Brutale Hinrichtungen Immer mehr US-Bundesstaaten wollen Todesstrafe abschaffen

Er röchelte, würgte, rang nach Luft: Die barbarische Hinrichtung des Mörders Dennis McGuire in Ohio entfacht die Debatte um die Todesstrafe neu. Immer mehr US-Bundesstaaten wollen sie abschaffen - aus moralischen, aber auch praktischen Gründen.
Hinrichtungskammer in Huntsville, Texas: Neue Debatte über Todesstrafe

Hinrichtungskammer in Huntsville, Texas: Neue Debatte über Todesstrafe

Foto: ASSOCIATED PRESS

Dennis McGuire brauchte 26 Minuten, um zu sterben. Als der Gift-Cocktail zu wirken begann, wurde er erst still. Dann ballte er plötzlich die Faust, wand sich, rang nach Atem, röchelte, würgte. "Er machte diese furchtbaren, furchtbaren Geräusche", beschrieb es seine Tochter Amber McGuire, die das scheußliche Schauspiel miterlebte, "er hat gelitten."

Eine Hinrichtung ist aus Prinzip unmenschlich. Doch die letzten Momente des Mörders McGuire, der kürzlich in Ohio exekutiert wurde, grenzten an Folter. Da dem US-Bundesstaat die tödliche Zutat der Giftspritze - das Barbiturat Pentobarbital - ausgegangen war, injizierten die Henker eine neue, noch nie getestete Kombination aus einem Beruhigungsmittel und einem Schmerzmittel.

Mit horrenden Folgen. McGuires Familie hat Ohio nun wegen Verstoßes gegen das verfassungsrechtliche verankerte Verbot "grausamer und ungewöhnlicher Bestrafung" verklagt: Niemand solle durchmachen müssen, "was wir durchgemacht haben".

Das staatlich verordnete und verpfuschte Sterben McGuires hat die Debatte über die US-Todesstrafe neu entfacht.

Denn was sich da in Ohio abspielte, ist ein weiteres, schlagkräftiges Argument für deren endgültige Abschaffung. "Wir alle sollten uns empören", fordert Steven Hawkins, der US-Geschäftsführer von Amnesty International (AI). "Die ganze Welt sollte gut aufpassen, wie Menschen in den USA hingerichtet werden."

"Niemand hat Anspruch auf eine schmerzfreie Exekution", hält Ohios Vize-Justizminister Thomas Madden dagegen. Doch der Trend war schon vor dem Fall McGuire kaum aufzuhalten: Trotz - oder gerade wegen - solch grotesker Exzesse dürfte die Todesstrafe in den USA bald der Vergangenheit angehören.

Immer mehr Bundesstaaten legen sie auf Eis oder schaffen sie ganz ab. Immer weniger Amerikaner befürworten sie, immer weniger Gerichte verhängen sie, immer weniger Justizstellen führen sie durch - und immer weniger Politiker setzen sich noch offen für sie ein.

1999 fanden in den USA noch 98 Hinrichtungen statt, die höchste Exekutionsquote seit Wiedereinführung der Todesstrafe 1976. 2011 und 2012 waren es je 43, und im letzten Jahr sank die Zahl auf 39.

Diese wurden auch nur noch in neun Staaten vollstreckt. Spitzenreiter: die Südstaaten Texas (16) und Florida (7). 18 Staaten haben die Todesstrafe inzwischen abgeschafft, davon allein sechs in den vergangenen sechs Jahren, neun planen die gesetzliche Abschaffung für dieses Jahr. Ein Viertel aller 3146 US-Todeskandidaten sitzt in Kalifornien, das aber wegen eines Moratoriums seit 2007 niemanden mehr hingerichtet hat.

In einer Gallup-Umfrage vom Oktober 2013 sprach sich zwar weiter eine Mehrheit der Amerikaner für die Todesstrafe aus, aber es waren nur noch 60 Prozent, so wenig wie seit 1972 nicht. "Immer mehr Leute", sagt AI-Mann Hawkins, "wollen es nicht länger rechtfertigen, dass jemand in ihrem Namen getötet wird."

Amerikas Todesstrafe stirbt einen langsamen, aber sicheren Tod. Experten geben ihr nur noch ein gutes Dutzend Jahre. "Wir sind an einem Punkt angelangt", sagte Richard Dieter, der Geschäftsführer des Death Penalty Information Centers, der "Washington Post", "der dazu führen wird, dass die Todesstrafe in den USA ganz verboten ist."

Die Gründe sind vielschichtig - moralisch, juristisch, politisch, praktisch.

Giftmangel ist das akuteste Problem. Ein EU-Ausfuhrstopp hat den Nachschub des vom dänischen Pharmakonzern Lundbeck hergestellten Pentobarbitals abgeschnitten. Viele Staaten testen auf eigene Faust Alternativen, mit oft grausigen Folgen. Die letzten Worte des in Oklahoma hingerichteten Mörders Michael Lee Wilson waren: "Ich spüre, wie mein ganzer Körper brennt." Texas, South Dakota und Missouri bestellen ihr Gift bei einer obskuren US-Apotheke. Andere erwägen, die Todeskandidaten statt dessen vor ein Erschießungskommando zu stellen.

Ein Hauptargument für die Todesstrafe war stets, dass sie abschreckende Wirkung habe. Ein Expertenbeirat des National Research Councils fand jetzt jedoch keinerlei Indizien dafür, "dass die Todesstrafe die Mordraten steigen oder fallen lässt oder darauf gar keine Auswirkungen hat".

Auch wird immer öfter bekannt, dass Unschuldige zum Tode verurteilt, wenn nicht gar hingerichtet wurden. Seit 1973 kamen 142 Delinquenten nachträglich noch rechtzeitig frei, meist dank neuer DNA-Tests.

Etliche Studien haben zudem offenbart, dass die Todesstrafe in den USA oft "willkürlich und diskriminierend" verhängt wird. So ist die Wahrscheinlichkeit, zum Tode verurteilt zu werden, bei Schwarzen, die Weiße ermorden, weit höher als bei Weißen, die Schwarze ermorden.

Ohios Justiz hält das nicht auf. Als nächstes soll am 19. März Gregory Lott hingerichtet werden. Der Schwarze sitzt seit 1986 in der Todeszelle, verurteilt für den Mord an einem Weißen - obwohl das Opfer, das erst acht Tage später starb, einen Täter beschrieben hatte, der ganz anders aussah als Lott.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Pentobarbital werde vom deutschen Pharmakonzern Fresenius hergestellt. Dies ist nicht korrekt. Fresenius Kabi, ein Unternehmensbereich von Fresenius, ist vielmehr der größte Hersteller und Lieferant des Medikaments Propofol in den USA, das als Ersatz für Pentobarbital debattiert wird. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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