Urteil wegen Attacke auf Roma-Familie "Äußerst verwerflich und menschenverachtend"

Fünf junge Männer wurden verurteilt, weil sie eine brennende Fackel auf den Wohnwagen einer Roma-Familie geworfen haben. Der Richter fand deutliche Worte für ihre Tat.
Von Wiebke Ramm, Ulm
Zwei der Angeklagten im Prozess vor dem Landgericht Ulm (Archivbild)

Zwei der Angeklagten im Prozess vor dem Landgericht Ulm (Archivbild)

Foto: Stefan Puchner / dpa

Die jungen Männer terrorisieren die Roma-Familie im Mai 2019 immer wieder. Erst besprühen sie ein Schild mit der Botschaft "Not welcome", nicht willkommen. Dann zünden sie einen Knallkörper und legen einen halb verwesten Schwan an die Wiese, auf der die Frauen, Männer und Kinder mit ihren Wohnwagen in Erbach-Dellmensingen im Alb-Donau-Kreis campen. In der Nacht des 24. Mai 2019 wirft Leo B., 19, schließlich eine brennende Fackel aus einem Auto. Am Steuer sitzt Maximilian P., 18. Auf der Rückbank grölen Dominik O., 18, Julian F., 17, und Robin D., 18. Sie beschimpfen die Roma-Familie als "Zigeuner", die sich "verpissen" sollen. So haben die Angeklagten die Angriffe vor Gericht geschildert. Die brennende Fackel landet im Gras neben einem Wohnwagen. In dem Wohnwagen schlafen eine Frau und ihr neun Monate altes Baby. Die Flamme erlischt nach wenigen Minuten von selbst. 

Wegen gemeinschaftlicher Nötigung in 45 Fällen hat die 2. Große Strafkammer des Landgerichts Ulm vier der fünf Männer am Mittwoch zu Jugendstrafen von 10 bis 16 Monaten verurteilt, ausgesetzt zur Bewährung. Getrieben von "Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antiziganismus" hätten alle fünf Angeklagten "ein Klima von Angst und Schrecken verbreiten" und deutlich machen wollen, dass weitere Angriffe folgen würden, wenn die Familie nicht abreist. "Äußerst verwerflich und menschenverachtend" nennt der Vorsitzende Richter Michael Klausner ihr Tatmotiv.

"Dafür fehlen einem die Worte"

Richter Michael Klausner

Das Gericht hat alle Angeklagten nach Jugendstrafrecht verurteilt. Um eine Freiheitsstrafe zu verhängen, auch wenn sie zur Bewährung ausgesetzt wird, muss die Kammer bei den Angeklagten von sogenannten schädlichen Neigungen ausgehen. Für das Gericht steht außer Frage, dass eine solche Neigung zumindest zum Tatzeitpunkt bei allen fünf Angeklagten vorlag.

Der Vorsitzende Richter spricht von "Unmengen an Bildmaterial", das auf ihren Handys gefunden wurde. Darunter etwa ein Foto, auf dem die Angeklagten mit einer Reichsflagge mit Reichsadler und Eisernem Kreuz posieren und den Hitlergruß zeigen. Sie huldigten Hitler, hörten "die menschenverachtenden Texte" der rechtsextremen Band Landser und bezeichneten Roma als "Pest". "Dafür fehlen einem die Worte", sagt der Richter.

Die Täter müssen eine KZ-Gedenkstätte besuchen

Maximilian P., der in der Tatnacht das Auto fuhr, ist der einzige Angeklagte, bei dem die Richter unsicher sind, ob die Verhängung einer Jugendstrafe noch notwendig ist. Maximilian P. hat früh und vollumfänglich gestanden, er hat sich bei der Familie entschuldigt und ihnen 5000 Euro als Entschädigung gezahlt. Er habe sich zudem "ein komplett neues Umfeld" gesucht, an einem Aussteigerprogramm für Neonazis teilgenommen und sei "von seinem Gedankengut vollständig abgerückt". Die Richter wenden in seinem Fall Paragraf 27 Jugendgerichtsgesetz an. Das heißt, Maximilian P. muss sich nun eineinhalb Jahre lang bewähren. Gelingt ihm das, "hat sich die Sache für Sie erledigt", wie es Richter Klausner formuliert. Wird er noch einmal auffällig, droht auch ihm eine Jugendstrafe.

Alle fünf jungen Männer müssen nun zudem innerhalb von vier Monaten eine KZ-Gedenkstätte besuchen, um sich mit der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen. Hinterher müssen sie auf zehn Seiten ihre Eindrücke aufschreiben. Leo B., Dominik O. und Julian F. müssen außerdem 1200 Euro an die Hildegard-Lagrenne-Stiftung zahlen, die Sinti und Roma unterstützt. Maximilian P. und Robin D. haben der Roma-Familie, die sie aus Erbach vertreiben wollten, bereits eine Entschädigung gezahlt.

Vom Vorwurf des versuchten Mordes und der versuchten schweren Brandstiftung sind die Richter abgerückt. Dass die jungen Männer den Tod von Menschen durch den Fackelwurf zumindest billigend in Kauf genommen haben, sieht das Gericht nicht als erwiesen an. "Da man in die Köpfe der Angeklagten nicht hineinsehen kann, braucht es Indizien", um einen solchen Tötungsvorsatz festzustellen, erklärt der Richter. Aus Sicht der Kammer liegen solche Indizien nicht vor. 

Denn die fünf Freunde hätten die Tat nicht von langer Hand geplant. Sie hatten am Tatabend an einem Weiher geangelt. Zufällig kam ein Mann vorbei, der ihnen zwei Fackeln im Tausch gegen einen Fisch anbot. Die Angeklagten hätten sich dann spontan entschlossen, mit der brennenden Fackel zu der Wiese zu fahren, wo die Roma-Familie campte. Dort hätten sich die jungen Männer auch nicht an die Wohnwagen herangeschlichen, sondern sich in ihrem Auto mit lauter Musik und grölend genähert.

Die Kammer folgt den Ausführungen eines Sachverständigen, wonach der Wohnwagen, in dem die Frau mit ihrem Baby schlief, nur unter ungünstigsten Umständen hätte Feuer fangen können. Die Fackel hätte direkt an einem Reifen landen und noch mindestens zehn, eher 15 Minuten brennen müssen, bis das Feuer auf den Reifen und so auf den Wohnwagen übergegangen wäre. Die Fackel der Angeklagten sei jedoch schon so weit abgebrannt gewesen, dass sie nur noch etwa zwei Minuten brannte, bevor sie von selbst erlosch.

"Alle, auch die Angeklagten, hatten großes Glück", sagt Mehmet Daimagüler nach der Urteilsverkündung. Daimagüler ist der Anwalt der Frau, die mit ihrem Baby im Wohnwagen schlief. Sie alle hätten Glück gehabt, dass bei dem Angriff niemand verletzt wurde. "Das war kein dummer Jungenstreich. Das war kein Klamauk. Das war todernst."

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