Urteil im Vergewaltigungsprozess Schicksalstag für Kachelmann

dapd

Von Simone Utler

Was konnten die Gutachter zur Klärung beitragen?


Da Aussage gegen Aussage steht, setzten die Prozessbeteiligten auf die Einschätzungen von Sachverständigen. Strittig sind vor allem drei Punkte:

  • die Verletzungen der Frau an Oberschenkeln und Hals, die sie sich auch selbst zugefügt haben könnte,
  • der Mangel an DNA-Spuren auf dem angeblichen Tatmesser,
  • Lügen der Frau im Vorfeld des Prozesses sowie Erinnerungslücken bezüglich der angezeigten Vergewaltigung.

Insgesamt wurden zehn Gutachter zum Prozess geladen, die sich vor allem zur Glaubwürdigkeit der Zeugin sowie zu ihren Verletzungen äußerten.

Rainer Mattern, Rechtsmediziner aus Heidelberg, von der Staatsanwaltschaft bestellt

Er hatte die ehemalige Freundin Kachelmanns zum ersten Mal etwa elf Stunden nach der angeblichen Tat untersucht. Weitere Untersuchungen folgten. Dabei ließ er die Frau auch selbst gegen ihre Schenkel schlagen und hielt das angebliche Tatmesser an deren Hals. Außerdem machte der Professor für sein Gerichtsgutachten sogar Selbstversuche mit seiner Ehefrau.

Das Ergebnis: "Ich kann weder nachweisen, dass der Angeklagte der Nebenklägerin die Verletzungen beigebracht hat, noch kann ich mit wissenschaftlichen Methoden nachweisen, dass sie sich die Verletzungen selbst beigebracht hat."

Luise Greuel, Aussagepsychologin aus Bremen, von der Staatsanwaltschaft bestellt

Sie hat die Glaubhaftigkeit der Aussage des mutmaßlichen Opfers untersucht. Kachelmanns früherer Verteidiger Reinhard Birkenstock interpretierte das Gutachten stets als entlastend. Sein Nachfolger Johann Schwenn kritisierte es hingegen als "spekulativ" und stellte einen Befangenheitsantrag - ohne Erfolg. Auf Antrag des Verteidigers stellte Greuel ihr Gutachten streckenweise unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor.

Das Ergebnis: Es könne weder ausgeschlossen werden, dass die Frau absichtlich lügt, noch, dass es sich um eine sogenannte autosuggestiv generierte Aussage handelt, so Greuel. Ein "etwaiger Erlebnisgehalt" lasse sich mit den Mitteln der Aussagepsychologie jedenfalls nicht nachweisen.

Günter Seidler, Psychotraumatologe aus Heidelberg, von der Staatsanwaltschaft bestellt

Er ist der Therapeut der Nebenklägerin und hält ihre Angaben für wahr. Das Landgericht Mannheim hörte ihn daher nur als sachverständigen Zeugen und nicht als Gutachter unter Ausschluss der Öffentlichkeit an. Verteidiger Schwenn wirft ihm "Wahrnehmungsverzerrung" vor und bezeichnete ihn als "Scharlatan".

Das Ergebnis: Seidler behauptet, die Erinnerungslücken der Frau bezüglich der Vergewaltigung seien auf eine Traumatisierung zurückzuführen. Ein seelisches Trauma mit möglichen Erinnerungslücken könne unter anderem durch besonders einschneidende und belastende Erlebnisse verursacht werden.

Hans-Ludwig Kröber, Psychiater aus Berlin, vom Gericht bestellt

Der Direktor des Instituts für forensische Psychiatrie an der Berliner Charité hatte die Ex-Geliebte Kachelmanns zwei Tage lang befragt.

Das Ergebnis: Er zweifelt an den Erinnerungslücken der Frau. In der Regel würden "dramatische Ereignisse in großer Helligkeit erinnert", das gelte auch für Vergewaltigungsopfer. Das "Kerngeschehen" bleibe in der Regel festverankerter Bestand der Erinnerung. Starke Belastung und Krankheit könnten zu einem globalen Gedächtnisverlust führen, punktuelle Erinnerungsausfälle seien eher unwahrscheinlich.

Hartmut Pleines, Psychiater aus Heidelberg, vom Gericht bestellt

Er sollte Kachelmanns Schuldfähigkeit beurteilen. Doch der Angeklagte verweigerte sich einer Untersuchung. Pleines hielt anhand der Biografie und der Angaben aus dem Umfeld des 52-Jährigen eine psychiatrische Diagnostik aber für möglich. Hilfreich seien dabei vor allem die Angaben ehemaliger Sexualpartnerinnen gewesen, sagte er vor Gericht.

