Urteil im Doppelmordprozess "Sie ging ihm auf den Wecker"

Für das Gericht war die Sache klar: Michael P. ist schuldig des Mordes an Karen Gauke und deren kleiner Tochter und muss deshalb lebenslang hinter Gittern. Dennoch bleibt das Urteil unbefriedigend. Wegen des Schweigens des Täters können sich Gauckes Eltern nicht von den Opfern verabschieden.

Hannover - Den Richtern ist kein Vorwurf zu machen. Sie haben den Prozess mit aller Sorgfalt nüchtern und stets um Fairness bemüht geführt. Sie haben den Angeklagten nie im Unklaren über die Prozesssituation gelassen, haben ihm mehrfach signalisiert, dass, falls er sein taktisches Verhalten nicht ändere, mit einem bösen Ende zu rechnen sei. Sie haben nicht aus moralischen Gründen über ihn den Stab gebrochen, sondern sie sind aufgrund von eindeutigen Indizien, vielfältigen Zeugenaussagen und Sachverständigengutachten zu einem überzeugenden Urteil gekommen.

An ihnen also lag es nicht, dass das Strafverfahren wegen Mordes an der 37 Jahre alten Karen Gaucke und ihrer sieben Monate alten Tochter Clara gleichwohl nicht zu dem Ende gekommen ist, das wünschenswert gewesen wäre - selbst wenn das Urteil gegen den 38 Jahre alten Angeklagten Michael P. möglicherweise auch unter anderen Vorzeichen nicht viel anders gelautet hätte.

Denn P. ist heute zwar zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Die 3. Große Strafkammer des Landgerichts Hannover mit dem Vorsitzenden Richter Bernd Rümke erkannte überdies auf die besondere Schwere der Schuld - wegen der Tötung zweier Menschen und weil die Mordmerkmale Heimtücke, niedere Beweggründe und Verdeckung einer anderen Straftat vorlägen -, was bedeutet, dass P. nicht schon nach 15 Jahren zur Bewährung auf freien Fuß gesetzt werden kann, sondern länger zu verbüßen hat. Doch die Taten, die P. nach der "sicheren Überzeugung" des Gerichts begangen hat, sind auch während der sechzehn Sitzungstage vor der 3. Großen Strafkammer des Landgerichts Hannover mit dem Vorsitzenden Richter Bernd Rümke nicht so weit aufgeklärt worden, dass die Ungewissheit, die die Angehörigen peinigt, nun ein Ende hätte. "Ein bedrückendes Gefühl", so Rümke.

Noch immer ist ungeklärt, wie Karen Gaucke und ihr Baby getötet und wohin die Leichen gebracht wurden. Sicher ist nach Auffassung des Gerichts nur, dass der Angeklagte am 15. Juni vorigen Jahres vorabredungsgemäß um 20 Uhr in ihre Wohnung in Hannover kam, um Unterhaltsfragen zu klären. Denn die kleine Clara war seine Tochter. Und wenn auch eine Ehe oder eine Lebensgemeinschaft zwischen Karen Gaucke und P. nicht in Frage kam - die beiden waren zu gegensätzliche Charaktere -, so hatte der Mann nach gewissem Zögern doch die Vaterschaft anerkannt und schien sich, zumindest anfänglich, auch um das Kind kümmern zu wollen.

"Zunehmend gestört"

Doch kurz nach Karen Gaucke hatte er eine weitere Frau geschwängert, die einen Sohn gebar. Und mit dieser Frau lebte er zur Tatzeit zusammen. Seine Besuche bei der Tochter wurden seltener, das Drängen ihrer Mutter, seinen finanziellen Verpflichtungen und väterlichen Pflichten gegenüber Clara nachzukommen, wuchs. Nach Überzeugung des Gerichts fühlte P. sich dadurch zunehmend "gestört". Die Situation wurde ihm "lästig". Karen Gaucke "ging ihm auf den Wecker", sie störte. "Er wollte sie loswerden."

"Irgendwann im Frühjahr 2006 fasste der Angeklagte den Entschluss, Karen Gaucke und Clara zu töten", so der Vorsitzende Rümke. "Einen wenn auch nicht verständlichen, so doch halbwegs nachvollziehbaren Grund gab es dafür nicht." Er bereitete die Taten vor, versuchte, sich für die Tatzeit Alibis zu verschaffen, falsche Spuren zu legen und sein Handeln zu verschleiern. Er bestellte für die Zeit vom 15. bis 17. Juni, Donnerstag bis Samstag, bei einer Mietwagenfirma in Braunschweig einen Kombi, der ganz offensichtlich für den Transport der Toten gedacht war.

Andere Erklärungen, die P. im Ermittlungsverfahren abgab - er habe einen solchen Wagen testen wollen, später: er habe mit einer Geliebten das Wochenende verbringen wollen -, nahm das Gericht ihm nicht ab. "Wieso fährt er mit dem Zug bis nach Braunschweig, um einen Wagen zu mieten, irgendeinen Kombi übrigens, nicht ein bestimmtes Fabrikat, wenn er in Hannover problemlos gratis einen Testwagen hätte bekommen können?" fragte das Gericht. "Außerdem war ihm bekannt, dass die Freundin damals nach Paris reiste, ein gemeinsames Wochenende also nicht in Frage kam."

