Eltern der Utøya-Opfer "Sie nannten so viele Arten, wie sie ihn gern töten würden"

Hunderte Norweger haben 2011 Angehörige oder Freunde verloren, als Anders Behring Breivik ein Massaker anrichtete. Ein Forschungsprojekt befasst sich mit den Hinterbliebenen. Hier erklärt dessen Leiterin, wie es ihnen heute geht.

Ein Interview von


Zur Person
  • CCP
    Kari Dyregrov ist Forschungsleiterin am Zentrum für Krisenpsychologie in Bergen und Professorin an der Universität der norwegischen Stadt. Dyregrov forscht seit 20 Jahren zu den Themen Trauma und Verlust. Derzeit leitet sie das vierjährige Forschungsprojekt zu den Hinterbliebenen der Utøya-Opfer. Zu drei Zeitpunkten haben die Forscher über Interviews Daten zu dem seelischen Zustand der Angehörigen gesammelt. Mehr als 200 Menschen in Norwegen haben durch das Massaker auf der Fjordinsel ihre Kinder oder Geschwister verloren.
SPIEGEL ONLINE: Frau Dyregrov, Sie und Ihre Kollegen haben in den vergangenen Jahren wissenschaftliche Interviews mit den Angehörigen der Utøya-Opfer ausgewertet. Wie geht es den Hinterbliebenen heute?

Dyregrov: Es geht ihnen besser als kurz nach dem Massaker - aber nur sehr langsam. Mehr als die Hälfte der Eltern ist noch teilweise oder ganz raus aus dem Job. Und auch einige, die wieder voll arbeiten, sagen, dass sie nicht so funktionieren, wie sie es vor dem Terror taten. Grundsätzlich verbessert sich der Zustand der Eltern am langsamsten, den engen Freunden der Ermordeten geht es am schnellsten etwas besser, die Geschwister liegen in der Mitte. Die Mütter leiden am meisten - von ihnen können 63 Prozent noch nicht wieder so arbeiten wie vor dem Massaker, bei den Vätern sind es 35 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Was hilft den Eltern, deren Kinder der Attentäter Breivik auf Utøya ermordet hat, überhaupt?

Dyregrov: Langfristig geht es den Hinterbliebenen am besten, wenn sie es schaffen, die Trauer weder zu unterdrücken noch sich ihr permanent hinzugeben. Wenn es Ihnen also gelingt, in ihrem Leben sowohl dem Gedenken an ihr Kind und der Trauer Platz zu geben, aber wenn sie gleichzeitig auch wieder ihren Alltag zu leben versuchen. Dabei können Freunde und Familie helfen, indem sie offen und verständnisvoll sind, wenn die Angehörigen über ihren Verlust reden wollen und sie gleichzeitig ermuntern, schöne Dinge zu unternehmen. Extrem wichtig ist es aber auch, dass der Arbeitgeber Verständnis zeigt - und zum Beispiel akzeptiert, dass die Betroffenen einen gewissen Zeitraum weniger effektiv arbeiten. Oder indem er die Kollegen informiert oder mit dem Hinterbliebenen darüber spricht, wie man ihn unterstützen kann.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie beschreiben, worunter die Eltern am meisten leiden?

Dyregrov: Viele haben noch immer Albträume, Schlafprobleme, können sich nicht gut konzentrieren. Am überwältigendsten ist natürlich: Sie vermissen ständig ihr Kind. Viele kämpfen außerdem mit so etwas wie Schuldgefühlen. Ein Drittel der Eltern, mit denen wir gesprochen haben, hat mit ihren Kindern telefoniert, während der Massenmörder auf Utøya geschossen hat. Die Jugendlichen weinten und schrien am Telefon. Die Eltern mussten erleben: Als mein Kind mich am meisten brauchte, war ich nicht da. Sie wissen, was ihre Kinder erleben mussten, bevor sie getötet wurden. Es ist schwierig, hier Trost zu finden. Im Übrigen: Neunzig Prozent der Eltern berichten, dass sich ihre Werte im Leben verändert haben. Sie können nichts mehr planen, sondern versuchen, im Moment zu leben. Das ist eine sehr typische Reaktion für Menschen, die Verlust und Trauma erlebt haben.

SPIEGEL ONLINE: Die Norweger haben mit Rosenmärschen auf den Terror reagiert, auf einem Gedenkstein steht: "Wenn eine Person so viel Hass zeigen kann, dann stellt euch vor, wie viel Liebe wir zusammen zeigen können." Gab es auch Raum für Wut für die Angehörigen?

Dyregrov: Ja. Ich erinnere mich an ein Treffen mit Eltern der Opfer aus ganz Norwegen kurz nach dem Massaker. Ich betreute eine Gruppe von zwölf Eltern, die Kinder im Alter zwischen 14 und 20 Jahren verloren hatten. Ich fragte sie nach ihren Gefühlen. Sie nannten so viele verschiedene Arten, wie sie den Attentäter gerne töten würden. Aber dann sagten sie: Wir sind so froh, in Norwegen zu leben, wo das nicht möglich ist, wo es keine Todesstrafe gibt. Ich finde, das ist eine sehr starke, bewundernswerte Reaktion. Natürlich fühlen sie trotzdem tiefe Wut gegenüber der Person, die in der Lage war, unschuldige Kinder und Jugendliche aus nächster Nähe zu erschießen. Was wir nicht vergessen dürfen: Als es die Rosenmärsche gab, waren die Angehörigen gar nicht dabei. Sie waren in den Krankenhäusern, um ihre Kinder zu identifizieren. Sie waren im Schock und gedanklich an einem ganz anderen Platz.

SPIEGEL ONLINE: In Medien wurde nach dem Terror über viele Monate ununterbrochen berichtet, über Breivik, den Untersuchungsbericht und die Debatte darum, ob der Attentäter geistig zurechnungsfähig war. Was bedeutete das für die Hinterbliebenen?

Dyregrov: Die meisten konnten ihre persönliche Trauer deshalb im Grunde erst nach einem Jahr starten. Weil der Terror eine nationale Tragödie darstellte und viel Aufmerksamkeit auf sich zog, wurden sie in ihrer eigenen Trauer gestört und brauchten länger, um ihren Alltag wieder aufzunehmen.

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