Verdächtiges Neonazi-Trio aus Jena Lernen mit Rudolf Heß

Die Ermittlungen zum Heilbronner Polizistenmord führen in die rechte Szene Jenas: Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe waren hier aktiv, bevor sie untertauchten. Die Bundesanwaltschaft vermutet, dass die drei Mitglieder einer Terrorzelle waren. Eine Spurensuche bei Neonazis in der Stadt.

DPA

Von , Jena


Bevor Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt einen Koffer mit Sprengstoff vor dem Theater in Jena deponierten, sprühten sie ein Hakenkreuz darauf. Eine Botschaft, die ankam, weil das Gepäckstück ohne Zünder versehen war und nicht detonierte. Bis heute ist unklar, ob die Attrappe von 1997 eine Provokation war - oder purer Dilettantismus.

Durch sie geraten die drei einschlägig bekannten Rechtsextremisten ins Visier der Ermittler, von diesem Zeitpunkt an werden sie observiert. Drei Monate später wird eine weitere Bombenattrappe nahe des Nordfriedhofs in Jena gefunden, wieder sollen die drei dahinter stecken. Weitere vier Wochen später stoßen Fahnder in einer Garage in Jena auf eine Art Bombenlabor, in dieser Werkstatt soll auch der Koffer präpariert worden sein.

Das Trio taucht ab.

Seit Dienstag dieser Woche sitzt Beate Zschäpe in Untersuchungshaft. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sind tot - sie hatten sich am vorigen Freitag unter noch nicht genau geklärten Umständen erschossen. Daraufhin soll Beate Zschäpe das Haus, in dem das Trio in Zwickau lebte, angezündet haben.

Die Bundesanwaltschaft hat an diesem Freitag die Ermittlungen in dem Fall übernommen. Sie geht davon aus, dass Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe Mitglieder einer rechtsextremen, terroristischen Vereinigung waren - und weit mehr Verbrechen auf ihr Konto gehen als bisher angenommen. In den Trümmern des Hauses in Zwickau fanden Ermittler die Waffe, mit der die Opfer der sogenannten Döner-Morde erschossen wurden. Bei der Durchsuchung fanden die Fahnder außerdem Beweise, die auf eine rechtsextremistische Motivation der Morde hindeuten.

Gegen Beate Zschäpe wird nun ermittelt wegen des Anfangsverdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung in Tateinheit mit Mord, versuchtem Mord und schwerer Brandstiftung.

Die Neonazi-Szene in Jena und Umgebung, in der das Trio mindestens bis Ende der neunziger Jahre aktiv war, rückt erneut in das Zentrum der Ermittlungen. "Jetzt fängt der ganze Scheiß von vorne an", sagt ein Angehöriger eines ehemals führenden Neonazis. Angeblich Losgesagte wehren sich gegen die Nennung ihrer Namen und die Erwähnung ihrer Straftaten. Viele von ihnen kennen Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt.

Die drei sollen regelmäßig bei den "Mittwochtreffs" in einer Gaststätte in Heilsberg bei Saalfeld erschienen sein, die Kneipe galt bis 1998 als logistisches Zentrum des "Thüringer Heimatschutzes", eines Zusammenschlusses von Kameradschaften. Bei einer Razzia im Oktober 1997 wurde dort ein Waffenarsenal entdeckt.

Zentrum der Szene: das "Braune Haus"

Im März 1998 tötete ein 15-jähriger Neonazi ein 14-jähriges Mädchen aus Saalfeld. Es folgten viel Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit, die Kameradschaftsabende wurden daraufhin wieder Richtung Jena verlegt.

2001 machen die Neonazis aus der leerstehenden Gaststätte "Zum Löwen" in der Altstadt von Jena-Lobeda ihre Schaltzentrale. Offiziell wird das Gebäude zum "Wohn- und Schulungsobjekt", die politischen Gegner nennen es schlicht das "Braune Haus". Eine Gastwirtschaft wird eingerichtet, es gibt Pensionszimmer. Einige Größen der rechten Szene leben dauerhaft im "Braunen Haus".

Regelmäßig werden "Schulungsabende" veranstaltet. Ihr Ziel: "Interessenten sowie organisierten und freien Nationalisten aus der gesamten Region wurde ein Anlaufpunkt geboten und die Vernetzung und Organisation des Nationalen Widerstandes in Thüringen vorangetrieben", heißt es auf der Homepage noch immer.

Das Haus wird zum Sitz des NPD-Kreisverbandes Jena, im Herbst 2010 kursiert der Verdacht, im Keller lagere Sprengstoff. Inzwischen gammelt das heruntergekommene Fachwerkhäuschen in der mit Kopfstein gepflasterten Straße vor sich hin, die Fenster sind vernagelt, die Haustür von der Baubehörde versiegelt. Auf dem Grünstreifen daneben steht ein Holzkreuz mit dem Bild einer Katze.

