US-Gefängnisse Mit Tasern und Chemiespray gegen psychisch Kranke

Statt in der Psychiatrie landen in den USA Hunderttausende psychisch kranke Menschen im Gefängnis. Dort werden sie brutal misshandelt, manche sterben an den Folgen. Jetzt schlagen Menschenrechtsaktivisten Alarm.
US-Gefängniszelle (Pelican Bay State Prison): Knast statt Klinik

US-Gefängniszelle (Pelican Bay State Prison): Knast statt Klinik

Foto: Reuters/ REUTERS

Chris Lopez starb einen einsamen, unwürdigen, vermeidbaren Tod. Der 35-Jährige aus dem US-Bundesstaat Colorado litt seit seiner Kindheit an Schizophrenie, Paranoia und Wahnvorstellungen. Als Erwachsener pendelte er jahrelang zwischen Psychiatrie und Haftanstalt. Schließlich landete er in der San Carlos Correctional Facility (SCCF), einem Spezialgefängnis für psychisch Kranke zu Füßen der Rocky Mountains.

Dort wurde Lopez mit Psychopharmaka vollgepumpt und in Isolationshaft gesperrt. Eines Nachts fanden ihn die Wärter fast leblos auf dem Boden. Statt eines Arztes riefen sie ein Sonderkommando in Kampfausrüstung, das Lopez mit Handschellen und Fußketten fesselte. Lopez bekam Krampfanfälle, doch die Wärter lachten ihn nur aus und ließen ihn alleine.

Sechs Stunden später war er tot.

Kein Einzelfall: Mehr als 350.000 psychisch kranke Amerikaner sitzen zurzeit nicht etwa in psychiatrischen Kliniken, sondern im Gefängnis, wo sie oft brutal misshandelt werden - mit teils fatalen Folgen. Jetzt schlägt die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) Alarm: Ein solcher "gefühlloser und grausamer" Umgang mit den Kranken sei ein Verstoß gegen die "fundamentalen Menschenrechte".

Die Unterbringung und Misshandlung psychisch Kranker in den rund 5100 US-Gefängnissen stehe nicht nur im Widerspruch zur Verfassung, kritisiert HRW in einem nun veröffentlichten 126-Seiten-Bericht . Sondern auch zu internationalen Abkommen, die "Folter oder andere grausame, unmenschliche oder entwürdigende Behandlung" verböten.

"Gefängnisse sind zu Nervenkliniken geworden", schreibt HRW. In einigen US-Haftanstalten betrage der Anteil der psychisch Kranken 40 Prozent - zum Beispiel im skandalumwitterten New Yorker Gefängnis Rikers Island.

New Yorker Gefängnis Rikers Island: Bis zu 40 Prozent psychisch Kranke

New Yorker Gefängnis Rikers Island: Bis zu 40 Prozent psychisch Kranke

Foto: Corbis

Sparmaßnahmen und ein marodes Gesundheitswesen führten in den vergangenen Jahren dazu, dass die meisten psychiatrischen Krankenhäuser der USA schließen mussten. Es mangelt an fachgerechter Behandlung, von Unterkünften ganz zu schweigen. Stattdessen kommen die oft mittellosen Patienten einfach in den Knast.

"Für Männer und Frauen mit psychischen Problemen können Gefängnisse gefährliche, sogar tödliche Orte sein", resümiert HRW-Justizexpertin Jamie Fellner. "Gegen die Häftlinge wird mit Gewalt vorgegangen, selbst wenn sie wegen ihrer Krankheit Anweisungen nicht verstehen können."

So seien psychisch kranke Gefangene mit chemischen Sprays besprüht, getasert oder tagelang an Betten oder Zwangsstühle gefesselt worden. Wachleute hätten ihnen Kiefer, Nasen oder Rippen gebrochen, ihnen Brandwunden oder Blutergüsse zugefügt, sogar innere Organe verletzt. "In einigen Fällen", schreibt HRW, "führte die Gewalt zum Tode."

Neben Chris Lopez fand die Organisation viele weitere Beispiele von Häftlingen, die ihren amtlichen Peinigern hilflos ausgeliefert waren:

• Nick Christie, ein 62-Jähriger aus Florida mit Depressionen und Angstzuständen, sei wegen eines geringfügigen Vergehens inhaftiert worden. Die Wachleute hätten ihn binnen 36 Stunden mehr als ein Dutzend Mal mit chemischem Spray besprüht und ihn an einen Stuhl gefesselt. Er sei an Herzstillstand gestorben.

• Robert Sweeper, ein Obdachloser aus South Carolina, sei eingesperrt worden, weil er in einer kalten Februarnacht in einem Schuleingang geschlafen habe. Ein Sicherheitsmann habe ihm im Gefängnis den Arm und das Handgelenk verdreht und in den Oberkörper getreten. Die Folge: Lungenriss, dreifacher Rippenbruch und zwei gebrochene Wirbel.

• Marie Franks, eine 58-Jährige mit bipolarer Störung, habe ihre Medikamente nicht bekommen. Ihr Zustand habe sich zusehends verschlechtert. Ein Wachmann habe sie acht Minuten lang getasert.

Rikers Island im New Yorker Stadtteil Bronx ist eines der berüchtigtsten Gefängnisse. So starb der psychisch kranke Obdachlose Jerome Murdough dort im Februar 2014 in einer mit mehr als 38 Grad völlig überhitzten Zelle. Murdough, 56, war eingesperrt worden, weil er in einem privaten Treppenhaus Zuflucht vor der Kälte gesucht hatte. Ein Gericht sprach seiner Familie 2,25 Millionen Dollar Schadensersatz zu.

Auch die Hinterbliebenen von Chris Lopez erstritten sich drei Millionen Dollar. Zwei Wachleute und eine Krankenschwester wurden gefeuert. Die Vollzugsbehörde von Colorado hakte den Fall kurz ab: "Das Amt billigt die Handlungen oder Versäumnisse der involvierten Beamten nicht."