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09. Juli 2019, 19:43 Uhr

Urteil im Freiburger Missbrauchsprozess

Das Verschwinden der Maria H.

Von , Freiburg

2013 wird Maria H. von ihrer Familie weggelockt - der 40 Jahre ältere Bernhard H. flüchtet mit der damals 13-Jährigen in den Untergrund. Wegen Kindesentzugs und Missbrauchs in 108 Fällen muss er jetzt sechs Jahre in Haft.

Als "absolut außergewöhnlich" bezeichnet der Vorsitzende Richter den Fall, nachdem er sein Urteil über Bernhard H. gesprochen hat. Wegen schwerer Entziehung Minderjähriger und sexuellen Missbrauchs einer Schutzbefohlenen in 108 Fällen wird der 58-jährige Angeklagte zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren verurteilt - und bleibt damit ein Jahr und drei Monate hinter den Forderungen der Staatanwältin zurück. Auch eine anschließende Sicherungsverwahrung verhängt die Kammer nicht.

Im Mai 2013 war Bernhard H. mit der 13-jährigen Maria H. aus Freiburg ins Ausland geflüchtet. In seiner einstündigen Urteilsbegründung schildert der Richter, was dieser Flucht vorausging - und auch, wie sie abgelaufen ist.

Demnach habe der Angeklagte sich schon zuvor über eine Chatgruppe das Vertrauen von Maria H. gewonnen. Nachdem sich der rund 40 Jahre ältere Mann zunächst als Teenager ausgegeben hatte, gab er bald sein wahres Alter preis. In "intensivem" und täglichen Chatverkehr sei nicht nur "schnell von Liebe" die Rede gewesen. Bernhard H. deutet an, er würde mit dem Mädchen "auch verbotene Sachen machen".

Das Cyberstalking findet ein jähes Ende, als ihm seine Ehefrau auf die Schliche kommt und, zusammen mit seinem Stiefsohn, kurz darauf anzeigt. Es kommt zu einer polizeilichen Gefährderansprache. Monika B., die Mutter von Maria H., nimmt ihrem Kind das Smartphone weg. Für zwei Monate bricht der Kontakt völlig zusammen - bis sich Maria H. aus freien Stücken wieder bei Bernhard H. meldet. Der schickt ihr ein neues Handy, und nun nimmt die Kommunikation konkretere Formen an.

H. baut ein "Mutterfeindbild" auf

H. bedient sich laut Aussage des Richters gezielt einer "kindlich-jugendlichen Sprache" und bietet sich durch "verständlich zustimmendes Agieren" bei allen pubertätstypischen und schulischen Problemen des Kindes als Bezugsperson an, entfremdet sie systematisch von ihrer Familie, baut ein "Mutterfeindbild auf". Bald folgen "stark sexuell getönt Chats". H. schreibt vom "Durst", den er gerne an ihrer "feuchten Scheide" stillen möchte und sendet Nacktbilder von sich mit erigiertem Penis. Ein Umstand, der ihm ebenfalls zur Last gelegt werden wird.

Aus seiner Heimat in Nordrhein-Westfalen fährt H. mehrmals nach Freiburg, trifft Maria H. im Hotel. Dort kommt es "einvernehmlich" zu sexuellen Handlungen, bei denen der Mann den Wunsch des Kindes "akzeptiert", den Koitus nicht zu vollziehen. Der Kontakt ist so intensiv, dass Maria H. befürchtet, schwanger geworden zu sein.

Am Abend des 4. Mai dann "spitzt sich das Geschehen zu". Maria H. ist wieder mit Bernhard H. zusammen, ihr Alibi fliegt auf - und die Mutter droht dem Kind, die Polizei einzuschalten. Daraufhin, so der Richter, beschließen "beide gemeinsam" und spontan, sich dem drohenden Zugriff durch Flucht zu entziehen.

Der Schritt erscheint dem Gericht nicht geplant. Es folgt aber auch nicht der Darstellung von Bernhard H., er sei als Freund dem Kind lediglich bei dessen Flucht vor Konsequenzen behilflich gewesen. Spätestens ab diesem Abend befindet sich Maria H. in einem "Abhängigkeitsverhältnis" zum Angeklagten, der sich die "ungestörte sexuelle Zugriffsmöglichkeit" auf das Kind auch bald zunutze macht.

Fünf Jahre im Untergrund

Fünf Jahre währt das Leben des ungleichen Paares im Untergrund, und es klingt wie ein schlechtes Remake von Vladimir Nabokovs "Lolita". Mit dem Auto - auch seinen Hund hat Bernhard H. da noch dabei - geht es zunächst nach Norddeutschland, dann nach Berlin. In Eisenhüttenstadt hebt er letztmalig Geld ab, danach geht die Fahrt ins polnische Gorlice.

Einen Plan gibt es noch immer nicht, den fasst Bernhard H. erst in Polen. Er möchte sich mit dem Kind nach Afrika absetzen. Auto und Hund werden zurückgelassen, mit gebrauchten Fahrrädern und Campingausrüstung machen sich Maria und Bernhard H. auf den Weg. Am Tag legen sie täglich "25 bis 40 Kilometer" zurück, mit Pausen nur an Regentagen. An der Grenze zur Slowakei kommt es im Zelt zum ersten "ungeschützten" Geschlechtsverkehr.

