Urteil im Talea-Prozess Rohe Gewalt, gefühllose Gesinnung

Talea kam in eine Pflegefamilie, weil ihre alkoholkranken Eltern sich im Rausch prügelten. Wenige Monate später starb die Fünfjährige. Ihre Pflegemutter soll sie getötet haben. Das Landgericht Wuppertal verurteilte Kaja G. zu acht Jahren Haft. Doch die will das Urteil nicht hinnehmen.

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Hamburg - Die Tragödie der kleinen Talea aus Wuppertal wirkt wie eine Verkettung der schlimmsten sozialen Merkmale, die eine moderne Gesellschaft aufweisen kann: materielle Not, emotionale Verrohung, Sucht und Missbrauch, behördliche Überforderung.

Vielleicht wäre Talea noch am Leben, wenn ihre leibliche Mutter an jenem 18. März 2008 nicht wieder betrunken gewesen wäre. Vielleicht hätte sie dann - wie verabredet - ihre fünfjährige Tochter bei der Pflegefamilie abgeholt, bei der Talea untergebracht war, hätte mit ihr den Tag verbracht. Doch die Mutter sagte den Termin ab. Wenige Stunden später starb Talea.

Die Pflegemutter Kaja G. soll das Mädchen getötet haben. Die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Wuppertal verurteilte die gelernte Arzthelferin zu acht Jahren Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge und Misshandlung von Schutzbefohlenen.

Große Sorge, "dass G. sogar freigesprochen wird"

Die Kammer unter dem Vorsitz von Richter Stefan Istel sah es als erwiesen an, dass die 38-jährige Kaja G. das Mädchen in eine mit kaltem Wasser gefüllte Badewanne setzte - Talea hatte sich eingenässt. Anschließend drückte G. dem Kind nach Ansicht des Gerichts für rund 20 Sekunden die Atemwege zu und ließ es bewusstlos über einen längeren Zeitraum im Wasser liegen. Dabei erlitt das Mädchen eine Unterkühlung, an der es schließlich starb.

Es habe sich bei dem Vorfall um eine "Tat von roher Gewalt und gefühlloser Gesinnung" gehandelt, sagte Istel. Allerdings könne Kaja G. kein bedingter Tötungsvorsatz nachgewiesen werden. Deswegen wurde sie wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt. Staatsanwalt Heribert Kaune-Gebhardt hatte in dem Indizienprozess eine elfjährige Freiheitsstrafe wegen Totschlags beantragt.

Christina Priestersbach, Anwältin von Taleas Eltern, die im Prozess als Nebenkläger auftraten, hatte sogar 13 Jahre Haft gefordert. Dennoch zeigte sich die Fachanwältin für Familienrecht über das Urteil erleichtert. "Die Eltern sind zunächst einmal froh, dass Kaja G. verurteilt wurde. Sie hatten große Sorge, dass sie sogar freigesprochen wird", sagte Priestersbach SPIEGEL ONLINE.

Die Verteidigung hatte Freispruch beantragt: Vermutlich habe ein Streit der Pflegemutter mit dem leiblichen Sohn zum tragischen Tod Taleas geführt. Die 38-Jährige sei "fassungslos" über das Urteil, sagten ihre Anwälte nach dem Prozess und kündigten an, Revision einlegen zu wollen.

Der Kinderkörper war mit Hämatomen übersäht

Kaja G., die sich während der Verhandlungstage mit randloser Brille und akkurat frisiert zeigte, hatte erst im Laufe des Verfahrens ihr Schweigen gebrochen und erklärt, sie sei nicht schuld am Tod des Mädchens. Ihrer Version zufolge fand sie Talea halbtot in der Badewanne, nachdem sie sie "stundenlang" nicht gesehen hatte.

Kaja G. hatte am 18. März 2008 selbst den Notruf alarmiert und die Rettungssanitäter mit Talea auf dem Arm empfangen. Das Mädchen mit den blonden Haaren und dem markanten, spitz zulaufenden Kinn sei völlig durchnässt und stark unterkühlt gewesen, sagte einer der Sanitäter vor Gericht aus.

Der kleine Kinderkörper sei mit Blutergüssen übersät gewesen: im Gesicht, im Nacken, hinter den Ohren, am Rücken, am Po, an den Innenschenkeln und Armen. Nur an wenigen Stellen seien keine Verletzungen zu sehen gewesen. Die Hämatome rührten laut Obduktionsbericht nicht von Unfällen her.