"Bei einer Gesamtschau bleiben keine Zweifel"

Nach Überzeugung des Gerichts muss P., als Karen Gaucke ihm öffnete, "sofort über sie hergefallen sein und sie getötet haben. Auf welche Weise, wissen wird nicht." Hat er sie erschlagen? Erstochen? Und dann zerstückelt? "Wir wissen auch nicht, ob das viele Blut in der Küche schon bei der Tötung floss oder erst später bei der Beseitigung der Leiche Gauckes. Die Blutspuren im Abfluss der Badewanne lassen dies vermuten." Anschließend habe er seine Tochter getötet, eine besonders "verwerfliche Handlung".

"Er musste dies tun, um den Mord an ihrer Mutter zu verdecken." Denn das Baby hätte bald geschrien. "Die Tötung Karen Gauckes wäre alsbald aufgekommen. Wo sollte er hin mit dem Kind, wenn die Mutter tot ist?" Winzigste Spuren getrockneten Blutes Karen Gauckes im Kofferraum des gemieteten Kombis, abgefallen von einer glatten Oberfläche - für das Gericht ein Beleg, dass die Toten wahrscheinlich in einem Plastikmüllsack weggeschafft wurden. Eine andere Erklärung bietet sich jedenfalls nicht an.

Im Ermittlungsverfahren hatte P. beteuert, er habe mit der ganzen Sache nichts zu tun. Wer soll es aber dann gewesen sein? Seit dem 15. Juni 2006, 19.45 Uhr, als Karen Gaucke ein Telefongespräch mit dem Hinweis beendete, sie müsse jetzt rasch das Baby zu Bett bringen, in 15 Minuten erwarte sie P., fehlt jede Spur von ihr und dem Kind. Es gibt seither kein Lebenszeichen mehr. "Von einer Minute auf die andere einfach weg - ausgeschlossen", so der Vorsitzende Rümke.

Die Fülle des trotz Wegwischens noch unter der Waschmaschine und hinter Rohren und Leisten verbliebenen Blutes lasse "eindeutig" auf ein Verbrechen schließen. Wer sonst als P. sollte Täter sein? Wer hätte die Wohnung gesäubert? Welcher Unbekannte hätte Vorbereitungen getroffen, die Leichen spurlos verschwinden zu lassen? "Bei einer Gesamtschau bleiben keine Zweifel", sagte der Vorsitzende.

Kritik an Verteidigerin

Einige kritische Worte richtete der Vorsitzende an die Verteidigerin P.s, die Hannoveraner Anwältin Hela Rischmüller-Pörtner. Sie hatte ihn ihrem Schlussvortrag die Öffentlichkeit, vor allem die Medien, wegen ihrer "feindseligen Haltung" und deren Auswirkungen auf das Gericht angegriffen. Sie hatte Oberstaatsanwalt Thomas Klinge "Stimmungsmache" vorgeworfen und behauptet, Entlastendes zugunsten des Angeklagten nicht berücksichtigt zu haben. "Das kann das Schwurgericht nicht nachvollziehen", sagte Rümke. "Wir haben gelegentlich solche Verfahren zu führen. Von Berufsrichtern ist zu erwarten, dass sie sich von einem angeblichen Einfluss der Medien freihalten. Wenn die Presse während der Hauptverhandlung berichtet, Mosaiksteinchen fügten sich allmählich zu einem Bild, so mag das die Verteidigung bedauern. Doch nach unserer Auffassung ist Herr P. der Täter." Und wenn es nichts Entlastendes gebe - was soll der Staatsanwalt dann vorbringen?

P. hatte auf Rat seiner Verteidigerin geschwiegen. Das war, wie es rechtsstaatlich heißt, "sein gutes Recht". Doch dieses Schweigen bedeutet für die Eltern Karen Gauckes, dass sie von ihrer Tochter und ihrem Enkelkind nicht Abschied nehmen konnten. Dass sie ihre nächsten Angehörigen nicht begraben konnten. Dass sie bis heute keinen Ort zum Trauern haben.

Schon Oberstaatsanwalt Klinge hatte am Ende seines Plädoyers zu P. gesagt: "Bitte geben Sie der Familie - nicht hier, nicht heute, aber irgendwann nach dem Urteil - bekannt, wo sich die Leichen befinden." Das Gericht, das während der Hauptverhandlung mehrfach an den Angeklagten appelliert hatte, seine Taktik zu überdenken, wiederholte diese Bitte. P. blieb bis zuletzt, bis zum Ende der Urteilsverkündung, wie es der Anwalt der Eltern, Matthias Waldraff, nannte, "teilnehmender Beobachter". Er hat teilgenommen, ja. Er hat beobachtet. Darüber hinaus ließ er sich nichts anmerken.