US-Prozess Vatermord im Nazi-Milieu

Jeff Hall war einer der umtriebigsten und radikalsten Neonazis in den USA. Sein eigener Sohn soll den Agitator des "National Socialist Movement" erschossen haben. Jetzt steht der gerade mal Zehnjährige in Kalifornien vor Gericht.

AP

Hamburg - Jeff Hall war ein Hüne mit Hang zu Nazi-Uniformen und großflächigen Totenkopf-Tattoos. Ein breitschultriger Klempner und einer der gefährlichsten Rassisten in Kalifornien. Hall war auch ein misstrauischer Mann. Nachdem Bürger der kalifornischen Stadt Riverside empört gegen seine nationalsozialistische Hetze demonstrierten, ließ er vor seinem Haus Überwachungskameras installieren. Offenbar aus Angst vor dem Feind dort draußen.

Am 1. Mai fanden Polizeibeamte die Leiche des 32-Jährigen. Hall lag mit einer Schusswunde in der Brust auf einem Sofa in seinem Haus. Hinter der Tat stand allerdings nicht sein politischer Gegner: Sein eigener Sohn, gerade zehn Jahre alt, soll eine Pistole auf ihn gerichtet haben. Niemand weiß, wie der Junge an die Tatwaffe kam. Es wird allerdings vermutet, dass sie aus dem Besitz des Opfers stammt. Am Tatort fand die Polizei auch ein Gewehr.

Der mutmaßliche Schütze befindet sich derzeit in Jugendarrest, seine insgesamt vier Geschwister wurden der Obhut der Behörden überstellt. Seit dem 4. Mai muss sich der Junge vor Gericht verantworten. Bei seinem ersten Auftritt vermied er jeden Augenkontakt mit seinen Verwandten. Später bat er darum, seine Großmutter und die Stiefmutter sehen zu dürfen. Seine leibliche, vom Vater geschiedene Mutter, die der Zehnjährige jahrelang nicht gesehen hat, war zwar anwesend, verließ aber ohne Kommentar das Gerichtsgebäude.

Im laufenden Verfahren soll zunächst geklärt werden, ob der Junge zum Tatzeitpunkt dazu in der Lage war, Gut von Böse zu unterscheiden und ob die extremistische Ausrichtung seines Vaters eine Rolle bei dem Verbrechen gespielt hat. Pflichtverteidiger Matt Hardy sagte, er denke darüber nach, in dem Fall darauf zu plädieren, dass Halls Sohn nicht zurechnungsfähig sei.

Unabhängig vom Verlauf des Prozesses gehen Experten davon aus, dass der Angeklagte nur eine kurze Zeit hinter Gittern verbringen wird: "Aufgrund seines Alters wird er nicht wie ein Erwachsener behandelt werden", sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft der "Huffington Post". Sollte der Zehnjährige des Mordes an seinem Vater schuldig gesprochen werden, werde er bis zu seiner Volljährigkeit in Jugendgewahrsam genommen und dann in eine andere Einrichtung verbracht, bis er 25 sei.

"Macht euch bereit loszuschlagen"

Sein Vater war eine führende Figur des in Detroit ansässigen "National Socialist Movement", die etwa 400 Mitglieder in 32 Bundesstaaten zählt. "Ich will eine weiße Nation", lautete sein Mantra, das er unermüdlich in der Öffentlichkeit propagierte. Noch kurz vor seinem Tod plante er, an der mexikanischen Grenze "bewaffnete Truppen" gegen illegale Einwanderer patrouillieren zu lassen. "Jungs, schnappt euch eure Glock-Pistolen und macht euch bereit loszuschlagen!", soll er seine Kumpanen laut "New York Times" angefeuert haben.

Hall organisierte Demonstrationen, provozierte Straßenschlachten und lockte immer mehr Gleichgesinnte in seine Heimatregion rund 60 Meilen östlich von Los Angeles - junge Skinheads, gestandene Ku-Klux-Klan-Mitglieder und einfache Leute auf der Suche nach Orientierung. Über einen Lautsprecher grölte er Parolen in seinem Garten, wo sich die Mitglieder des "National Socialist Movement" zum gemeinsamen Grillen zusammenfanden.

Gewalt und Verwahrlosung in der Kindheit

Doch war seine extreme Einstellung auch der Grund für die Bluttat? Der Mord an Hall sei mit Sicherheit geplant gewesen, schreibt die "New York Times" am Mittwoch unter Berufung auf die Polizei von Riverside. Über das Tatmotiv könne jedoch nur spekuliert werden.

Wie die "Washington Post" berichtet, soll sein Sohn laut Gerichtsunterlagen vor Jahren verwahrlost und unterernährt aufgefunden worden sein. Damals lieferten sich die Eltern eine Scheidungsschlacht. Die leibliche Mutter Leticia N. warf Hall vor, die beiden gemeinsamen Kinder misshandelt zu haben. Der wiederum warf seiner Frau dasselbe vor.

Die Zustände im Haus von N. sollen Sozialarbeitern zufolge desolat gewesen sein: Es habe weder Gas noch Elektrizität gegeben, Maden seien in Essensresten herumgekrabbelt, in den Babyflaschen habe geronnene Milch gestanden. Die Kinder seien oft hungrig und durstig gewesen.

Hall wurde 2004 das Sorgerecht für die beiden gemeinsamen Kinder zugesprochen - obwohl es immer wieder Berichte gab, dass die Schutzbefohlenen Hämatome und andere Verletzungen gehabt hätten, berichtet die "Washington Post". Hinweise darauf, dass Halls Kinder aggressiv und unterentwickelt waren, konnten die Behörden nicht verifizieren.

Im vergangenen Jahr stellte Halls Ex-Frau N. einen Antrag auf geteiltes Sorgerecht für den Jungen und die jüngere Schwester - mit der Begründung, Halls Neonazi-Verbindungen ließen sie um die Sicherheit ihrer Kinder bangen. Hall schrieb in einer Stellungnahme im November, die Mutter habe sich nie um die Kleinen gekümmert oder auch nur nach ihnen gefragt: "Die Dinge, die sie erlitten, als sie bei ihrer Mutter waren, waren furchtbar."

Nachdem er sich habe beraten lassen, hätten sich die schulischen Leistungen der Kinder verbessert, sie würden zum Ballett und zum Football gehen - kurzum, man habe "gesunde, glückliche, aufgeschlossene Kinder", so Hall. Auch der Junge, der zuvor mehrmals die Schule wechseln musste, weil er als aggressiv aufgefallen war, habe "große Fortschritte gezeigt".

ala



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