellhefter. Justizbedienstete ringen den Verurteilten nieder und bringen ihn aus dem Saal.

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