Urteil im Prozess gegen SS-Wachmann "Der Befehl befreit Sie nicht von Schuld"

Das Landgericht Hamburg hat Bruno D. wegen Beihilfe zum Mord in 5232 Fällen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Die Richterin fand schonungslose Worte für den ehemaligen SS-Wachmann des KZ Stutthof.
Von Julia Jüttner, Hamburg
Angeklagter Bruno D. (hinter blauer Kladde) bei der Urteilsverkündung: "Sie haben das Sterben bewacht"

Angeklagter Bruno D. (hinter blauer Kladde) bei der Urteilsverkündung: "Sie haben das Sterben bewacht"

Foto: Daniel Bockwoldt/ DPA

Neun Monate lang musste Bruno D. eine Auszeit von seinem Lebensabend nehmen. Neun Monate, in denen er 45-mal in seinem Haus im Süden Hamburgs abgeholt, zum Landgericht in die Innenstadt gefahren und dort in seinem Rollstuhl in Saal 300 geschoben wurde.

Am Tag der Urteilsverkündung trägt Bruno D. ein schwarzes Sakko, weißes Hemd, Hut und Sonnenbrille. Die Vorsitzende der Jugendstrafkammer, Anne Meier-Göring, bittet alle Anwesenden im Saal, sich zu erheben. Bruno D. nimmt Hut und Sonnenbrille ab. Er müht sich aufzustehen. "Sie müssen nicht, Herr D.", sagt die Richterin und verkündet, dass sie ihn für schuldig hält. Schuldig der Beihilfe zum Mord in 5232 Fällen und der Beihilfe zum versuchten Mord in einem Fall.

Es geht um weitere neun Monate im Leben des Bruno D., die aber bereits Jahrzehnte zurückliegen. Er verbrachte diese Monate auf einem der Türme des Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig. Von August 1944 bis April 1945 schob er als Wachmann und Mitglied der 1. Kompanie des SS-Totenkopfsturmbanns dort seinen Dienst. Zu Beginn dieser Zeit war Bruno D. noch 17 Jahre alt.

Bruno D. blickt aufmerksam zur Richterbank. Die Kammer verurteilt ihn für diese neun Monate zu einer zweijährigen Jugendstrafe, die sie auf Bewährung aussetzt. Zudem muss er die Kosten seines Verteidigers übernehmen. "Dieses Verfahren hat uns allen rechtlich und menschlich viel abverlangt, uns nicht losgelassen", sagt Meier-Göring. Bruno D. setzt sich die Kopfhörer auf, um die Worte der Richterin besser verstehen zu können, er wendet den Blick nicht ab.

Misshandlungen, Hinrichtungen, Willkür, Sadismus

Eineinhalb Stunden lang folgt der 93-Jährige aufmerksam einer Urteilsbegründung, der Oberstaatsanwalt Lars Mahnke am Ende eine "beachtliche Tiefe" bescheinigen wird. Es ist die Begründung eines Urteils, das über die bisherige höchstrichterliche Rechtsprechung zu KZ-Wachleuten hinausgeht: Erstmals nimmt eine Kammer einen Massenmord durch lebensfeindliche Bedingungen im Konzentrationslager Stutthof an. Bislang wurden KZ-Wachleute nur wegen Beihilfe zu unmittelbaren Tötungen verurteilt.

Meier-Göring taucht ein letztes Mal ein in eine "unvorstellbar dunkle Zeit". Zeitzeugen wie die Nebenkläger Abraham Koryski und Marek Dunin-Wasowicz schilderten im Gericht das Leben der gefangenen Juden und politischen Gegner im KZ: tägliche Misshandlungen, Hinrichtungen, Willkür, Sadismus. Es waren erschütternde Momente, in denen Tränen flossen und Wut aufkeimte.

Bruno D.s Verurteilung gehe auf Zeugnisse dieser und anderer Überlebender zurück, sagt die Richterin und spricht von der "Hölle in Stutthof", in der das Leben für Inhaftierte von der ersten Sekunde an der Beginn eines "grausamen Sterbens" war. In Stutthof wurden 65.000 Menschen ermordet, auch mithilfe einer Genickschussanlage und Gaskammern.

"Achtet die Würde des Menschen um jeden Preis"

Richterin Anne Meier-Göring

"Sie waren einer der Gehilfen dieser von Menschen gemachten Hölle", sagt die Richterin an Bruno D. gewandt. Er hätte nicht einen verbrecherischen Befehl befolgen dürfen - noch weniger sich auf diesen berufen. "Der Befehl befreit Sie nicht von Schuld."

Dies sei die eigentliche Botschaft dieses Verfahrens: "Wehret den Anfängen! Seid und bleibt wachsam! Achtet die Würde des Menschen um jeden Preis - auch wenn der Preis die eigene Sicherheit ist." Das sei viel verlangt, gerade von einem 17-, 18-Jährigen wie Bruno D. es damals gewesen sei. Keiner wisse, wie er sich in dessen Situation verhalten hätte, sagt Richterin Meier-Göring. Aber gerade deshalb müsse das die Botschaft dieses Verfahrens sein: Wer sich so wie Bruno D. verhalte, der müsse bestraft werden - auch nach so vielen Jahren. Das sei die "rechtsstaatliche Antwort" auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Das Leben im KZ sei so unmenschlich, so entwürdigend gewesen, "das konnten Sie nicht übersehen, Herr D.", sagt Meier-Göring. "Sie wussten, dass vor Ihren Augen Unrecht geschah." Bis zuletzt blieb Bruno D. dabei, dass er vieles nicht mitbekommen habe, weil er ein Einzelgänger gewesen sei; zudem seien in seiner Einheit keine Nazis gewesen. Das sei eine Wahrheit, die er sich "zurechtgelegt" habe, begründet die Kammer ihr Urteil. "Um Sie herum waren die schlimmsten Nazis!"

