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Doppelmord in Bodenfelde: "Wir haben die richtige Person"

Verdächtiger im Fall Bodenfelde Polizei hält Jan O. für potentiellen Serienmörder

Die Kripo ist überzeugt: Jan O. hat die beiden Teenager aus Bodenfelde getötet - mutmaßlich aus "purer Mordlust". Der Verdächtige will ein Geständnis ablegen. Den Ermittlern aufgefallen ist der 26-Jährige, weil er einer Jugendlichen seine Handy-Nummer gab.

Knapp 20 Kameras sind auf Hans Hugo Heimgärtner gerichtet, rund 50 Journalisten drängeln sich am Mittwochvormittag vor dem Göttinger Oberstaatsanwalt, warten gespannt auf Details - im Mordfall Bodenfelde wurde ein Verdächtiger festgenommen. Da klingelt Heimgärtners Handy. Er geht ran, antwortet knapp, legt auf. Er wirkt erleichtert. Über das Telefonat verliert er zunächst kein Wort.

Erst eine Stunde später erzählt er, dass am anderen Ende der Leitung der Anwalt des mutmaßlichen Mörders von Nina und Tobias war. Jan O. soll bereit sein, die Tat zu gestehen.

Die Beweislage muss erdrückend sein, sonst würde ihm sein Verteidiger kaum zum Geständnis raten. Jan O. soll am vorvergangenen Montag erst Nina, am darauffolgenden Samstag dann Tobias getötet haben - aus "purer Mordlust", wie die Ermittler vermuten.

Zuvor hatte O. die Jugendlichen noch nie gesehen. Beide starben im Fichtenwäldchen, an dem Ort, an dem sie tot aufgefunden wurden.

Für die Staatsanwaltschaft ist der Fall Bodenfelde damit aufgeklärt.

"Trau nie einem Zeugen"

Jan O. soll Nina nach Darstellung der Kriminalbeamten getötet haben, kurz nachdem die 14-Jährige von zu Hause abgehauen war, vermutlich noch am Montagabend. Den genauen Todeszeitpunkt konnten die Rechtsmediziner an der Universität Göttingen nicht mehr feststellen. Die nasse Witterung und der Temperatursturz der vergangenen Tage hatten sich stark auf den Zustand der Leiche ausgewirkt.

"Wir wussten, es handelt sich um unterschiedliche Todeszeitpunkte", sagt Kriminaldirektor Andreas Borchert. Dass letztendlich fünf Tage zwischen den beiden Taten liegen, habe die Mordkommission "dennoch sehr überrascht".

Die alte Polizistenregel "Trau nie einem Zeugen" bewahrheitete sich auch diesmal. Mehrere Menschen aus Bodenfelde hatten ausgesagt, sie hätten Nina in der vergangenen Woche mehrfach im Ort gesehen - unter ihnen einige Schulkameraden.

Nach der Festnahme von Jan O. noch einmal intensiv befragt, zogen viele dieser Zeugen ihre Aussagen zurück und gaben zu, dass sie sich nicht genau erinnern können, wann und ob sie Nina tatsächlich gesehen hatten.

"Ich gehe davon aus, dass er psychisch gestört ist"

Die Ermittler sind zum jetzigen Zeitpunkt davon überzeugt, dass Jan O. keinen seiner Freunde ins Vertrauen zog. Ein solches Verhalten wäre für einen Serientäter nicht untypisch. "Die meisten machen alles mit sich alleine aus", sagt Borchert.

"Wir sind uns absolut sicher, mit Jan O. die richtige Person festgenommen zu haben", betont der Leiter der Mordkommission (MoKo) "Rechen", Hartmut Reinecke. Er selbst konfrontierte den 26-Jährigen mit den Mordvorwürfen. Jan O. habe keinerlei Reaktionen dabei gezeigt. "Ich gehe davon aus, dass er psychisch gestört ist." Eine Begutachtung werde veranlasst.

Grundsätzlich, sagt Kriminaldirektor Borchert, setze sich jeder Täter mit seiner Tat auseinander. Jeder habe schließlich ein Gewissen, sei seine Tat auch noch so brutal. "Täter müssen eine Erklärung für ihre Tat finden und sie verarbeiten. Manche kommen schnell darüber hinweg und präparieren sich für eine neue Tat."

