Urteil im Mordfall Karolina Masterplan des Sadismus

Die Richter sprachen dem Volk aus der Seele: Lebenslang - das Urteil, das das Münchner Schwurgericht gegen die Mutter der kleinen Karolina und ihren Lebensgefährten verhängt hat, war deutlich und eine heftige Ohrfeige für die erstinstanzlichen Richter.

Von , München


München - Da werden zwei Menschen, die ein kleines Kind namens Karolina derart zu Tode gequält haben, dass selbst den Rechtsmedizinern bei der Obduktion und den mit grausamen Tötungsdelikten vertrauten Richtern beim Ansehen der Bilder das Herz fast stehen blieb, zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt - und das Publikum klatscht. Es schien mit dem Klatschen gar nicht aufhören zu wollen, wie nach einer gelungenen Vorstellung in der Staatsoper, wenn den Sängern und dem Dirigenten für außergewöhnliche Leistung gehuldigt wird. Im Münchner Schwurgerichtssaal, in dem wieder einmal daran erinnert worden war, wozu der Mensch fähig ist, gibt es den Applaus für Richter, die nichts anderes getan haben, als Recht und Gesetz anzuwenden.

Zaneta C. auf dem Weg zur Urteilsverkündung: "Sie haben getanzt und waren bester Laune"
DPA

Zaneta C. auf dem Weg zur Urteilsverkündung: "Sie haben getanzt und waren bester Laune"

Solcher Beifall hat natürlich eine Vorgeschichte. Als am 21. April vorigen Jahres die 1. Strafkammer des Landgerichts Memmingen die jetzt 26 Jahre alte gebürtige Polin Zaneta C. und den jetzt 32-jährigen Mehmet A., einen im bayerisch-schwäbischen Weißenhorn geborenen und aufgewachsenen Türken, verurteilte, machten sich Fassungslosigkeit, ja beinahe Entsetzen breit.

Eine Freiheitsstrafe von nur fünfeinhalb Jahren für die Mutter der dreijährigen Karolina? So viel Milde für eine Frau, die ihrem Kind nicht zu Hilfe kam, als der Liebhaber es totzuprügeln drohte? Die ihr Kind nicht vor dessen sadistischen Quälereien rettete, die von Woche zu Woche, schließlich von Tag zu Tag eskalierten. Die das Kind festhielt, ihm hinhielt, damit er es besser mit glühend heißen Methadonflaschen brennen konnte. Die ihr Kind selbst in den eisigen Keller stellte, in den Tankraum, auf die Terrasse, mitten im Winter, wo es stehen musste und stehen und dabei fast erfror, bevor es wieder und wieder geprügelt und mit einem Lederriemen durch die Wohnung gejagt wurde, bis es nur noch kriechen und winseln konnte. Die das sterbende Mädchen, nachdem sie es kahl geschoren hatte, in eine Tragetasche packte und vor der Toilettenschüssel in einer Weißenhorner Klinik ablegte und sich dann mit ihrem Lover davonmachte, bis sie auf der Flucht in Italien geschnappt wird. Was die Memminger Richter so milde urteilen ließ - es war beim besten Willen nicht mehr nachvollziehbar.

Beide Angeklagte wurden in Memmingen nur wegen Misshandlung einer Schutzbefohlenen verurteilt, wobei die Strafe für A. - zehn Jahre und drei Monate - wegen erheblich verminderter Steuerungsfähigkeit auch noch gemildert worden war. Der Bundesgerichtshof hob auf die Revision der Staatsanwaltschaft, die wegen Mordes angeklagt hatte, die Urteile auf und watschte, wie man in Bayern sagt, dabei das Tatgericht auf ungewöhnlich drastische Weise ab. Die Kammer habe nicht geprüft, ihre Erwägungen hielten einer rechtlichen Überprüfung nicht stand, ihre Begründung sei nicht tragfähig und so fort. Der BGH ließ kein gutes Haar an den Memminger Richtern und deren Urteilsfähigkeit und verwies den Fall ans Landgericht München II.

"Ein Kind ist kein Fels"

Dort kam er zur 1. Schwurgerichtskammer, der der Richter Walter Weitmann vorsitzt, ein Mann, der weniger mit dem geschliffenen Wort, denn mit dem verbalen Säbel, am liebsten gar mit der Brechstange ficht. Er arbeitete mit seiner Kammer nicht nur die Vorgaben der Karlsruher Richter pflichtschuldigst ab, wie es die Frankfurter Richter im Fall des so genannten Kannibalen von Rotenburg getan hatten, sondern sie urteilten, wie es ihnen geboten schien: Lebenslang wegen Mordes aus Grausamkeit und niedrigen Beweggründen in Tateinheit mit Misshandlung Schutzbefohlener für beide Angeklagten, überdies eine besondere Schwere der Schuld bei A., was eine vorzeitige Entlassung nach 15 Jahren unmöglich macht.