Vor Jahrzehnten wurde Bruno D. erstmals befragt

Hauptsturmführer Richard Reddig, bereits vor 1933 Mitglied der SS, hatte den Heeressoldaten Bruno D. in die Einheit geholt. Reddig war die "rechte Hand" des damaligen Lagerkommandanten. Er wurde von Vorgesetzten gefeiert und ausgezeichnet für "große Verdienste um die Schutzstaffel", gemeint waren "Säuberungsaktionen", systematische Massentötungen. Reddig entschied, wer in welche Kompanie kam und vertraute bei der Zusammenstellung auf eine Mischung aus altgedienten, gewaltbereiten SS-Mitgliedern, erfahren im KZ-Dienst, und jungen Rekruten wie Bruno D., die er "ein Stück weit formen konnte", wie es Historiker Stefan Hördler im Prozess beschrieben hatte .

Das Gericht ist davon überzeugt, dass sich Bruno D. der "Kaltherzigkeit" seiner direkten Umgebung anpasste, um Konflikte zu vermeiden, wie es ihm als Kind anerzogen worden war. Meier-Göring bezieht sich auf das jugendpsychiatrische Gutachten, das Bruno D. eine Persönlichkeit bestätigte, die es ihm erschwerte, im KZ zu bestehen und gleichzeitig sich menschlich und strafrechtlich richtig zu verhalten.

Die Kammer erkannte an, dass sich Bruno D. seiner Schuld genähert, sich nie versteckt hat: 1982 war er im Rahmen von Ermittlungsverfahren gegen andere Tatverdächtige schon einmal befragt worden. Er gab bereitwillig Auskunft, aber weiter gegen ihn ermittelt wurde damals nicht. Es ist einer der Gründe, warum Bruno D. sich zu Beginn des Verfahrens beklagte, man habe ihm seinen Lebensabend zerstört.

Das will die Richterin allerdings so nicht stehen lassen. Sie sagt: Man habe ihn 75 Jahre lang in Ruhe leben lassen. Wäre Bruno D. bereits 1982 angeklagt worden, die Strafe wäre höher ausgefallen. "Wir zeigen nicht mit dem Finger auf Sie, Herr D.", sagt Meier-Göring. Aber es sei ein "furchtbares Unrecht" gewesen, das er getan habe. "Sie hätten in Stutthof nicht mitmachen dürfen."

Dass er sich jetzt - im Alter von 93 Jahren - dieser Verantwortung gestellt habe, sei "ein wichtiger Schritt" gewesen. Für ihn. Für das Verfahren. Für die Opfer.

Kein "Rädchen der Tötungsmaschinerie"

Deren Anwälte stehen später auf den Fluren des Landgerichts, viele stören sich daran, dass die Strafe zur Bewährung ausgesetzt wurde. Das sei das "falsche Signal", sagt Christoph Rückel. Er vertritt Nebenkläger aus Israel, Amerika und Australien. Er vermutet, dass die Kammer mit einer Bewährungsstrafe eine mögliche Revision verhindern und eine Überprüfung beim Bundesgerichtshof vermeiden will. Das Urteil könnte damit rasch rechtskräftig werden.

Bruno D. sei kein "Rädchen einer Tötungsmaschinerie" gewesen, meint das Gericht. Vielmehr ein Mensch, der den von Menschen erdachten und organisierten Massenmord an Menschen unterstützt habe, konstatiert Meier-Göring. Die Metapher des "Rädchens" entmenschliche dieses einzigartige Verbrechen gegen die Menschlichkeit und schaffe eine Distanz, die letztendlich dafür gesorgt habe, dass die deutsche Justiz viele Jahrzehnte lang mutmaßliche Täter wie Bruno D. nicht angeklagt oder vor Gericht gestellt habe.

Das ist auch der Grund, warum Bruno D. nur die Kosten seiner Verteidigung auferlegt werden; die restlichen Kosten muss die Staatskasse übernehmen. "Denn Sie sind nicht der alleinige Verursacher", sagt Meier-Göring zu Bruno D. "Sie waren Gehilfe des deutschen Staats."

Bruno D. blickt sie unverwandt an. "Sie haben Hilfe geleistet, Herr D. - jeden Tag. Dieser Beitrag liegt völlig klar auf der Hand", stellt Meier-Göring fest. Die deutsche Justiz habe sich 65 Jahre lang dieser Einsicht verweigert: Die Wachleute standen Schmiere, während die Mörder grausam Menschen vernichteten. "Sie haben diesem Sterben zugesehen, Herr D., und haben es bewacht."

Nur mit der Hilfe von Wachmännern wie Bruno D. habe "der grausame Massenmord" im KZ Stutthof funktionieren können. "Das konnten Sie damals erkennen. Jeder musste das damals erkennen. Wir sind davon überzeugt, dass auch Sie das damals begriffen haben." Alles andere sei schlichtweg nicht möglich, gelogen oder verdrängt.

Um 12.25 Uhr zieht Bruno D. wieder seinen Hut und die Sonnenbrille auf und nimmt eine blaue Aktenmappe in die Hand. Dahinter versteckt er sein Gesicht, als er ein letztes Mal aus Saal 300 geschoben wird.