Jan O. soll innerhalb von fünf Tagen zwei Jugendliche getötet haben, für die Ermittler wäre dies ein klares Zeichen "für einen sehr skrupellosen Menschen". Andreas Borchert geht nach derzeitigem Stand der Ermittlungen davon aus, dass der mutmaßliche Täter "das Potential zum Serienmörder" gehabt habe. Er stand demnach möglicherweise am Anfang einer Serie. "Wir wissen nicht, was noch hätte passieren können."

"Ein wenig Normalität"

Weitere Vermisste gebe es in der Region zwar nicht, da Jan O. aber aus Uelzen stammt und in Rotenburg/Wümme lebte, seien die Ermittlungen in dieser Hinsicht noch nicht abgeschlossen. "Die Mordkommission startet jetzt noch einmal komplett durch", sagt Reinecke.

Warum waren beide Jugendliche an denselben Körperstellen entkleidet? Die Ermittler vermuten den Grund in "Mordlust" des Täters. "Von Mordlust angetriebene Täter wollen oft ihr Opfer nach der Tat näher betrachten", sagt Borchert. Nach dem Mord soll Jan O. deshalb auch seine Opfer fotografiert haben, heißt es aus Ermittlerkreisen.

Zur Tatwaffe wollten die Ermittler zunächst keine Angaben machen. Der Besitzer des am Tatort gefundenen Handys konnte ermittelt werden. Er hat nichts mit der Tat zu tun.

"Für uns alle war der Einsatz sehr belastend", sagt Hans Walter Rusteberg, Chef der Polizei Northeim. "Unser Mitgefühl gilt den Angehörigen." Der Mord an den beiden Kindern habe zu einer "sehr schwierigen Situation" in Bodenfelde geführt. "Vielleicht bringt die Festnahme und auch ein Geständnis ein wenig Normalität zurück."

Blutspuren, erdbeschmierte Turnschuhe - die Beweislast ist erdrückend

Pausenlos haben die Ermittler seit dem Fund der Leichen gearbeitet, der Druck war immens, doch der schnelle Fahndungserfolg macht das wieder wett. In den müden Gesichtern ist Erleichterung zu lesen, auch ein wenig Stolz.

Der Verdächtige Jan O. hat es den Kriminalisten allerdings auch leicht gemacht.

Der entscheidende Tipp für den Zugriff kam von einem Mädchen aus Bodenfelde. Ein junger Mann hatte sie am Samstag um 19.15 Uhr auf dem Parkplatz vor dem Bahnhof angesprochen. Der 26-Jährige, 1,82 Meter groß, schlank und doch kräftig, trug eine schwarze Bomberjacke, darunter ein graues T-Shirt. Er hatte eine Fahne, hielt eine Bierflasche in der Hand und wollte mit dem Mädchen anbandeln.

"Hey, willst'n Bier?", soll er gefragt haben. Und: "Was ist in denn in Bodenfelde so los?" Schließlich fragte er die Jugendliche nach ihrer Telefonnummer.

Sie reagierte clever, nahm zwar seine Nummer entgegen, rückte ihre eigene aber nicht raus. Die beiden trennten sich. Die Nummer war die von Jan O. Die Ermittler mutmaßen: Jan O. suchte ein neues Opfer.

Ob er weitere junge Frauen ansprach, ist unklar. Fest steht, dass sich auch Tobias am Bahnhof aufhielt, weil er einen Freund zum Zug bringen wollte. Die Obduktion hat ergeben, dass der 13-Jährige am Samstag gegen 22 Uhr getötet wurde. Als Todesursache bei Nina und Tobias gibt die Mordkommission eine "Kombination von Erwürgen und Erstechen" an. "Aus taktischen Gründen geben wir keine Details dazu raus, das wollen wir vom Täter hören", erklärt Kriminaldirektor Borchert.

Tobias' Mutter findet am Sonntag um 12 Uhr am Rande eines Fichtenwäldchens seine Leiche. Polizisten entdecken kurz darauf Nina, tot. Sie liegt fünf Meter entfernt. Die Nachricht von der Ermordung der beiden Teenager verbreitet sich rasch unter den 3600 Dorfbewohnern.

