Fotostrecke

USA: Als Teenager lebenslänglich - im Alter frei?

Foto: AP/ MDOC/ PDOC/ ADOC/ Lawrence County Alabama Sheriffs Office

Als Teenager verurteilte US-Häftlinge "Die Welt ist an mir vorübergezogen"

Sie wurden als Teenager zu lebenslanger Haft verurteilt - ohne Chance auf Bewährung. In den USA war das lange gängige Praxis. Nun gibt es Hoffnung für mehr als 2000 "Juvenile Lifers".

Gerichtssaal 801 ist fast leer, als Wachen Bobby Hines in den Raum führen, seine Hände sind gefesselt. Es ist mehr als 27 Jahre her, dass Hines vor einem anderen Richter in diesem Gebäude in Detroit stand. Damals war er 15, hatte gerade die achte Klasse beendet - und musste Fragen zu seiner Rolle in einem Mordfall beantworten.

Obwohl er selbst den tödlichen Schuss nicht abfeuerte, lautete das Urteil: lebenslang ins Gefängnis, ohne Chance auf Bewährung.

Es war 1989, eine Zeit enormer Kriminalität in den USA, in der einzelne Bundesstaaten aus Angst vor gewalttätigen Teenagern Gesetze erließen, mit denen kriminelle Jugendliche wie Erwachsene bestraft werden konnten. Mit lebenslangen Freiheitsstrafen für Mord und Totschlag, manchmal auch für Vergewaltigung, Entführung und bewaffnete Raubüberfälle.

Fotostrecke

USA: Als Teenager lebenslänglich - im Alter frei?

Foto: AP/ MDOC/ PDOC/ ADOC/ Lawrence County Alabama Sheriffs Office

Seitdem hat sich einiges geändert. Der Oberste Gerichtshof erklärte die bei Mord obligatorische lebenslange Haftstrafe ohne Chance auf vorzeitige Entlassung für jugendliche Straftäter 2012 für verfassungswidrig. Im vergangenen Jahr ging das Gericht noch einen Schritt weiter und entschied, dieses Urteil gelte auch rückwirkend.

Die Konsequenz: Mehr als 2000 Häftlinge, die als Jugendliche zu solch einer Strafe verurteilt wurden ("Juvenile Lifers"), haben das Recht, ein neues Urteil oder eine Begnadigung zu beantragen. Sie haben Anspruch auf die Chance, "nachzuweisen, dass ihr Verbrechen keine irreparable Verdorbenheit widerspiegelt" - und können auf ihre Freiheit hoffen.

Was bedeuten die Urteile für die "Juvenile Lifers"?

Doch die Gefängnistore öffnen sich für Menschen wie Bobby Hines nicht automatisch. Die Nachrichtenagentur AP hat in allen 50 Bundesstaaten untersucht, wie Richter, Staatsanwälte, Gesetzgeber und Bewährungshelfer mit diesen Fällen umgehen, die oft mehrere Jahrzehnte zurückliegen.

Das Ergebnis: Die Chancen auf Freilassung variieren erheblich von Bundesstaat zu Bundesstaat, oft sogar von Bezirk zu Bezirk. Einige haben demnach Dutzende Betroffene aus dem Gefängnis entlassen und Strafen verkürzt. Andere haben die Überprüfung der Fälle verzögert und dafür gekämpft, dass die Mehrheit der Betroffenen für den Rest ihres Lebens in Haft bleiben muss.

Pennsylvania, das sich lange gegen die Wiederaufnahme alter Fälle wehrte, hat laut AP inzwischen mehr als 20 Prozent seiner 517 "Juvenile Lifers" neu beurteilt und 58 aus dem Gefängnis entlassen, zwei wurden erneut zu lebenslanger Haft ohne Chance auf Bewährung verurteilt. Staatsanwälte zeigen sich zuversichtlich, innerhalb der kommenden drei Jahre sämtliche Fälle aufarbeiten zu können.

In Michigan hingegen wollen die Staatsanwälte in 236 von 363 Fällen eine Bestätigung des ursprünglichen Urteils erreichen. Und in Missouri lehnte die Bewährungskommission in 20 von 23 Fällen den Antrag auf Begnadigung oder Verkürzung der Strafe ab.

Wie reagieren die Angehörigen der Verbrechensopfer?

Auch viele Angehörige von Opfern der "Juvenile Lifers" kämpfen gegen eine vorzeitige Freilassung der Inhaftierten. Im Fall von Bobby Hines ist das anders. Auch deshalb sitzt der inzwischen 43-Jährige an einem Frühlingstag in Gerichtssaal 801 und lauscht den Worten von Valencia Warren Gibbs. "Er war 15, ich habe an dem Tag vergeben, als es passiert ist", sagt die Schwester des Opfers mit zitternder Stimme zur Richterin. "Ich möchte, dass er rauskommt."

Ein anderer Fall aus Michigan ist der von Jennifer Pruitt, 41. Sie war 17, als sie bei einem Raubüberfall auf ihren 75 Jahre alten Nachbarn dabei war, eine Komplizin erstach den Mann. Richter Fred Mester verurteilte Pruitt 1993. Im vergangenen Jahr, mittlerweile im Ruhestand, besuchte er sie im Gefängnis - und sah einen völlig "neuen Menschen" vor sich.

Mester schrieb Briefe an die Staatsanwaltschaft und einen neuen Richter. Darin lobte er Pruitt dafür, im Gefängnis eine Ausbildung gemacht sowie andere Häftlinge unterrichtet und beraten zu haben. Im März wurde Pruitts Strafe reduziert, auf 30 bis 60 Jahre. Auf Bewährung kann sie frühestens 2022 hoffen.

Werden die "Juvenile Lifers" in Freiheit zurechtkommen?

Earl Rice Jr. hat diesen Schritt bereits geschafft. Nach mehr als vier Jahrzehnten hinter Gittern kam der 61-Jährige frei. Er wohnt nur ein paar Straßen entfernt von dem Haus in Wilmington im Bundesstaat Delaware, in dem er als Teenager lebte. Dennoch hat er das Gefühl, "auf einem anderen Planeten" zu sein als damals, als der US-Präsident noch Richard Nixon hieß und die Mondlandung erst wenige Jahre zurücklag.

Rice war als 17-Jähriger verurteilt worden, für einen Handtaschendiebstahl, bei dem eine Frau so unglücklich auf den Kopf stürzte, dass sie starb. Als er aus dem Gefängnis entlassen wurde, wartete seine Verlobte vor dem Tor und sein Vater, der ihn bei sich aufnahm.

John Hall wurde weniger herzlich empfangen. Als der 67-Jährige im Februar nach fast 50 Jahren aus einem Gefängnis in Michigan freikam, hatte er genau 1,37 Dollar in seiner Tasche und ein paar Schachteln mit persönlichen Dingen. Sein Anwalt und freiwillige Helfer brachten ihn in eine provisorische Unterkunft in Detroit.

Wie funktioniert ein Fahrkartenautomat? Wie ein Smartphone? Das musste Hall, der für einen tödlichen Raubüberfall verurteilt worden war, erst lernen. "Die Welt ist an mir vorübergezogen."

Bobby Hines stehen solche Erfahrungen noch bevor. Die Richterin hat seine Strafe verkürzt, er soll im September entlassen werden. An seinem ersten Tag in Freiheit will Hines das Grab seiner Mutter besuchen und sich mit der Familie des Opfers treffen. Was er danach tue, wisse er noch nicht, sagt er.

"Aber ich weiß, was ich nicht tun werde - in Schwierigkeiten geraten."

wit/AP
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.