Verbrannter Ouri Jallow Angeklagter bricht Schweigen im Feuertod-Prozess

Der Flammentod des Asylbewerbers Ouri Jallow in einer Dessauer Polizeizelle beschäftigt erneut ein Gericht. Nun hat der wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagte Polizist sein Schweigen gebrochen - und seine Unschuld beteuert.

DPA

Magdeburg - Hätte der Asylbewerber Ouri Jallow gerettet werden können, wenn das Feuer in seiner Zelle früher bemerkt worden wäre und der verantwortliche Polizist schneller gehandelt hätte? Mit diesen Fragen beschäftigt sich seit der vergangenen Woche das Landgericht Magdeburg. Der Dienststellenleiter der Dessauer Wache, in der der aus Sierra Leone stammende Jallow im Januar 2005 verbrannt war, steht erneut vor Gericht.

Am Freitag brach der Angeklagte sein Schweigen. In einer Erklärung beteuerte der 50-jährige Andreas S., bei dem Vorfall vor sechs Jahren trotz mehrfachen Alarms nicht an einen Brand in der Zelle gedacht zu haben. "Ich muss unterschwellig an eine Fehlfunktion gedacht haben", so der Beamte. Dass ein Brand ausgebrochen war, habe er erst gemerkt, als er die Zellentür öffnete.

Der aus dem afrikanischen Sierra Leone stammende Jallow war zu diesem Zeitpunkt bereits tot. Der 23-Jährige hatte bis zu 800 Grad heiße Gase eingeatmet. Andreas S. ist wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt. In einem ersten Verfahren in Dessau war er freigesprochen worden, der BGH kassierte das Urteil.

Zum Auftakt des dritten Verhandlungstages am Freitag warnte die Verteidigung vor überzogenen Erwartungen. Es gehe um die individuelle Schuld des angeklagten Polizisten, nicht um die Aufklärung des gesamten Geschehens. Die Gerechtigkeit, die die Familie von Jallow erwarte, könne das Gericht nicht leisten. Familienmitglieder treten in dem Verfahren als Nebenkläger auf.

S. brachte vor Gericht seine Betroffenheit zum Ausdruck. "Der Tod geht mir sehr nahe, besonders, dass ich nicht rechtzeitig helfen konnte", so der Angeklagte. Er wolle seinen Beitrag zur lückenlosen Aufklärung des Geschehens beitragen, betonte der Beamte, der nach dem Geschehen am 7. Januar 2005 zweimal schwer erkrankt war. Nachdrücklich wies er fremdenfeindliche oder rassistische Motive zurück.

Jallow soll, obwohl an Händen und Füßen gefesselt, mit einem Feuerzeug die Matratze angezündet haben, auf der er lag. Die Polizei hatte ihn festgenommen, weil er Frauen auf der Straße belästigt haben soll und seine Identität nicht eindeutig festgestellt werden konnte. Jallow hatte fast drei Promille Alkohol im Blut und wehrte sich heftig.

S. berichtete weiter, sein Dienstplatz sei per Wechselsprechanlage mit der Zelle verbunden gewesen. Er habe Rufe aus der Zelle gehört. Um ein Telefonat ungestört führen zu können, habe er zeitweise die Lautstärke heruntergedreht. Ähnlich hatte er sich im ersten Prozess vor dem Landgericht Dessau-Roßlau geäußert. Der BGH möchte geklärt wissen, warum S. nicht früher reagiert hatte, obwohl er über die Gegensprechanlage Schreie aus der Zelle gehört hatte.

siu/dpa



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