"Vatileaks"-Prozess Agent des Heiligen Geistes

Im Prozess um die "Vatileaks"-Enthüllungen erklärt sich der Angeklagte Paolo Gabriele, ehemaliger Kammerdiener des Papstes, für "unschuldig" im Sinne der Anklage. Seine Taten rechtfertigt er mit Sorgen um das Kirchenoberhaupt. Doch wie auch immer der Prozess endet - die Affäre gärt weiter.


Die Glocke erklingt, ein Mann sagt "Meine Damen und Herren, das Gericht", etwa 30 Menschen erheben sich, Richter Giuseppe Dalla Torre und seine zwei beisitzenden Kollegen betreten den kleinen Saal. "Die Sitzung ist eröffnet", sagt der Richter. Gerichtsalltag, so wie überall auf der Welt, scheint es. So ist es aber ganz und gar nicht.

Tatsächlich geht es in dem Gerichtsgebäude an der Piazza Santa Marta um einen höchst ungewöhnlichen Prozess, um seltsame Vorgänge im Zentrum des römisch-katholischen Kirchenstaates, um Dokumente, die von Intrigen und Machtkämpfen berichten und die aus den Vor- und Hinterzimmern des Kirchenoberhauptes den Weg in die Öffentlichkeit fanden. Monatelang hielten die von Papstsprecher Federico Lombardi "Vatileaks" getauften Enthüllungen den Vatikan in Atem. Jetzt soll die Affäre mit einem möglichst kurzen Schauprozess beendet werden.

Draußen stehen Journalisten aus aller Welt und warten darauf, dass die acht Kollegen, die drinnen sein dürfen, ihnen Bericht erstatten. Mehr Raum gestand der Kirchenstaat den Medien nicht zu. Im Saal - Kronleuchter mit elektrischen Kerzen, Stuck an der Decke, Engel und das Wappen von Papst Pius XI. an den Wänden - sind namhafte Juristen versammelt, Anklagevertreter, Verteidigung, drei Gerichtsschreiber, Vatikanrepräsentanten, dazu acht Zeugen - eine Haushälterin des Papstes, sechs Vatikan-Polizisten, Monsignore Georg Gänswein, der Privatsekretär von Benedikt XVI. - und natürlich der Angeklagte.

Gabriele rechtfertigt seine Taten mit Sorgen um den Papst

Der heißt Paolo Gabriele, ist 46 Jahre alt und wirkt im hochkarätigen Aufgebot eher eine Nummer zu klein. Schüchtern, still sitzt er in Anzug und Krawatte auf seinem Stuhl. Gabriele, verheiratet, drei Kinder, wird der Diebstahl und die Weitergabe von päpstlichen Dokumenten vorgeworfen. Dafür drohen ihm vier Jahre Haft, heißt es. Manche Rechtsgelehrten sagen, es könnten auch sechs sein. Andere wollen schon jetzt wissen, der Papst werde Gabriele sowieso begnadigen.

Dass er die ihm zur Last gelegten Taten begangen hat, hat Gabriele schon im August zugegeben. Laut Anklageschrift sagte er aus, er habe Fälle von Korruption und anderem Übel aufdecken wollen, über die der Papst nicht hinreichend informiert sei. Er sei ein "Agent des Heiligen Geistes". Heute, am zweiten Verhandlungstag, sollte er sich näher erklären.

Doch das, was er sagte, war so verworren wie fast alles an der Geschichte. "Was den schweren Diebstahl betrifft, fühle ich mich nicht schuldig", so Gabriele. "Schuldig" fühle er sich hingegen, "das Vertrauen missbraucht zu haben, das der Heilige Vater in mich gesetzt hatte". Er habe vertrauliche Dokumente kopiert und weitergegeben. Ohne Mittäter. Einige Personen aus seinem Umfeld hätten ihn allerdings irgendwie "beeinflusst", darunter die Kardinäle Angelo Comastri und Paolo Sardi, aber auch die Ex-Haushälterin des damaligen Kardinals Joseph Ratzinger, Ingrid Stampa.

