Motivsuche nach Bluttat von Utrecht Der Brief im roten Renault Clio

Drei Tote, ein schwerkrimineller Verdächtiger: Was trieb den Mann, der in einer Straßenbahn in Utrecht um sich schoss, zu seiner Tat? Wahlkampfgetöse rechter Politiker überschattet derweil das Gedenken an die Opfer.

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Aus Utrecht berichtet


Am Morgen danach zögert Koen nicht einen Moment, als er in die Utrechter Straßenbahn einsteigt: Linie 60, vom Hauptbahnhof in Richtung des Platzes des 24. Oktober.

Dort hat am Montag in einer Straßenbahn ein Mann um sich geschossen, drei Menschen getötet und mehrere Personen schwer verletzt. Und wäre der Schüler Koen, 17, blonde Strubbelhaare, gestern etwas später dran gewesen auf seinem Weg, hätte es ihn auch erwischen können. "Vier Trams nach meiner Bahn ist es passiert", erzählt er. "Aber ich habe heute keine Angst. Sie haben den Täter ja geschnappt."

Die Anspannung legt sich in Utrecht, der "Stadt in Angst", wie die Boulevardzeitung "De Telegraaf" getitelt hat. Die Schulen haben wieder geöffnet, die in den Stunden nach der Gewalttat die Türen geschlossen halten sollten. Die Kinder dürfen wieder nach draußen, der Verkehr rollt wieder.

Video aus Utrecht: "Das Leben normalisiert sich"

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Gerüchte über weitere Schüsse in der Stadt, die am Montag kursierten, haben sich alle als unwahr erwiesen. Und der mutmaßliche Täter, der 37-jährige türkischstämmige Gökmen T., wurde am Montagabend um halb sieben festgenommen.

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Utrecht: Blumen am Platz des 24. Oktober

Doch die Motive des Schützen sind am Dienstagmittag noch völlig unklar. War es ein terroristischer Anschlag - oder war es ein Amoklauf wegen persönlicher Motive? Und welche Rolle spielen zwei weitere Männer, die von der Polizei ebenfalls verhaftet wurden? Die Hintergründe der Tat sind vorerst nebulös.

In der Stadt weicht derweil die Furcht vor weiteren Verbrechen der Trauer um die Opfer. Die blau-weiß-roten Trikoloren vor öffentlichen Gebäuden sind auf Halbmast gehängt. Am Tatort legen Menschen Blumen nieder, vor einem Baum und nahe der Straßenbahngleise. Sie erinnern an die Toten und Verletzten:

  • Erschossen wurde die 19-jährige Roos V. aus dem nahegelegenen Örtchen Vianen, Mitarbeiterin einer Cafeteria.
  • Auch der 49-jährige Rinke T. starb, Familienvater und Trainer eines Fußballvereins. Seine Kinder gingen nicht weit vom Tatort entfernt zur Schule.
  • Über den dritten Toten, einen 28-jährigen Utrechter, ist wenig bekannt. Laut Polizei gibt es auch bei ihm keinerlei Hinweise auf eine Beziehung zum Täter.
  • Schwer verletzt sind zwei 20-jährige Frauen sowie ein 74-jähriger Mann. Vier Menschen sind leicht verletzt worden.

Was hat den Täter getrieben? Die Justizbehörden legen sich öffentlich nicht fest. Am Mittag verkündet Staatsanwaltschaft in einem Kommuniqué, ein terroristisches Motiv werde ernsthaft in Betracht gezogen. Aber auch andere mögliche Beweggründe würden untersucht.

Indizien gibt es für beide Varianten. Für die Theorie, es handle sich um einen terroristischen Anschlag, spricht insbesondere ein Brief, den die Sicherheitskräfte in einem roten Renault Clio fanden. Gökmen T. nutzte den Wagen als Fluchtfahrzeug. Augenzeugenberichten zufolge soll das Wort "Allah" im Schreiben gestanden haben. Letzteres haben die Behörden bislang nicht bestätigt. Auch die Behauptung, der Täter habe vor seinen Schüssen "Allahu Akbar" gerufen, ist nicht verifiziert worden - ebenso wenig wie Berichte, Gökmen T. habe in Tschetschenien gekämpft.