Nach Angaben des Rechtsmediziners Felix Mayer starb Talea an Unterkühlung. Ihre Körpertemperatur war in dem eiskalten Badewasser auf weit unter 28 Grad gesunken. Zuvor seien ihr von einer anderen Person Mund und Nase zugehalten worden.

Taleas Leben war kurz - und von Gewalt geprägt

Taleas Leben hatte bereits traurig begonnen: Immer wieder musste sie mit ansehen, wie der Vater die alkoholkranke Mutter verprügelte; in der kleinen Mietwohnung suchte sie regelmäßig Schutz für sich und ihre jüngere Schwester, wenn ihre Eltern im Rausch aufeinander losgingen.

Die Behörden hatten Talea und ihre heute drei Jahre alte Schwester den Eltern entzogen, nachdem die alkoholkranke Mutter beim Jugendamt um Hilfe gebeten hatte. Die beiden Mädchen kamen zu verschiedenen Pflegemüttern.

Wenn sie gewusst hätte, dass man ihr sofort die Kinder wegnehme, hätte sie dort nicht angerufen, hatte die Mutter, eine 36-jährige Kantinenangestellte, weinend vor Gericht ausgesagt.

Schon kurze Zeit, nachdem Talea in die Pflegefamilie aufgenommen worden sei, habe sie ihre eigene Tochter kaum wiedererkannt, sagte Taleas Mutter aus. Zuerst seien ihr Taleas gute Manieren aufgefallen - dann die blauen Flecken.

Die Kleine habe ohne Aufforderung ihren Müll alleine weggeräumt, höflich gefragt, ob sie sich etwas zu trinken holen dürfe, habe kerzengerade auf dem Stuhl gesessen - so erinnerten sich die Eltern, stotternd und weinend, vor Gericht. Dann entdeckten sie die Hämatome. Als sie nachfragten, habe die Pflegemutter erklärt, diese stammten von Bauklötzen. Oder: Talea sei die Treppe heruntergefallen. Oder: Sie habe sich gestoßen.

"Talea ist schon viel zu lange da - die muss weg!"

Kaja G., Mutter zweier Kinder, habe Gutes tun wollen, hatten Zeugen im Prozess ausgesagt. Deshalb habe sie sich als Pflegemutter zur Verfügung gestellt. Zudem sei sie selbst mit Pflegegeschwistern aufgewachsen. Die tausend Euro, die eine Pflegemutter monatlich bekommt, seien nicht der Grund gewesen, warum die bekennende Mormonin ein fremdes Kind bei sich aufgenommen habe. Talea war G.s erstes Pflegekind; sie sollte für wenige Monate in ihrer Obhut bleiben.

Im Rahmen des Prozesses wurde Kaja G. von Zeugen als gefühllos beschrieben. Eine Kinderärztin etwa erinnerte sich, dass sie auffallend herzlos über Talea sprach. "Die sollte eigentlich nur sechs Wochen bleiben. Die ist schon viel zu lange da - die muss weg!" Diese Sätze seien ihr "unerschütterlich im Gedächtnis" haften geblieben, sagte die 43-jährige Medizinerin. Auch, weil Talea Zeugin dieser Aussagen gewesen sei.

Die Richterin, die Kaja G. kurz nach Taleas Tod vernahm, beschrieb die 38-Jährige als resolut und beherrscht. Ihre "Nervenstärke" sei beeindruckend, fast beängstigend gewesen.

Eine Kindergärtnerin sagte im Zeugenstand, Kaja G. habe "das Herzliche" gefehlt, sie habe lieblos über Talea gesprochen. Ihr und ihrer Kollegin seien Taleas Verletzungen und die Erklärungen der Pflegemutter merkwürdig vorgekommen; sie protokollierten ihre Beobachtungen und gaben dem Jugendamt Hinweise auf mögliche Misshandlungen. Das Amt verordnete Hausbesuche, doch Kaja G.s Verhalten blieb folgenlos.

Nach Taleas Tod war auch das Wuppertaler Jugendamt in die Kritik geraten. Die Staatsanwaltschaft hatte ein Ermittlungsverfahren gegen zwei Sachbearbeiterinnen der Sozialverwaltung wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen eingeleitet. Bei den Ermittlungen wurden aber keine Verstöße gegen die Aufsichtspflicht der Behörde festgestellt.

Das Verfahren wurde eingestellt.



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