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19. Juni 2014, 07:15 Uhr

Mögliche Auslieferung

Amerikaner verhaften ehemaligen KZ-Wachmann

Johann Breyer lebt in Philadelphia, der 89-Jährige soll im KZ Auschwitz Beihilfe zum hunderttausendfachen Mord geleistet haben. Jetzt ist er verhaftet worden, die USA müssen über eine Auslieferung entscheiden.

Philadelphia - Die US-Behörden haben einen 89-Jährigen verhaftet, dem die deutsche Justiz Beihilfe zur Ermordung Hunderttausender Juden im Konzentrationslager Auschwitz vorwirft. Johann Breyer sei am Dienstag in Philadelphia aufgrund eines deutschen Haftbefehls verhaftet worden, bestätigte sein Anwalt Dennis Boyle. Am Tag darauf sei Breyer in Philadelphia einem Haftrichter vorgeführt worden, der ihm wegen der Schwere der ihm zur Last gelegten Taten eine Freilassung auf Kaution verweigert habe. Auf die Frage, ob er verstehe, warum ihn Deutschland vor Gericht stellen wolle, antwortete er mit "Ja".

Für den 21. August ist eine gerichtliche Anhörung über die mögliche Auslieferung Breyers nach Deutschland angesetzt. Mindestens bis dahin wird Breyer in Haft bleiben. Deutschland übermittelte den US-Behörden ein Auslieferungsersuchen. Laut "New York Times" lag die Anklage seit dem vergangenen Jahr vor, wurde aber erst Mittwoch nach der Verhaftung veröffentlicht.

Die Staatsanwaltschaft Weiden in der Oberpfalz hatte 2012 ein Ermittlungsverfahren gegen Breyer eingeleitet. Sie wirft ihm vor, als Wachmann im KZ Auschwitz 1944 an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen zu sein. Er soll geholfen haben, im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau mindestens 344.000 Juden zu ermorden. Laut Anklageschrift geht es um 158 Züge voller Juden aus Deutschland, Ungarn und der ehemaligen Tschechoslowakei.

Der Anwalt spricht von Herzproblemen

Breyer räumte ein, als 17-Jähriger Mitglied der Waffen-SS geworden zu sein, bestreitet aber, an der Vernichtung der Juden beteiligt gewesen zu sein. Seinen Angaben zufolge diente er in der Nähe von Auschwitz in der Feldartillerie der Waffen-SS und desertierte später von der Einheit.

Boyle verwies auf den schlechten Gesundheitszustand seines Mandanten: Dieser leide unter Demenz und habe Herzprobleme. Nach seiner ersten Nacht im Gefängnis sei er gebrechlich und verwirrt vor Gericht erschienen.

"Er bestreitet jegliche Verwicklung in Kriegsverbrechen", sagte Boyle. "Er war nie ein Nazi." Sein Mandant sei zum Kriegsende in sowjetischer Gefangenschaft gewesen. "Er war genauso ein Opfer der Nazis wie jeder andere", sagte Boyle. "Er war kein Freiwilliger in der SS, er wollte nicht in der SS sein, er desertierte von der SS." Über eine Auslieferung Breyers an Deutschland muss letztlich US-Außenminister John Kerry entscheiden.

Breyer wurde 1925 als Sohn einer Amerikanerin in der Tschechoslowakei geboren. 1952 wanderte er in die Vereinigten Staaten ein. Er lebt als pensionierter Werkzeugmacher in Philadelphia.

Die US-Behörden hatten in den Neunzigerjahren versucht, Breyer die Staatsbürgerschaft zu nehmen und ihn auszuweisen. 2003 endete das Verfahren: Breyer dürfe bleiben, entschied ein Gericht. Es begründete die Entscheidung vor allem damit, dass er der SS als Minderjähriger beigetreten sei und deshalb nicht juristisch für seine Mitgliedschaft zur Verantwortung gezogen werden könne.

ulz/AFP/dpa

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