Das Ergebnis: Kachelmann weiche "ein gutes Stück vom Idealbild einer ausgeglichenen Persönlichkeit ab". Sein Leben sei geprägt von einer "beständigen Beziehungs- und Bindungslosigkeit". Trotz eines "betont variantenreichen Sexuallebens" könne nicht von einem Krankheitsbild gesprochen werden. Die Lebensgeschichte des Wettermoderators lasse "keinen Hinweis auf gröbere psychische Störungen" erkennen. Rückschlüsse auf eine mögliche Tatbereitschaft konnte Pleines nicht ziehen.

Gerhard Bäßler, Spurenexperte vom Landeskriminalamt Baden-Württemberg, vom Gericht bestellt

Laut Bäßler befinden sich am Messergriff sowohl geringfügige Spuren, die von der Frau stammen, als auch eine noch geringere, die auf Kachelmann hinweist. Der Gutachter spricht von einer "Mischspur an der Nachweisgrenze".

"Wenn eine Person das Messer mehrere Minuten in der Hand gehabt hat", sagt Bäßler, "dann würde ich ein eindeutigeres Ergebnis erwarten." Die Auswertung der DNA-Spuren habe nicht den Beweis dafür erbracht, dass Kachelmann seine Geliebte mit einem Messer bedroht und verletzt habe: "Es gibt keine Hinweise darauf, dass mit dem Messerrücken oder der Spitze Verletzungen herbeigeführt wurden", sagte Bäßler.

Markus Rothschild und Klaus Püschel, Rechtsmediziner aus Köln und Hamburg, von der Verteidigung beauftragt

Beide Gutachter beschäftigten sich vor allem mit den Verletzungen am Hals der Frau und an ihren Oberschenkeln

Das Ergebnis: Sie halten Selbstverletzungen für naheliegend. Auszuschließen sei jedoch nicht, dass die Halsverletzungen von einem Messer stammten. Rothschild zitierte aus dem "Handbuch für gerichtliche Medizin" einen Zehn-Punkte-Katalog, welche Merkmale für Selbstverletzungen typisch seien. Verblüffend viele trafen auf die Nebenklägerin zu, etwa das Fehlen von Abwehrverletzungen, die leicht erreichbare Stelle der Verletzungen, die oberflächlichen Ritzer an Bauch, linkem Schenkel und linkem Arm, ihre parallele Anordnung. "Eine solche Befundkonstellation habe ich noch nie gesehen", so Rothschild.

Püschel fand viele Anhaltspunkte für Manipulation, "entweder durch die Nebenklägerin selbst verursacht oder mit Hilfe einer weiteren Person". Er sprach von "eindeutigen Hinweisen auf Selbstverletzung". Ein "überfallartiges Geschehen" schloss er aus.

Günter Köhnken, Rechtspsychologe aus Kiel, von der Verteidigung beauftragt

Ihn hatte Kachelmanns erster Verteidiger Reinhard Birkenstock mit einer Stellungnahme zum Greuel-Gutachten beauftragt. Der jetzige Verteidiger Johann Schwenn bat darüber hinaus, Köhnken möge sich auch zur "nicht geringen Wahrscheinlichkeit einer intentionalen Falschaussage", also einer kompletten Lüge, äußern.

Das Ergebnis: Köhnken bezeichnete die Angaben der Anzeigeerstatterin zum angeblichen Vergewaltigungsgeschehen als äußerst lückenhaft. "Man würde erwarten, dass alles, was mit dem Messer zu tun hat, ganz besonders genau beobachtet wird. Hier ist aber genau das Gegenteil der Fall." Köhnken erklärte "die Hypothese, dass die Aussage über eine Vergewaltigung plus Bedrohung mit einem Messer durch autosuggestive Prozesse erzeugt worden sein könnte", für widerlegt. Eine bewusste Falschanschuldigung wollte er nicht bestätigen: "Wir sind keine Lügendetektoren."

Bernd Brinkmann, Rechtsmediziner aus Münster, von der Verteidigung beauftragt

Ihn lehnte die Staatsanwaltschaft als befangen ab. Diesem Antrag kam das Gericht nach. Daher konnte Brinkmann nur noch als sachverständiger Zeuge aussagen. Er hatte den mutmaßlichen Tathergang nachgestellt, indem er ein Küchenmesser an den Oberarm eines Kollegen presste und dann die Kratz- und Druckspuren prüfte. Zudem habe er sich mit den Fäusten auf seine Oberschenkel geschlagen, trug er vor.