Er dachte, so rechtfertigte er seine Aktivitäten, "der Papst würde manipuliert". Denn gelegentlich, bei Tisch, habe der Fragen zu Themen gestellt, über die er eigentlich informiert gewesen sein müsste. Das habe ihn aufgewühlt und beunruhigt, die gesamte Situation im Vatikan habe er zunehmend als "unerträglich" empfunden.

Im Jahr 2010 habe er begonnen, Unterlagen zusammenzutragen. Zunächst nur für sich selbst, um sich ein Bild zu machen. Erst später sei der Gedanke gekommen, sie weiterzureichen. Er hat dann jeweils zwei Kopien gemacht, eine für sich und eine für die Öffentlichkeit. Seine Kopien habe er später einem Beichtvater übergeben, dem er alles gestanden hatte. "Padre Giovanni" hieß der, so Gabriele, aber den Nachnamen wollte er nicht preisgeben.

Unchristliche Seilschaften um Macht und Einfluss

Er beklagte sich bitter über die Unterbringung. Gabriele ist seit langer Zeit der erste Inhaftierte in einer Vatikan-Zelle. Der Raum sei so klein gewesen, dass er nicht einmal die Arme ausstrecken konnte, das Licht sei 24 Stunden an gewesen, und er sei auch psychisch unter Druck gesetzt worden. Ob das alles rechtens war, müsse jetzt geklärt werden, befand der Richter und wies den Staatsanwalt an, ein entsprechendes Verfahren zu eröffnen.

Die Papiere, die Gabriele weiterreichte, haben die verschlossenen Vatikan-Tore einen Spalt breit geöffnet und Ausschnitte aus einem vielleicht wenig christlichen, aber zutiefst menschlichen Leben im Kirchenstaat gezeigt: Wo Seilschaften um Macht und Einfluss kämpfen und wo offenbar schmutzige Geschäfte abgewickelt werden.

Da schreibt beispielsweise ein Erzbischof an den "Heiligen Vater", er möge ihn doch bitte nicht abberufen, sondern in seinem Amt als Vizeverwaltungschef im Vatikan belassen, müsse er doch noch "so viele Fälle von Korruption und Machtmissbrauch" aufklären. Aber der Papst schiebt den unbequemen Saubermann ins ferne Washington ab.

Seltsam und schwer durchschaubar auch der Fall des Chefs der vatikaneigenen Bank IOR, Ettore Gotti Tedeschi. Der wurde vom Papst berufen, das IOR von Geldwäschern und Mafia-Paten zu säubern. Doch plötzlich wurde er gefeuert, just in den Tagen, in denen Paolo Gabriele enttarnt und verhaftet wurde. Natürlich kann das Zufall sein.

Von all diesen Fällen ist im Gerichtsgebäude gleich hinter dem Petersdom nicht mehr die Rede. Dabei hat sich ein Kardinalstrio unter der Führung der Opus Dei-Eminenz Julian Herranz Casado mit ihnen befasst. Die hochrangigen kircheninternen Ermittler hatten alle Vollmachten, jeden Winkel des Vatikan auszuleuchten, jeden im Kirchenstaat, ob Putzfrau oder Kardinal zu vernehmen. Was dabei herauskam, bleibt aber geheim. Der Antrag der Verteidigerin von Paolo Gabriele, den Bericht einzubeziehen, wurde vom Gericht abgelehnt. Das sei Kirchenrecht, nichts für weltliche Prozesse.

Die Bischöfe kommen

In der öffentlichen Aufarbeitung soll es nur noch um die Schuld des Kammerdieners gehen. Warum hat er die vertraulichen Schreiben gestohlen, warum hat er sie dem Journalisten Gianluigi Nuzzi gegeben, der sie in seinem Buch "Seine Heiligkeit" publizierte? Handelte er allein oder als Mitglied einer Gruppe? Und weil der biedere und zutiefst gläubige Gabriele alles auf sich nimmt, scheint die Angelegenheit eigentlich schon jetzt erledigt.

