Befreite Frauen in Ohio "Helfen Sie mir, ich bin Amanda Berry"

Mitten in einem belebten Wohnviertel wurden sie gefangen gehalten - und niemand will etwas bemerkt haben: Vor zehn Jahren wurden im US-Bundesstaat Ohio drei Frauen entführt, jetzt hat man sie aus dem Haus eines Mannes befreit. Als erster gelang Amanda Berry die Flucht - mit ihrer kleinen Tochter.

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Cleveland - Einen Tag vor ihrem 17. Geburtstag rief Amanda Berry ihre Schwester an und teilte ihr mit, jemand würde sie nach der Arbeit beim Burger King nach Hause bringen. Dann verschwand sie spurlos. Zehn Jahre später geht bei der Polizei von Cleveland, Ohio, ein Notruf ein: "Helfen Sie mir, ich bin Amanda Berry", sagt eine Frauenstimme. "Ich wurde entführt. Ich werde seit zehn Jahren vermisst. Ich bin hier. Ich bin jetzt frei."

Berry hat panische Angst, dass "er zurückkommt". Sie nennt den Namen des Mannes, der offenbar hinter ihr her ist: Es ist ein Lateinamerikaner, 52, Ariel C.

Am Nachmittag hatte ein Anwohner der Seymour Avenue in Cleveland lautes Schreien gehört. "Ich sah dieses Mädchen, das total ausflippte und versuchte, aus dem Haus zu gelangen", berichtete Charles Ramsey. "Hol mich hier raus, ich bin seit langer Zeit hier drin", habe die junge Frau gerufen. Er habe gedacht, es handele sich um einen Fall von häuslicher Gewalt und gemeinsam mit dem Nachbarn Angel Cordero die Tür eingetreten, um sie zu befreien. "Und sie kommt raus mit einem kleinen Mädchen und sagt: 'Holt die Polizei. Mein Name ist Amanda Berry'."

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Cleveland: Vermisste Frauen gefunden
Sie sei nicht die Einzige, sagte Berry der Polizei. "Da gibt es noch mehr Mädchen im Haus." Tatsächlich stieß die Polizei auf zwei weitere Frauen, Gina DeJesus und Michelle Knight. Die damals 14-Jährige DeJesus verschwand am 2. April 2004 auf dem Heimweg von der Schule. Die heute 32 Jahre alte Michelle Knight wurde dem Lokalsender ABC News Channel 5 zufolge seit ihrem 20. Lebensjahr vermisst.

Die Bundespolizeibehörde FBI durchsuchte das Haus, in dem die Frauen festgehalten wurden. Es liegt in einer überwiegend von Lateinamerikanern bewohnten Gegend in Cleveland, weniger als einen Kilometer von den Häusern der Familien von Berry und DeJesus entfernt.

"Es ist unglaublich und ein Segen für die Gemeinde, die Polizei und ihre Familien, dass sie noch leben", sagte der stellvertretende Polizeichef von Cleveland, Ed Tomba. "Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie glücklich wir sind."

Die drei Opfer wurden nach ihrer Befreiung in einem Krankenhaus in Cleveland behandelt. Es gehe ihnen gut, sagte Gerald Maloney, ein Arzt in der Notaufnahme des Metro Health Medical Centers. "Normalerweise gehen solche Geschichten anders aus, daher sind wir sehr froh für sie."

Wie die Behörden mitteilten, wurden bereits drei Verdächtige festgenommen. Es handelt sich um Brüder im Alter von 50, 52 und 54 Jahren. Die Verdächtigen seien aufgrund von Informationen in Gewahrsam genommen worden, die die Vermissten geliefert hätten, sagte Clevelands Polizeichef Ed Tomba. Seinen Angaben zufolge wurden die Frauen vermutlich seit ihrem Verschwinden in dem Haus festgehalten.

"Du musst ganz schön dicke Eier haben"

Bisher ist vollkommen unklar, was das Motiv gewesen sein könnte. Offenbar gelang es den Brüdern, die Frauen vollkommen unbemerkt von den Nachbarn versteckt zu halten. Der Besitzer des Hauses wurde von Nachbarn als freundlicher Schulbusfahrer und Musiker beschrieben. "Du musst ganz schön dicke Eier haben, um das durchzuziehen", bemerkte Retter Charles Ramsey. "Wir haben den Typen jeden Tag gesehen, wirklich jeden Tag. Ich habe mit dem Typen gegrillt und Salsa gehört. Ich hatte keine Ahnung, dass das Mädchen in dem Haus war."

Nach der dramatischen Befreiung der Frauen versammelten sich Hunderte jubelnde Menschen in der normalerweise ruhigen Wohnstraße und feierten die Nachricht, dass die Vermissten noch am Leben sind. "Ich bin so glücklich", sagte Berrys Cousine Tashina Mitchell unter Tränen, als sie die gute Nachricht vernahm. "Ich habe die Hoffnung nie aufgegeben." Ihre Mutter allerdings wird Amanda Berry nicht mehr sehen können. Louwana Miller starb im März 2006. Ihr Gesundheitszustand hatte sich nach dem Verschwinden der Tochter beständig verschlechtert, berichteten Verwandte.

Die Details der jahrelangen Gefangenschaft der drei Frauen sind bislang noch unklar, mindestens eine von ihnen brachte in der Zeit jedoch offenbar ein Kind zur Welt, das mittlerweile sechs Jahre alt ist. Ob es gravierende Ermittlungsfehler gegeben hat, ist bisher nicht bekannt.

Die Großmutter von Michelle Knight erklärte, die Familie sei nach dem Verschwinden des Mädchens und Gesprächen mit Polizei und Sozialarbeitern davon ausgegangen, dass es weggelaufen sei. Die Mutter Barbara Knight hingegen erklärte, sie habe nie an diese Variante geglaubt. "Ich bete, dass wenn sie es ist, sie zu mir zurückkommt, damit ich ihr helfen kann, sich davon zu erholen, was sie erlebt hat", sagte die heute in Florida lebende Frau. "Es ist so viel passiert in den vergangenen zehn Jahren. Sie hat eine jüngere Schwester, die sie noch nie gesehen hat."

Die Mutter von Gina DeJesus, Nancy Ruiz, war über die Jahre zu der Überzeugung gelangt, Menschenhändler hätten ihre Tochter 2004 auf dem Schulweg gekidnappt. Der Vater Felix DeJesus beklagte 2006, die Behörden hätten es versäumt, direkt nach der Entführung Alarmstufe Gelb des Warnsystems für vermisste Kinder zu aktivieren. Der sogenannte Amber Alert wird in den USA nur ausgegeben, wenn klar ist, dass ein Kind entführt wurde. "Der Alarm sollte für alle vermissten Kinder gelten", sagte DeJesus. "Wir müssen dieses Gesetz ändern."

ala/Reuters



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