Urteil im Berliner Zwillings-Prozess Totschlag im Mutterleib

In Berlin wurden zwei Gynäkologen zu Bewährungsstrafen verurteilt: Sie haben einen gesunden Zwilling entbunden, die behinderte Schwester danach mit Kaliumchlorid getötet. Der Richter spricht von einer "nicht hinzunehmenden Hybris" der Ärzte.

Gericht in Moabit: "Es wäre ein Schlag ins Gesicht behinderter Menschen, wenn man so vorgehen dürfte."
Jens Kalaene/ DPA

Gericht in Moabit: "Es wäre ein Schlag ins Gesicht behinderter Menschen, wenn man so vorgehen dürfte."

Von Wiebke Ramm


Richter Matthias Schertz ist ein Mann deutlicher Worte.

Die Oberärztin Babett R. und der ehemalige Chefarzt Klaus V. haben nicht bestritten, im Juli 2010 per Kaiserschnitt erst ein gesundes Kind geholt und seine kranke Zwillingsschwester dann im Mutterleib getötet zu haben. Doch dass sie damit gegen das Gesetz verstießen, wollen sie nicht gewusst haben.

"Das ist schlichtweg unglaubhaft", sagt der Richter. "Sie sind hochkarätige Ärzte, keine Kurpfuscher, keine Feld-, Wald- und Wiesenärzte." Dass sie nicht wussten, dass es sich bei dem Eingriff nicht mehr um eine unter Umständen erlaubte Spätabtreibung handelte, hält das Gericht für ausgeschlossen. "Sie wussten ganz genau, was Sie taten", so der Richter. "Mit nicht hinzunehmender Hybris haben Sie sich über das Recht hinweggesetzt."

Strafen zur Bewährung ausgesetzt

Die 32. Große Strafkammer des Landgerichts Berlin hat die beiden Berliner Ärzte am Dienstag wegen gemeinschaftlichen Totschlags in einem minderschweren Fall verurteilt. Das Gericht verurteilte Babett R., 58, zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten, Klaus V., 73, zu einem Jahr und neun Monaten. Ins Gefängnis müssen sie nicht. Die Strafen werden zur Bewährung ausgesetzt.

Es geht um den Fall einer 27-jährigen Frau, die 2010 eineiige Zwillinge erwartete. Es war eine Hochrisikoschwangerschaft. Die Föten teilten sich eine Plazenta. Sie waren ungleich mit Blut versorgt. Es lag ein sogenanntes fetofetales Transfusionssyndrom vor. In einer Klinik in Hamburg wurde versucht, die Blutkreisläufe der Zwillinge zu trennen. Wenig später zeigte sich, dass bei einem Zwilling eine schwere Hirnschädigung vorlag.

"Vom kranken Kind ging zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für das gesunde aus"

"Die Mutter entschied sich, das kranke Kind nicht bekommen zu wollen", sagt Richter Schertz, "was bei einer Zwillingsschwangerschaft nicht so einfach ist." Denn ein sogenannter selektiver Fetozid, also die Tötung eines Zwillings im Mutterleib, sei auch für den gesunden Zwilling riskant. Nach dem Gesetz ist ein Schwangerschaftsabbruch noch bis kurz vor der Geburt erlaubt, wenn ein Arzt zu der Überzeugung gelangt, dass die Schädigung des Kindes eine unzumutbare physische und psychische Belastung für die Mutter darstellt. Eine solche Indikation lag bei der Mutter vor.

Die Frau wechselte von der Klinik in Hamburg in eine Klinik in Berlin, in der die Angeklagten arbeiteten. Nach Überzeugung des Gerichts sei der Mutter dort geraten worden, mit dem Eingriff noch zu warten. Mehrfach betont Richter Schertz: "Vom kranken Kind ging zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für das gesunde Kind aus." Eine Gefahr für den gesunden Fötus hätte allein durch den Eingriff bestanden, mit dem der andere Fötus hätte getötet werden sollen. Je später ein solcher selektiver Fetozid erfolgt, umso geringer ist die Gefahr für den gesunden Zwilling. Die Angeklagten warteten, bis gar keine Gefahr mehr bestand.

