Verdacht auf neunfache Kindstötung Polizei weitet Suche nach Leichen aus

Neun Baby-Leichen hat die Polizei in Brandenburg bereits entdeckt. Nun wurde die Spurensuche auf weitere Grundstücke und Wohnungen ausgedehnt, wo die festgenommene 39-Jährige gelebt oder sich aufgehalten hatte. Im Juni war die Frau den Behörden erstmals aufgefallen - es ging um Familienstreitigkeiten und Alkoholmissbrauch.

Frankfurt an der Oder - Die Polizei durchsuchte mit Leichenspürhunden ein Grundstück in Brieskow-Finkenheerd, auf dem am Wochenende die sterblichen Überreiste von neun Säuglingen gefunden worden waren. Bislang wurden die Beamten aber noch nicht fündig. Zurzeit wird ein weiteres Grundstück in einer Kleingartenanlage im Norden Frankfurts durchsucht. Ermittler fürchten, dass sich dort ebenfalls Leichen befinden könnten.

Die 39-jährige Sabine H. sitzt seit gestern Abend in Untersuchungshaft und wird des neunfachen Totschlags an neun ihrer Babys beschuldigt. Die Leichen waren am Sonntag nach Hinweisen eines Zeugen unter Erde in Blumenkästen und -kübeln sowie einem Aquarium gefunden worden. Das Gelände in Brieskow-Finkenheerd gehört den Eltern der Verdächtigen. Die Staatsanwaltschaft kündigte weitere Vernehmungen in ihrem sozialen Umfeld an. Zudem dauert die Obduktion der sterblichen Überreste der Neugeborenen an. Sie sollen zwischen 1988 und 2004 zu Tode gekommen sein.

Die Ermittlungslage ist derzeit noch unklar. Die Nachrichtenagentur AP hatte zunächst gemeldet, Sabine H. habe ein Teilgeständnis abgelegt. Polizeisprecher Peter Salender relativierte jedoch mittlerweile erste Äußerungen, wonach die Verdächtige die Tötung einiger der Säuglinge gleich nach deren Geburt eingeräumt habe. Sie habe erklärt, dass alle Babys von ihr seien, und sie spreche bei den Vernehmungen "über das Problem", sagte Salender. Der Frankfurter Staatsanwalt Ulrich Scherding sagte auf ddp-Anfrage, die Frau habe vor der Haftrichterin zwar Entbindungen gestanden. Sie habe aber bestritten, die Kinder "gewaltsam umgebracht" zu haben.

Laut der Berliner Zeitung "BZ" ist die 39-jährige Mutter von vier Kindern im Alter von 20, 19, 18 und eineinhalb Jahren wieder im sechsten Monat schwanger. Diesen Informationen gingen die Ermittler gerade nach, teilte Salender mit.

Vorläufig werde wegen des Verdachts auf Totschlag ermittelt, sagte Michael Neff, der Sprecher der Frankfurter Staatsanwaltschaft, SPIEGEL ONLINE. Erst später werde die Anklage genauer umgrenzt. Die laufenden Ermittlungen müssten zeigen, ob möglicherweise Mordmerkmale vorlägen. "Die Untersuchungen laufen auf vollen Touren", sagte Neff. Der Fundort werde gerade von Kriminaltechnikern geprüft, während die Leichen obduziert würden. "Dabei werden auch vergleichende DNA-Untersuchungen durchgeführt."

Nach Recherchen von SPIEGEL ONLINE war die verdächtige Mutter Sabine H. am 21. Juni mit Polizisten in Konflikt geraten. Die Beamten waren gerufen worden, um einen Familienstreit zu schlichten, bei dem Alkohol eine Rolle gespielt haben soll. Sabine H. sei zur Ausnüchterung in Polizeigewahrsam genommen, ihre eineinhalb Jahre alte Tochter zur Großmutter gebracht worden. Den Angaben zufolge erschien zwei Tage später das Jugendamt bei der allein erziehenden Mutter und nahm das Kind kurzzeitig in seine Obhut.

Nachbarn hatten sie als zierliche Frau mit Pferdeschwanz beschrieben, die immer freundlich gegrüßt habe. Bewohner eines Frankfurter Hochhauses, in dem die Frau bis vor zwei Jahren lebte, beschrieben die Tatverdächtige als attraktiv. "Da bissen die Männer an und kamen auch mit ins Haus", sagte eine Nachbarin der "Märkischen Oderzeitung". Wenn die Frau aber getrunken hatte, sei sie laut, ordinär und unausstehlich gewesen.

Vor zwei Jahren war Sabine H. bereits einmal mit den Behörden in Kontakt geraten: Einige Monate, nachdem sie von ihrem Mann, dem hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter Oliver H., verlassen worden war, wurde ihre Frankfurter Wohnung zwangsgeräumt.

Wie der Sprecher der Stadt Frankfurt, Heinz-Dieter Walter, SPIEGEL ONLINE bestätigte, war Sabine H. den Behörden bis dahin nie aufgefallen. Bisherigen Erkenntnissen zufolge habe die Frau keine städtische Unterstützung erhalten: "Es war nicht so, dass sie ein chronischer Kunde bei allen Ämtern der Stadt gewesen ist." Auch drei ihrer älteren Kinder seien "kein Fall fürs Amt" gewesen.

Sabine H., eine arbeitslose Zahnarzthelferin, lebte laut "Bild"-Zeitung selbst in Frankfurt an der Oder. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hatte sie aber in den vergangenen Jahren unter anderem in Eisenhüttenstadt gewohnt und war mehrmals umgezogen.

Laut "Bild" habe sie vor 17 Jahren erstmals einen Blumentopf zu ihren Eltern gebracht und dort in der Garage untergestellt, weil sie in ihrer Stadtwohnung nicht genug Platz dafür habe. 1984 habe sie ihr erstes Kind bekommen. Nach der Trennung von ihrem Mann und der Zwangsräumung ihrer Wohnung habe sie in einem Wohnwagen auf dem Grundstück ihrer Eltern gewohnt. In dieser Zeit sei sie erneut Mutter geworden.

Die Einwohner der Gemeinde reagierten fassungslos und bestürzt auf den grausigen Fund. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) und Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) äußerten sich tief erschüttert. "Wir stehen vor einem Verbrechen, das es in diesem Ausmaß in der Geschichte der Bundesrepublik nach meiner Erinnerung noch nie gegeben hat", sagte Schönbohm.

Jens Todt und Roman Heflik

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