Von einer Milderung der Strafe für Zaneta C., weil sie sich mehr eines Unterlassens denn eines aktiven Tuns schuldig gemacht habe, sah die Kammer ab: "Sie hat erkannt, dass ihr Kind die Misshandlungen nicht überleben würde. Sie kannte A.s Gewalttätigkeit, sah, wie er nach seiner eigenen Lust und Laune das Kind zur Räson zu bringen versucht. Sie erlebte, wie der Zustand des Kindes von Tag zu Tag desolater wurde, bis es zu keiner Regung mehr imstande war, bis es zusammengebrochen ist. Wer dieses miterlebt hat, der kann sich doch nicht darauf berufen, er habe vertraut, das Kind werde das schon überleben. Ein Kind ist kein Fels, es war angewiesen auf seine Mutter, der es möglich und zumutbar war, den Tod zu verhindern."

Die Kammer ignorierte mit diesem Urteil nicht nur den Antrag der Staatsanwaltschaft, die für die Frau eine Freiheitsstrafe von acht Jahren gefordert hatte, sondern sie setzte sich auch über die Sachverständigen, den Psychiater Norbert Nedopil und den Psychologen Joachim Weber, hinweg. Der Memminger Leitende Oberstaatsanwalt Johann Kreuzpointner, der auch in München die Anklage vertrat, hatte Zaneta C. zugute gehalten, dass sie nach der Festnahme in Brindisi mit ihrem Geständnis zur Aufklärung beigetragen habe. Weitmann wollte das nicht gelten lassen: "Der Verdacht wäre ohne Geständnis eben auf beide gleichermaßen gefallen." Dazu komme das Verhalten der Angeklagten in der Haft - "kein Bedauern, sie haben getanzt und waren bester Laune". Wer ernsthaft den Tod seines Kindes betrauere, verhalte sich anders.

"Keine Notlage, kein Zwang"

Wenig Eindruck machte auf die Kammer auch, was Nedopil und Weber vortrugen. A. trieb zwar Missbrauch mit Drogen, Alkohol und Tabletten, bei ihm könne durchaus auch eine Borderline-Störung vorliegen - doch welche strafrechtliche Relevanz habe dies für Karolinas Tod, fragten die Richter. Die Kammer habe "erhebliche Zweifel, ob sich die Tat überhaupt so zugetragen habe, wie von den Sachverständigen angenommen". Die sadistischen Quälereien hätten über Tage angedauert, gleichsam nach einer Art "Masterplan".

Wenn das Kinde nicht wie ein dressierter Hund parierte, habe es geheißen: "Jetzt braucht sie's wieder." Ein Leiden an der Borderline-Störung, wie der Bundesgerichtshof es fordere für den Fall einer Schuldminderung, sei bei A. nicht festzustellen. "Da haben die Sachverständigen ihre Sicht der Dinge zugrunde gelegt - von der Lebensgefährtin verlassen, ohne Beruf, ohne Aussicht auf Besserung der Verhältnisse. Aber ihm hat's ja gefallen, sein Leben als Pascha. Er ließ seine Lebensgefährtin sitzen, weil ihm Zaneta besser gefiel. Das ist alles. Da war kein Leiden, keine Notlage, kein Zwang. Karolina war für ihn das Kind eines Zuhälters, ein Bastard ohne Lebensrecht, der die sexuelle Beziehung nicht stören sollte." A.s eigenes Kind, auch ein Mädchen, habe er nach Zeugenaussagen dagegen immer liebevoll und fürsorglich behandelt, "wenn er nicht gerade in Haft oder in der Psychiatrie war". Das passe ja wohl nicht zu einer gestörten Persönlichkeit.

Die Verteidiger haben den Äußerungen des Vorsitzenden nichts entgegengesetzt. Sie haben geschwiegen. Weil sie den Rügen des Bundesgerichtshofs nichts entgegenzusetzen hatten? Oder weil sie den Druck der Öffentlichkeit nicht aushielten? Dem Münchner Urteil wird vermutlich nicht zu widersprechen sein.



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