Interessant allenfalls noch, ob der Vatikan den Mann, der den Papst auf Reisen begleitete, ihm die Kleidung reichte, das Essen servierte und oft mit zu Tische saß, für geistig minderbemittelt erklärt. Ein psychologisches Gutachten, das die Vatikanjustiz vom Angeklagten erstellen ließ, will "seelische Probleme" ausgemacht haben, so heißt es.

Am 7. Oktober kommen Bischöfe aus aller Welt nach Rom, um über den Zustand der römisch-katholischen Kirche zu debattieren. Problematische Themen gibt es mehr als genug, da soll - so wohl die Planung am "Heiligen Stuhl" - wenigstens die "Vatileaks"-Affäre vom Tisch sein.

Ob sie mit dem Urteilsspruch wirklich aus und vorbei ist, ist freilich nicht sicher. Hatte doch Kammerdiener Gabriele vor seiner Verhaftung verbreitet, etwa 20 besorgte Papst-Freunde hätten sich zusammengetan, um die Öffentlichkeit über schlimme Zustände im Kirchenreich zu informieren. Und am 3. Juni, also eine Woche nach Gabrieles Inhaftierung, berichtete die Zeitung "La Repubblica", ein anonymer Informant habe ihr drei neue Schreiben aus dem Vatikan zugespielt. Der Kammerdiener sei möglicherweise nur "ein kleiner Fisch".

insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
altefrau99 02.10.2012
1. Dreiste Lüge
Zitat von sysopDPA/ Osservatore RomanoIm Prozess um die "Vatileaks"-Enthüllungen erklärt sich der Angeklagte Paolo Gabriele, ehemaliger Kammerdiener des Papstes, für "unschuldig" im Sinne der Anklage. Seine Taten rechtfertigt er mit Sorgen um das Kirchenoberhaupt. Doch wie auch immer der Prozess endet - die Affäre gärt weiter. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/vatileaks-prozess-angeklagter-paolo-gabriele-sagt-aus-a-859210.html
Wie verlogen ist so ein Mensch! Verkauft Informationen für bares Geld und führt sich als Hüter des Papstes auf. In was für einer Welt leben wir? Wem kann man noch Vertrauen?
sunhaq 02.10.2012
2.
Zitat von altefrau99Wie verlogen ist so ein Mensch! Verkauft Informationen für bares Geld und führt sich als Hüter des Papstes auf. In was für einer Welt leben wir? Wem kann man noch Vertrauen?
Der Kammerdiener sagt, er haben keins erhalten und bisher sind meines Wissens auch noch keine Zahlungen bekannt. Daher stellt sich für mich die Frage, woher Sie die Info mit dem Bargeld haben?
friedenspfeife 02.10.2012
3. Na woher wohl?
Zitat von sunhaqDer Kammerdiener sagt, er haben keins erhalten und bisher sind meines Wissens auch noch keine Zahlungen bekannt. Daher stellt sich für mich die Frage, woher Sie die Info mit dem Bargeld haben?
Ein Schelm wer .....!
Luna-lucia 02.10.2012
4. ist doch so einfach
Zitat von sunhaqDer Kammerdiener sagt, er haben keins erhalten und bisher sind meines Wissens auch noch keine Zahlungen bekannt. Daher stellt sich für mich die Frage, woher Sie die Info mit dem Bargeld haben?
bei der RKK > Es folgt der in der RKK übliche Spruch vom Angeklagten: Confiteor quia peccavi nimis cogitatione, verbo, opere et omissione. Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa. >>> Ich bekenne dass ich Gutes unterlassen und Böses getan habe. Ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken. Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld
Meckerliese 02.10.2012
5. ach herrje
Was für grosse Geheimnisse hat er denn ausgeplaudert? Wenn dieser Verein keine hätte bräuchte er sich auch keine Sorgen machen, aber im Keller des Vatikans liegen viele Leichen.
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