Spuren im Internet

Auch die Jugendliche, die von Jan O. angesprochen wurde, hört von dem Geschehen. Sie erzählt ihren Eltern von der Begegnung mit O., die informieren am späten Nachmittag die Polizei.

Die Ermittler haben nun die Handy-Nummer des 26-Jährigen, überprüfen ihn. Dennoch behalten sie auch drei weitere Verdächtige im Visier. "Der bloße Umstand, dass O. ein Mädchen angesprochen hat - wenn auch auf plumpe Art und Weise - reicht ja allein nicht als Tatverdacht aus", sagt Borchert.

Ein Blick in den Computer zeigt: Wegen mehrerer Diebstähle aus der Zeit seiner Drogenabhängigkeit wurde Jan O. 2007 zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt. Ein Verfahren wegen Verdachts auf Brandstiftung vor wenigen Wochen in Uslar läuft noch.

Am Montagmorgen stoßen die Ermittler auf Jan O.s Spuren im Internet. Die sind reichlich. Der Arbeitslose war demnach auf mehreren Internetplattformen präsent, auf der Suche nach Bekanntschaften mit jungen Mädchen. Er beschönigt seine Arbeitslosigkeit nicht, sondern prahlt damit, macht anzügliche Bemerkungen. Unter Hobbys gibt er an: "Ficken, bumsen, blasen."

Dann überschlagen sich die Ereignisse.

An beiden Händen Verletzungen

Jan O. soll in einem Chatroom konkrete Hinweise hinterlassen haben, die nach Auffassung der Ermittler dafür sprechen, dass er Nina getötet hat. Hartmut Reinecke leitet die Mordkommission (MoKo) "Rechen", er sagt, man sei sich in dem Moment sicher gewesen: "Das ist unser Mann!"

Jetzt geht alles ganz schnell.

Zivilfahnder rasen um 17.35 Uhr nach Bodenfelde. Die Ermittler wissen längst, dass sich Jan O., der in Uslar gemeldet ist, meist bei Freunden in dem Dorf herumtreibt.

Um 20.10 Uhr ziehen sie ihn am Bodenfelder Bahnhof aus dem Regionalzug, der um 20.13 Uhr nach Uslar abfahren soll. Jan O. ist leicht angetrunken, wehrt sich heftig, bepöbelt die Beamten, lässt sich schließlich mit auf die Polizeiwache nach Northeim bringen.

Dort gibt er lediglich an, dass er seit 2003 arbeitslos sei und ein Drogen- und Alkoholproblem habe. Ein Drogentest nach der Festnahme fällt negativ aus. Laut Polizei konsumierte er zuletzt "leichte Drogen".

An beiden Händen hat Jan O. Verletzungen, der linke Arm ist verbunden. Im Verhör behauptet er, zum Tatzeitpunkt in Göttingen gewesen zu sein. Auch habe er sich dort in einem Krankenhaus wegen der Wunden behandeln lassen.

Zwei Paar Turnschuhe, an denen reichlich Erde haftet

Das steht im Widerspruch zu Aussagen seiner Bekannten, die parallel vernommen werden. Demnach lieferte Jan O. verschiedene Versionen davon, wie es zu der Verletzung kam. Er habe sich in Göttingen geprügelt, sagt er einem Freund. Einem anderen erzählt er, er habe sich mit einem Messer geschnitten. Auch vom Sturz in eine abgebrochene Bierflasche ist die Rede. Als der Rechtsmediziner die Wunde begutachten will, um O.s Angaben zu überprüfen, soll der ihn mit der Faust bedroht haben.

In O.s Wohnung stellen die Beamten zwei blutverschmierte Jeans sicher und zwei Paar Turnschuhe, an denen reichlich Erde haftet - was dazu passt, dass der Weg zum Fundort der Leichen so matschig ist, dass man fast bis zum Knöchel einsinkt.

Das Verhör-Konzept der Beamten geht auf: Jan O. verlangt schließlich nach einem Anwalt. Für die Beamten haben weitere Befragungen keinen Sinn mehr - sonst, so die Befürchtung, macht der Verdächtige "dicht". Sie geben O. Zeit zum Nachdenken und spekulieren darauf, dass der Anwalt angesichts der Beweislage eine Entscheidung herbeiführt.

Am Mittwochvormittag klingelt das Handy des Oberstaatsanwalts.

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