Sein Ergebnis: Er geht von lange vorbereiteten Selbstverletzungen der Nebenklägerin aus. Die Struktur der Hämatome an den Oberschenkeln lasse auf Schläge mit Fäusten schließen, nicht auf statische Verletzungen mit den Knien bei einer Vergewaltigung. Nach seiner Auffassung scheide das Tomatenmesser als Verursacher für die Spuren am Hals aus. Sehr viel wahrscheinlicher sei ein Kratzen mit dem Daumennagel. Auch beweise die geringe DNA-Spur am Messergriff nicht, dass es Kachelmann überhaupt in der Hand gehalten habe.

Hans Markowitsch, Hirnforscher aus Bielefeld, von Verteidiger Birkenstock beauftragt, von Schwenn ausgeladen - dann von Staatsanwaltschaft geladen

Hirnforscher Markowitsch war ursprünglich von Kachelmanns Anwalt Birkenstock mit einem Gutachten beauftragt worden. Aus Sicht des neuen Verteidigers Schwenn brauchte man ihn offenbar nicht mehr - er wurde ausgeladen. Geladen wurde der Experte dennoch, von der Staatsanwaltschaft. Sein Auftrag war es, die Erinnerungslücken des angeblichen Opfers zu erklären.

Sein Ergebnis: Ein Trauma in Form eines einschneidenden Erlebnisses kann unter bestimmten Umständen zu Erinnerungslücken führen. Entscheidend seien die Lebensumstände des Patienten. Bei Menschen, die bereits in der Kindheit oder Jugend durch ein Erlebnis traumatisiert worden seien, könnten später in ähnlichen Situationen Gedankenblockaden auftreten. Die Öffentlichkeit wurde ausgeschlossen, als sich der Wissenschaftler zu den Details des Falls äußerte.

Die wichtigsten Aspekte des Verfahrens



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Regulisssima 30.05.2011
1. Glaubwürdigkeit
Für Kachelmann geht es um alles, für die Staatsanwaltschaft um die eigene Glaubwürdigkeit, und die ist ihr eh egal.
fatherted98 30.05.2011
2. Ob es wohl...
...bald einen Film über Kachelmann gibt....wahrscheinlich mit Moritz Bleibtreu als Kachelmann und Katja Riemann als verschmähte Geliebte, Senta Berger als Alice Schwarzer, Mario Adorf als Richter und Oliver Pocher als...Oliver Pocher.
frubi 30.05.2011
3. .
Zitat von sysop43 Verhandlungstage, neun Gutachter, mehrere Ex-Freundinnen als Zeugen und unzählige Medienberichte: Im Prozess gegen Jörg Kachelmann steht das Urteil bevor. Die Wahrheitsfindung war extrem schwierig, es gibt nur Indizien, keine Beweise. Überblick über die wichtigsten Aspekte des Verfahrens.* http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,765103,00.html
43 Verhandlungstage, neun Gutachter, mehrere Ex-Freundinnen als Zeugen und unzählige SPON-Beiträge: und für was? Bin ich froh wenn das vorbei ist ...... wobei? Neeeein. Es gibt ja noch DSK. Wieso gibt es eigentlich keine medienfreien Tage oder gar eine Medienfreie Woche, in der so etwas keine Rolle im öffentlichen Leben spielt?
Dampflok, 30.05.2011
4. Schaden
Den Schaden, den die Falschbeschuldigerin angerichtet hat, kann kein Geld der Welt mehr gut machen. Es wird Zeit, Gesetze zu schaffen und so anzuwenden, daß derartige, bewußte Taten entsprechend geahndet werden. Ich befürchte, die Dame kommt in einem evtl. gegen sie angestrengten Prozeß mit einem "Dududu" davon, weil sie sich "in einer psychischen Ausnahmesituation" befand - die Standardausrede bei Gerichtsurteilen gegen Täterinnen. Befindet sich denn aber nicht fast jeder Rechtsbrecher in so einer Situation? Die Dame hat ihr Tun strategisch vorbereitet und genau gewußt was sie tut. Ich verlange vor Allem von den Medien eine völlige Wiedereinstellung Kachelmanns, so wie man ja auch keine Probleme hatte, ihn aufgrund der falschen Verdächtigung rauszuwerfen. .
berlin_rotrot, 30.05.2011
5. -
Das Urteil kann nur Freispruch lauten bei den nicht vorhandenen Beweisen. Alles andere wäre nicht Rechtsstaat konform.
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