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06. Dezember 2014, 08:21 Uhr

US-Proteste gegen Polizeigewalt

Der Zorn wächst

Die Demonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA halten an. Erneut gingen Tausende Menschen in vielen Städten auf die Straße. Und in New York steht eine weitere Jury-Entscheidung in einem Fall tödlicher Polizeigewalt an.

New York/Hamburg - Die dritte Nacht in Folge sind New Yorker aus Protest gegen ungesühnte Polizeigewalt in der US-Millionenmetropole auf die Straßen gegangen. Demonstranten versuchten erneut, Straßen und Brücken zu blockieren sowie das Weihnachtsgeschäft zu stören. Einige drangen in Läden ein und inszenierten auf dem Boden ausgestreckt sogenannte Die-ins. Auch Handzettel mit Forderungen wurden am Freitagabend verteilt. Demnach verlangen die Protestierenden unter anderem die Entlassung aller Polizisten, die in den Fall Eric Garner verwickelt sind.

Der an Asthma erkrankte Schwarze war mutmaßlich in Folge des Würgegriffs eines Polizisten gestorben. "Ich kann nicht atmen, ich kann nicht atmen", brachte Garner noch mehrmals hervor, dann verlor er das Bewusstsein. Kurz nach der Festnahme starb er. Der Polizist, ein Weißer, muss sich aber dafür vorerst nicht vor Gericht verantworten. "Ich kann nicht atmen" ist nun zum Schlachtruf der Demonstranten geworden.

Der Fall Garner ist allerdings nicht der einzige, der für Empörung und Zorn sorgt. In Ferguson war es Ende November zu massiven Protesten gekommen, als eine Jury entschied, den Polizisten nicht anzuklagen, der den 18-jährigen Schwarzen Michael Brown erschossen hatte.

"Er hat nichts falsch gemacht"

Auf New York kommt die nächste Jury-Entscheidung in einem Fall tödlicher Polizeigewalt zu: Im November war der 28-jährige Schwarze Akai Gurley von einem Beamten erschossen worden, als er gerade mit seiner Freundin in einem dunklen Treppenhaus hinunterging, weil der Fahrstuhl defekt war.

Anders als in den Fällen Michael Brown und Eric Garner war der Polizist kein Weißer, sondern asiatischer Abstammung: Der junge Polizist Peter Liang zog seine Waffe und tötete Gurley mit einer Kugel, ohne dass sich der Vater einer kleinen Tochter in irgendeiner Form verdächtig verhalten hätte, wie der Schütze selbst einräumte. Wie die "New York Post" berichtete, rief Liang nach den Schüssen nicht einmal einen Krankenwagen, sondern schrieb zuerst eine SMS an seine Gewerkschaft.

Tod eines Schwarzen beschäftigt Phoenix

Am Freitag meldete sich Gurleys Familie zu Wort und verlangte Gerechtigkeit. "Wie soll ich meiner Tochter erklären, dass ihr Vater nicht mehr zurückkommt?", sagte Gurleys Freundin Melissa Butler bei einer Trauerfeier in einer Baptistenkirche in Brooklyn. Seine Mutter Sylvia Palmer sagte weinend: "Er hat nichts falsch gemacht. Er ist ein guter Mann, er liebt seine Familie, er liebt seine kleine Tochter."

Gurleys Beerdigung ist für Samstag geplant. Der einflussreiche Bürgerrechtler Al Sharpton hat zudem zu einer weiteren Protestkundgebung im Stadtteil Harlem aufgerufen.

In dieser Woche ereignete sich zudem ein weiterer Fall: Bei einer Polizeikontrolle in Phoenix erschoss ein Polizist einen Schwarzen. Der weiße Beamte dachte, der Mann habe eine Waffe in der Hosentasche - dabei war es ein Röhrchen mit Schmerztabletten. Auch hier wird nun eine Grand Jury über eine Anklageerhebung entscheiden müssen.

Die Proteste halten nicht nur in New York an: Tausende aufgebrachter Amerikaner verlangten unter anderem in Washington, Baltimore und anderen US-Städten Gerechtigkeit. Im Raum Boston konzentrierte sich der Protest auf die renommierte Harvard-Universität, in Chicago waren Demonstranten trotz eisiger Temperaturen stundenlang in der Innenstadt. Vielerorts wurde der Verkehr blockiert. Im Fernsehsender CNN sprachen einige von ihnen von einer neuen "Bürgerrechtsbewegung" zugunsten von Afroamerikanern.

SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Marc Pitzke im Videointerview über Polizeigewalt und Rassismus in den USA:

afp/ap/dpa/bim

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