Mordvorwurf gegen US-Polizist Acht Schüsse auf einen unbewaffneten Flüchtenden

Ein neuer Fall von tödlicher Polizeigewalt sorgt für Aufsehen in den USA. Wieder ist das Opfer schwarz, der Täter weiß. Achtmal feuerte der Beamte von hinten auf den unbewaffneten Flüchtenden.


Ein defektes Blinklicht wird Walter Scott zum Verhängnis. Ein Polizist hält ihn deshalb am vergangenen Samstag in North Charleston im US-Bundesstaat South Carolina an. Gegen Scott liegt ein Haftbefehl vor, weil er Unterhaltszahlungen schuldig geblieben und mehrfach nicht zu Gerichtsterminen erschienen ist.

Vermutlich versucht er deshalb, sich der Polizeikontrolle zu entziehen und rennt weg. Auf einer Rasenfläche holt ihn der Beamte ein. Was dann passiert, schilderte der Polizist Michael S. so: Scott habe ihm den Taser, die Elektroschockpistole, entrissen und auf ihn gerichtet. Aus Angst um sein Leben habe er dann mit seiner scharfen Waffe auf den Mann geschossen.

Nun ist ein Video aufgetaucht, das den Polizisten der Lüge überführt. Ein Augenzeuge hat das Gerangel auf der Grünfläche mit seinem Handy festgehalten. Die Aufnahmen zeigen folgenden Tatablauf: Scott haut Michael S. auf die Hände, ein Gegenstand fällt zu Boden, möglicherweise der Taser. Scott dreht sich um, versucht zu fliehen.

Als er etwa fünf Meter von Michael S. entfernt ist, gibt der Polizist in kurzer Folge sieben Schüsse ab. Dann feuert er zum achten Mal auf den Rücken des Flüchtenden, Scott bricht vornüber zusammen. Der Beamte geht zu dem Mann und legt ihm Handschellen an. Anschließend läuft er zu der Stelle, an der das Gerangel stattgefunden hat, offenbar um den Taser aufzuheben. Dann kehrt er zum Sterbenden zurück und lässt die Elektroschockpistole neben Scott fallen. So kann er später seine Version des Tatablaufs begründen. Michael S. nimmt zwar offenbar den Augenzeugen mit der laufenden Kamera wahr, lässt sich von diesem aber nicht beirren.

Der Schütze sitzt in Haft

Die Polizei in North Charleston behauptet später, Michael S. und ein anderer Beamter, der kurz nach den Schüssen am Tatort eintrifft, hätten sofort Wiederbelebungsmaßnahmen eingeleitet. Das stimmt nicht. Das Video zeigt, dass Scott minutenlang mit dem Gesicht nach unten und gefesselten Händen auf dem Boden liegt. Niemand versucht ihn wiederzubeleben, er stirbt noch am Tatort.

Der Anwalt von Scotts Familie sagt, fünf Kugeln hätten den Mann getroffen. Drei in den Rücken, eine in den Hintern, eine ins Ohr. Die Untersuchungsbeamten wollten bislang nicht offiziell mitteilen, wie viele Schüsse den Mann trafen.

Der Fall befeuert die Debatte über Rassenhass bei der US-Polizei. Denn der Beamte ist weiß. Walter Scott war schwarz.

Im vergangenen August hatte ein weißer Polizist in der Stadt Ferguson den schwarzen, unbewaffneten Jugendlichen Michael Brown erschossen. Die Bewegung "Black Lives Matter" entfachte anschließend eine landesweite Diskussion über Vorurteile gegenüber Schwarzen bei der Polizei. In Ferguson kam es zu teils gewaltsamen Protesten. Der Beamte, der Brown erschoss, entging einer Anklage.

Michael S. kommt möglicherweise nicht so leicht davon. Der Polizist sitzt seit Bekanntwerden des Videos selbst im Gefängnis. Er wird nun des Mordes beschuldigt. Das FBI und die Abteilung für Bürgerrechte beim US-Justizministerium haben eigene Ermittlungen eingeleitet.

syd



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