Verbrecheraufstand in Brasilien Gespannte Ruhe

Vier Tage hatten Verbrecherbanden die brasilianische Metropole Sao Paulo lahm gelegt. Inzwischen scheint gespannte Ruhe eingekehrt. Die Angriffe auf Polizeiwachen, Geschäfte und Busse sollen nachgelassen haben.


Sao Paulo - Auch die Revolten in den Gefängnissen, die parallel zu der Gewalt auf den Straßen begonnen hatten, waren offiziellen Angaben zufolge beendet, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Gestern hatten organisierte Gangster ihre Angriffserie ausgeweitet und die drittgrößte Stadt der Welt damit noch tiefer ins Chaos gestürzt.

Im Visier: Ein Polizist nimmt in Sao Paulo einen Verdächtigen fest
AP

Im Visier: Ein Polizist nimmt in Sao Paulo einen Verdächtigen fest

Die Gewalt wurde dabei offenbar von einer der mächtigsten kriminellen Organisationen im Land koordiniert. Sie wehrte sich gegen die Verlegung ihrer inhaftierten Anführer in ein abgelegenes Gefängnis. Seit Freitag sollen dabei mindestens 115 Menschen getötet worden sein, darunter 32 Polizisten, acht Gefängniswärter und 71 Gangster, hieß es.

Die staatliche Sicherheitsbehörde teilte mit, die Aufständischen in den rund 70 Gefängnissen in Sao Paulo und Umgebung hätten ihre Aktionen inzwischen eingestellt und ihre etwa 200 Geiseln freigelassen. Lokale Medien berichteten, die Behörden hätten mit dem Anführer des "Ersten Hauptstadt-Kommandos", der den Startschuss für die Gewalt gegeben haben soll, eine Vereinbarung getroffen. Einzelheiten sind bislang nicht bekannt.

In der Nacht waren die Straßen der 20 Millionen Einwohner zählenden Stadt verwaist geblieben. Angesichts der anhaltenden Gewalt blieben die Menschen lieber zu Hause.

Restaurants, Kinos und Einkaufszentren hielten ihre Tore geschlossen. Schwer bewaffnete Polizisten bezogen Posten quer durch die ganze Stadt. Einige von ihnen waren vermummt.

Die Gewalt hatte arme wie reiche Viertel gleichermaßen getroffen und gestern zu einem weitgehenden Stillstand der Stadt geführt. Geschäfte, Schulen und Büros machten frühzeitig dicht. Der öffentliche Nahverkehr kam in vielen Stadtteilen zum Erliegen, und die Taxiunternehmen konnten sich vor Bestellungen nicht mehr retten. Viele Pendler hatten Schwierigkeiten, zur Arbeit oder nach Hause zu kommen. Rund ein Drittel der Schüler blieb dem Unterricht fern. "Ich werde meine Kinder auf keinen Fall nach da draußen schicken", sagte die 33-jährige Nanci Rocha.

Der Chef der Militärpolizei im Bundesstaat Sao Paulo sprach von einem Krieg und bereitete die Menschen darauf vor, dass es noch mehr Tote geben werde. Den Behörden zufolge schossen Kriminelle auf fast ein Dutzend Banken und setzten mehr als 65 Busse in Brand. An den Tagen zuvor hatten die Gangster zahlreiche Polizeiwachen im Großraum der Stadt mit Sturmgewehren und Handgranaten angegriffen.

aki/reuters/AFP



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