Nach Ansicht der Richter warteten sie zu lange.

Wann ist ein Mensch ein Mensch?

Die Ärzte holten das gesunde Mädchen per Kaiserschnitt. "Und dann erfolgte das, was wohl besser nicht erfolgt wäre", so Schertz. Babett R. und Klaus V. töteten im geöffneten Mutterleib den kranken Zwilling. Sie klemmten die Nabelschnur ab und injizierten Kaliumchlorid. Der Zwilling starb. "Die Angeklagten taten dies, obwohl sie ganz genau wussten, dass sie zu diesem Zeitpunkt keine Abtreibung mehr vornahmen." Nach Angaben eines Gutachters wäre das Kind lebensfähig gewesen.

Die Angeklagten haben sich nach Überzeugung des Gerichts des gemeinschaftlich begangenen Totschlags schuldig gemacht. "Die Kammer ist davon überzeugt, dass sich die Angeklagten ganz bewusst über geltendes Recht hinweggesetzt haben", sagt der Richter. "Es lag unzweifelhaft kein Schwangerschaftsabbruch mehr vor." Der Uterus war eröffnet. Die Geburt hatte begonnen. Strafrechtlich bedeutet dies, dass in dem Moment aus einem Fötus ein Mensch wird.

Das gesunde Kind war bereits zur Welt gekommen. Eine Konfliktsituation habe es für die Ärzte nicht gegeben. "Das Ganze stellt sich letztlich als Aussortieren eines kranken Zwillings dar", sagt der Richter. "Es wäre ein Schlag ins Gesicht behinderter Menschen, wenn man so vorgehen dürfte."

"Zu weit gegangen"

Bei entsprechender Indikation wäre es rechtlich zulässig und medizinisch möglich gewesen, den kranken Fötus während der Schwangerschaft zu töten, mit einem Risiko für den gesunden Fötus. "Will man jegliches Risiko ausschließen", sagt Schertz, "dann bleibt nur die Geburt beider Zwillinge." Einen Zwilling aber erst zu entbinden und den anderen dann im Mutterleib zu töten, sei rechtlich nicht zulässig. "Und das ist auch gut so."

Auf Totschlag steht eigentlich eine Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren. Die Kammer geht bei den Angeklagten jedoch von einem minderschweren Fall aus. Die Tat liegt neun Jahre zurück. Beide sind nicht vorbestraft. Ihr Anliegen, dem Wunsch der Schwangeren zu entsprechen und das Risiko so gering wie möglich zu halten, sei durchaus nachvollziehbar. "Die Angeklagten sind schlichtweg zu weit gegangen."

Die Verteidigung hatte Freispruch gefordert

Die geringfügig mildere Strafe für die Oberärztin begründet das Gericht damit, dass sie zwar die Operation geleitet hat, Klaus V. aber ihr Vorgesetzter gewesen sei. Babett R. könnte zudem nach Rechtskraft des Urteils der Verlust der Approbation als Ärztin drohen, während Klaus V. bereits seit 2012 im Ruhestand ist. Zu Babett R. sagt der Richter: "Wir gehen davon aus, dass Sie eine gute Ärztin sind, die ihren Job gut macht." Von einer Wiederholungsgefahr sei nicht auszugehen.

Das Gericht folgt mit seinem Urteil weitgehend der Forderung der Staatsanwaltschaft. Die Verteidigung hatte Freispruch gefordert und argumentiert, dass die Frage, wann die Menschwerdung beginnt, rechtlich nicht eindeutig geklärt sei. Im Zivilrecht beginne mit der Vollendung der Geburt, im Strafrecht mit dem Beginn der Geburt die Rechtsfähigkeit des Menschen.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.



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