Die Radtour führt in drei Monaten über die Slowakei, Ungarn und Slowenien nach Italien, über den Apennin und die Straße von Messina. Anfang September 2013 haben sie Sizilien erreicht. Dort verwirft Bernhard H. aus Furcht vor Entdeckung - Maria H. hat keine gültigen Dokumente bei sich - die Überfahrt nach Afrika und beschließt, vor Ort "intensiv der Bettelei nachzugehen".

In dieser Zeit leben Maria und Bernhard H. im Zelt, es kommt etwa "zweimal wöchentlich zu sexuellen Handlungen", an Almosen nehmen sie täglich "zwischen 25 und 100 Euro" ein. Durch häufige Besuche der Kirche und die "große Hilfsbereitschaft der sizilianischen Bevölkerung" ziehen der Mann und das Kind bald in einen unfertigen Neubau in Licata. Bernhard H. schlägt sich als Gelegenheitsarbeiter durch.

Maria H. lernt eine "ältere Dame kennen" - und schnell Italienisch. Bald fungiert sie als Übersetzerin. Zu diesem Zeitpunkt, hält der Richter fest, hatten Bernhard H. und Maria H. längst keinen Geschlechtsverkehr mehr, halten aber dennoch an ihrem bizarren "Lebenszuschnitt" fest.

Mit 17 Jahren setzt sich Maria H. ab

Beide geben sich als Vater und Tochter aus, die Benutzung des Internets ist dem Kind verboten. So erfährt Maria H. erst mit 17, dass ihre Familie weiterhin nach ihr sucht - und beschließt, nach Freiburg zurückzukehren. Sie hinterlässt dem "nichts ahnenden" Bernhard H. einen Abschiedsbrief, in dem von "unserer Liebe" die Rede ist, und schlägt sich per Bus nach Mailand durch, wo ein Freund ihres Vaters sie abholt.

In ihrer ersten und später korrigierten Aussage nach der Heimkehr nimmt sie Bernhard H. noch in Schutz, behauptet, alleine mit dem Rad von Polen nach Italien gefahren zu sein. Am 6. September 2018 endlich wird Bernhard H. auf Sizilien verhaftet und, nach Untersuchungshaft in Rom, nach Deutschland ausgeliefert. Auch im Prozess vor dem Landgericht Freiburg zeigt die inzwischen volljährige Maria H. "keinen erkennbaren Belastungseifer".

Im psychiatrischen Gutachten ist das Zusammenleben der beiden als "symbiotisch" geschildert worden, mit "gegenseitiger Fixierung aufeinander". Wobei der Angeklagte in seiner "Verantwortungslosigkeit und Egozentrik" die "konkrete Gefahr einer zumindest seelischen Schädigung" seiner Schutzbefohlenen billigend in Kauf genommen habe. Neben dem sexuellen Missbrauch, so "einvernehmlich" der gewesen sein mag, nennt der Richter den ausbleibenden Schulbesuch, den fehlenden Austausch mit Gleichaltrigen, die Bettelei und die "Lebenslegende", also die Geschichte von Vater und Tochter.

Sehr sorgfältig begründet der Richter, warum er keine hinreichenden Gründe für eine Sicherungsverwahrung sieht. Bernhard H. habe eine "narzisstische Persönlichkeitsstruktur"; aber keine Persönlichkeitsstörung. Zu seinen Gunsten wird ihm außer keinen Vorstrafen, einer "langjährigen Ehe" sowie heterosexuellen Beziehungen zu Gleichaltrigen ausgelegt, dass er sich an das erste Kontaktverbot gehalten habe. Die "Freiwilligkeit" eines zum Tatzeitpunkt 13-jährigen Mädchens erkannte das Gericht zwar an. Gleichwohl habe der Angeklagte "beiseite geschoben", dass er es mit einem Kind zu tun hatte.

Geständnis "nicht von Reue getragen"

Eine "pädophile Nebenströmung" habe der Gutachter, kinderpornografischer Bilder auf seinem Rechner zum Trotz, "klar verneint". Bernhard H. verfüge zwar über ein "breiteres sexuelles Erregungsmuster", sei aber im medizinischen Sinne nicht pädophil. Unter anderem, weil Maria H. laut eigener Aussage mit 13 Jahren "körperlich bereits weitgehend entwickelt war". Hebephilie, also das Interesse an pubertierenden Mädchen, sei allerdings nicht ausgeschlossen. Es bestehe "kein Hang zu erheblichen Straftaten".

"Im Rahmen der gebotenen Gesamtabwägung" sei es überdies unwahrscheinlich, dass sich nach einer Haftentlassung ein ähnlicher Fall "mit dann noch krasserem Altersunterschied" ereigne. Das wäre dann doch, meint der Richter, sehr "außergewöhnlich".

Bernhard H. verfolgte die Urteilsbegründung im roten Trainingsanzug weitgehend teilnahmslos, schüttelte nur bisweilen leicht den Kopf. Sein Geständnis bezeichnete der Richter als umfassend, "allerdings nicht von Reue getragen". Er empfindet nach wie vor eine "geistige Beziehung" zu seinem Opfer, dem er noch im Prozess seine "Liebe" versicherte. Der Aktenordner, mit dem er sein Gesicht vor den Kameras verbarg, war mit Tränen bemalt.

Maria H. war auch bei der Urteilsverkündung bereit, ihrem Peiniger ins Gesicht zu sehen. Auf den Richter macht die 19-Jährige einstweilen "einen durchaus stabilen Eindruck".

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