Sicher ist: T. hat ein ellenlanges Vorstrafenregister. Trunkenheit am Steuer, Ladendiebstahl, Einbruch, Anspucken und Bedrohen eines Polizeibeamten, Zerstörung einer Polizeizelle und eine Verurteilung wegen versuchten Totschlags. Und erst vor zwei Wochen musste er wegen des Vorwurfs vor Gericht, eine Frau vergewaltigt zu haben. Zwischenzeitlich war er frei.

Das mutmaßliche Vergewaltigungsopfer erklärte der Zeitung "Allgemeen Dagblad", Gökmen T. sei verrückt: "kein Terrorist, sondern ein Psychopath". Ähnlich äußerten sich auch Nachbarn des Festgenommenen. Am Montagabend mutmaßten Ermittler, es handle sich um eine Beziehungstat. Dagegen spricht, dass bislang von keinem einzigen der Todesopfer eine persönliche Verbindung zu T. bekannt ist.

Video: Was über die Bluttat von Utrecht bekannt ist

ROBIN VAN LONKHUIJSEN/EPA-EFE/REX

Die Bluttat trifft die Niederlande zu einem politisch heiklen Zeitpunkt. Am Mittwoch finden landesweit Provinzwahlen statt: der zweitwichtigste Urnengang nach der Parlamentswahl. Die Niederländer entscheiden nicht nur darüber, wer die Macht in den Regionen des Landes hat - sondern indirekt auch über die Sitzverteilung in einer der beiden Parlamentskammern, die über neue Gesetze mitentscheidet. Die Wahl ist eine Nagelprobe für die zunehmend unbeliebte, fragile Vierparteienregierung von Premierminister Mark Rutte.

Rutte und Chefs anderer Parteien hatten nach der Tat erklärt, den Wahlkampf vorerst zu unterbrechen. Was die beiden namhaftesten Rechtsaußen-Politiker des Landes nicht daran hinderte, schon am Montag Stimmung zu machen. "Wir müssen eine Diskussion über Einwanderung führen", sagte Thierry Baudet, Anführer des "Forum voor Democratie" und Shootingstar der niederländischen Politik, auf einer Wahlkampfveranstaltung. "Wenn wir nicht einen anderen Kurs wählen, wird das noch viel öfter passieren." Geert Wilders, Chef der "Partei voor de Vrijheid" twitterte am Montag ein Foto des Tatverdächtigten - und schrieb dazu sarkastisch: "Was für eine Bereicherung, das multikulturelle Zusammenleben."

Vor Utrecht hatte sich ein Rechtsruck bei der Wahl am Mittwoch angedeutet. In einer Umfrage des Meinungsforschers Maurice d'Hond vom Samstag lag Baudets Partei auf Rang zwei, hauchdünn hinter Ruttes rechtsliberaler Partei. Wilders folgte auf Rang vier. Rutte selbst gab sich nach der Tat betont staatsmännisch. "Ich kann jetzt wirklich nicht über Wahlen sprechen", sagte er am Montag auf die Frage eines Journalisten.

Schon bei der Parlamentswahl vor zwei Jahren, als sein Amt auf der Kippe stand, hatte Rutte von einer Krise profitiert. Damals hatte er türkischen Ministern Wahlkampfauftritte in den Niederlanden verboten und die Politiker sogar außer Landes eskortieren lassen. Nun könnte es wieder sein, dass sich die Menschen hinter dem Premier scharen. Denn auch diesmal loben die meisten Medien Ruttes Krisenmanagement. Am Dienstagmittag erklärten die großen Parteien, den Wahlkampf "zurückhaltend" fortzusetzen.

Utrechts Bürgermeister Jan van Zanen legt am Tatort Blumen für die Opfer nieder. "Meine Gedanken sind bei ihnen und ihren Nächsten", sagt der Parteikollege Ruttes. Und er nimmt indirekt Stellung zu den Angriffen von Baudet und Wilders. Jeder Einwohner, egal welcher Herkunft, gehöre zu Utrecht, sagt van Zanen.

Nur ein paar Schritte weiter wartet Debbie, 46, Angestellte, am Platz des 24. Oktober auf ihre Straßenbahn. Sie lebt seit vielen Jahren hier im Multikulti-Stadtteil Kanaleneiland. Ihre beiden Kinder hätten am Montag bis zum Abend lang in der Schule ausharren müssen, erzählt die Frau. "Die Gewalt war plötzlich so nahe." Heute jedoch habe sie keine Furcht mehr, sagt sie, "die meisten Menschen hier sind doch vernünftige Leute."

Dann kommt die Tram. Debbie steigt ein, sie muss zur Arbeit.

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