Urteil Scotland Yard wegen Erschießung eines Unschuldigen verurteilt

Polizisten hielten ihn für einen Terroristen und töteten Jean Charles de Menezes in einer Londoner U-Bahn-Station: Ein Geschworenengericht hat Scotland Yard deswegen nun verurteilt. Es wertete die Erschießung des Brasilianers als Kollektivversagen.

London - Die Polizei muss nun 175.000 Pfund Strafe und Prozesskosten in Höhe von 385.000 Pfund zahlen. Scotland Yard habe sich schwerwiegender Sicherheitsverfehlungen schuldig gemacht, hieß es zur Begründung. Mit dem Schuldspruch wurden keine einzelnen Beamten belastet. Vielmehr wurde der missglückte Einsatz als Kollektivversagen gewertet. Die Einsatzleiterin Cressida Dick wurde explizit von individueller Schuld freigesprochen.

Der fälschlicherweise als Terrorverdächtiger eingestufte Jean Charles de Menezes war von der Polizei überwacht worden. Der 27-Jährige wurde dann Ende Juli 2005 in einer Südlondoner U-Bahn-Station von Polizisten aus kurzer Distanz mit sieben Schüssen in den Kopf getötet. Die Polizei erklärte, der Mann habe anscheinend zu fliehen versucht, übernahm jedoch die Verantwortung für dessen Tod. Die Unabhängige Beschwerdekommission der Polizei lehnte es später ab, in dem Fall individuelle Polizisten anzuklagen.

De Menezes wurde inmitten einer großen Fahndungsaktion einen Tag nach der gescheiterten Anschlagsserie vom 21. Juli 2005 erschossen. Zwei Wochen zuvor hatten vier Selbstmordattentäter bei Anschlägen auf drei U-Bahn-Züge und einen Bus 52 Menschen getötet und Hunderte verletzt.

Scotland-Yard-Chef Ian Blair erklärte nach der Urteilsverkündigung sein "tiefes Bedauern" über den "tragischen Tod" von Menezes. Die Polizei bekräftige ihre Entschuldigung bei dessen Familie. Scotland Yard werde seine Praktik bei der Verfolgung von Terrorverdächtigen überprüfen, um Gefährdungen von Unschuldigen so weitgehend wie möglich auszuschließen. Politiker der Opposition forderten nach dem Schuldspruch Blairs Rücktritt. Der Polizeichef lehnte dies ab.

Bereits im August war in einem unabhängigen Untersuchungsbericht kritisiert worden, der 27-Jährige Brasilianer habe keinerlei Chance gehabt, seine Unschuld zu zeigen. Staatsanwälte hatten im jetzigen Verfahren geltend gemacht, dass die Planung und Ausführung der Antiterroraktion durch zahlreiche einzelne Fehler beeinträchtigt war.

Die Terrorbekämpfer hatten de Menezes damals mit dem Attentäter Hussein Osman verwechselt. Dieser war später mit drei anderen Terroristen wegen versuchter Bombenanschläge zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Sie hatten die Anschläge vom 7. Juli nachahmen wollen.

jjc/AP/dpa

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