Im Garten ist ein NVA-Zelt aufgebaut, das derzeitige Ausweichquartier. An den Briefkästen kleben noch immer die Namen stadtbekannter Rechtsradikaler, die in dem Haus auch wohnten und die im Januar 1998 mit Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt auf der NPD-Demonstration gegen die umstrittene Wehrmachtsausstellung in Dresden gesehen wurden. Wenige Tage später legte das Trio seine Identität ab und verschwand.

Beate Zschäpe schweigt beharrlich

"Diese drei Personen sind nicht politisch wahrgenommen worden, das waren Berufskriminelle", behauptet Patrick Wieschke, stellvertretender Kreisvorsitzender der NPD im Wartburgkreis. Die aktuellen Ermittlungsergebnisse deuten auf etwas anderes hin - demnach fand sich im Haus in der Zwickauer Frühlingsstraße rechtsextremes Beweismaterial.

André K., einer der bekanntesten Neonazis Jenas, steht im Verdacht, dem Trio beim Untertauchen geholfen zu haben. "Das halte ich für abwegig", sagt hingegen Wieschke, "da haben staatliche Stellen ihre Hände mit im Spiel."

Wie Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nach der Entdeckung der Bombenbastler-Werkstatt im Januar 1998 den Ermittlern entkommen konnten, obwohl sie angeblich observiert wurden, ist derzeit unklar. Es gilt zu klären, ob das Trio in den Besitz gefälschter Ausweispapiere kommen konnte - obwohl es inzwischen fälschungssichere Papiere samt Chip und biometrischen Angaben gibt. Vielleicht aber existieren auch gar keine falschen Pässe. "Wir wissen, dass sie unter Alias-Namen aufgetreten sind, aber entsprechende Dokumente habe ich bis jetzt noch nicht gesehen", sagt die Zwickauer Staatsanwältin Antje Dietsch.

Beate Zschäpe, die bei der Polizei angab, sie sei gelernte Gärtnerin, schweigt über ihr Leben, das sie in den vergangenen Jahren geführt hat. Sie habe bislang nur Angaben zu ihrer Person gemacht, "ob sie überhaupt je aussagen wird, wissen wir nicht", so Dietsch. Vermutlich ist die 36-Jährige angesichts der gegen sie erhobenen Vorwürfe gut beraten, den Mund zu halten.

Schwierige Spurensuche

Seit Freitagmorgen wühlten erneut etwa 20 Brandursachenermittler und Bereitschaftspolizisten in den Trümmerbergen der Doppelhaushälfte in Zwickau.

Im Ascheschutt fanden sie zahlreiche Waffen, unter anderem eine Pistole mit Schalldämpfer aus tschechischer Produktion, Ceska Typ 83, Kaliber 7,65 Millimeter. Sie rückte ein weiteres Verbrechen der vergangenen Jahre in das Visier der Fahnder: die sogenannten Döner-Morde. Die Opfer, acht türkische Zuwanderer und ein Grieche, wurden alle mit dieser Waffe erschossen. Außerdem fanden die Ermittler in dem Haus eine Waffe, die baugleich ist mit Modell, mit dem die Polizistin Michèle Kiesewetter 2007 getötet wurde.

Im ausgebrannten Wohnmobil, in dem die Leichen von Mundlos und Böhnhardt entdeckt wurden, fanden Ermittler die Dienstwaffen von Michèle Kiesewetter und ihrem Kollegen, die Handschellen der getöteten Beamtin und ein Multifunktionsmesser, das ihr Kollege bei dem Überfall am 25. April 2007 am Gürtel trug. Außerdem lag in dem Wagen ein Reizstoffsprühgerät, das den Polizisten gehört haben könnte.

Welche Verbindung hatten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nach Heilbronn? Wie lange haben sie sich dort aufgehalten - und warum? Laut Staatsanwaltschaft Heilbronn gab es bislang keine Übereinstimmung von am Tatort sichergestellten DNA-Proben und denen der beiden toten Bankräuber. Kannten die Männer die aus dem thüringischen Oberweißbach stammende Michèle Kiesewetter? Dagegen spricht, dass die 22-Jährige spontan für einen Kollegen einsprang und keinerlei Kontakte in die rechte Szene hatte.

Er halte es für möglich, dass in den folgenden Wochen noch mehr Verbrechen ans Tageslicht kämen, die auf das Konto des Trios gingen, sagt ein Kenner der rechten Szene Jenas am Donnerstagabend. Er sollte recht behalten.

Uwe Mundlos soll vor seinem Untertauchen in einem Berufskolleg versucht haben, das Abitur nachzuholen. Auf seinem Schreibtisch im Wohnheim hatte er ein Porträt aufgestellt. Es zeigte Rudolf Heß.

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.