Prozess in Neu-Delhi Angeklagter in Vergewaltigungsfall tot in Zelle gefunden

Nach offiziellen Angaben hat er sich erhängt: Einer der Männer, die eine junge Inderin so brutal vergewaltigten, dass sie später starb, ist tot in seiner Zelle in Neu Delhi gefunden worden. Sein Anwalt erhebt schwere Vorwürfe gegen die Gefängnisleitung.

Tihar-Gefängnis in Neu Delhi: Kritische Fragen an die Einrichtungsleitung
AFP

Tihar-Gefängnis in Neu Delhi: Kritische Fragen an die Einrichtungsleitung


Neu Delhi - Einer der Angeklagten im Prozess um die Massenvergewaltigung einer jungen Inderin hat sich umgebracht. Der 33-jährige Ram S. habe sich in seiner Zelle erhängt, teilte ein Sprecher des Tihar-Gefängnisses in Neu Delhi mit. S. soll laut Anklage den Bus gefahren haben, in dem die 23-Jährige misshandelt und vergewaltigt wurde. Ein Sprecher des Tihar-Gefängnisses in Delhi sagte SPIEGEL ONLINE, es handele sich "auf jeden Fall" um Selbstmord. Der Insasse habe mehrere Kleidungsstücke zu einem Strang zusammengeknotet.

Der Anwalt des 33-Jährigen bestätigte den Tod seines Mandanten und erhob gleichzeitig schwere Vorwürfe gegen die Behörden: "Was soll das heißen, er hat sich umgebracht? Er wurde im Gefängnis getötet", sagte Anwalt A. P. Singh. Die Verteidiger der Angeklagten hatten zuvor bereits behauptet, die Polizei habe versucht, ihre Mandanten mit Gewalt zu Geständnissen zu zwingen.

Auch die Familie des Toten glaubt nicht an einen Suizid und erhob schwere Anschuldigungen. Der Vater des 33-Jährigen sagte der "Times of India", sein Sohn habe vor wenigen Tagen gesagt, er befinde sich in Lebensgefahr. Die Mutter behauptete, ihr Sohn habe ihr Wunden gezeigt, die ihm durch Folter zugefügt worden seien.

Das Tihar-Gefängnis ist eine Hochsicherheitsanstalt. Auf die Gefängnisleitung dürften nun kritische Fragen zukommen, wie der Suizid geschehen konnte. Indische Gefängnisse gelten als chronisch überfüllt, schlecht geführt und sind für die teilweise brutale Behandlung der Insassen gefürchtet.

Ram S. war laut dem Gefängnissprecher bei seinem Tod nicht allein in der Zelle. Mit ihm seien drei weitere anderer Vergehen angeklagte Insassen untergebracht gewesen. Dem Sprecher zufolge gibt es in den Zellen keine Überwachungskameras, die Insassen würden direkt von den Sicherheitskräften überwacht.

Angeklagter soll als suizidgefährdet eingestuft gewesen sein

Ram S. und die vier anderen erwachsenen Angeklagten waren in unterschiedlichen Trakten des Gefängnisses untergebracht. Laut dem Fernsehsender NDTV stehen die fünf volljährigen Angeklagten im Gefängnis wegen Selbstmordgefährdung unter Beobachtung, seit sie nicht mehr mit anderen Insassen sprachen und Symptome von Depression zeigten.

Der Suizid wurde dem Sprecher zufolge am frühen Montagmorgen bemerkt. Eine Untersuchung sei angeordnet worden. Die Leiche habe äußerlich keine Verletzungen aufgewiesen und werde im Verlauf des Tages zur Obduktion in ein Krankenhaus gebracht. S. sei als suizidgefährdet eingestuft gewesen, berichtete die Nachrichtenagentur Associated Press unter Berufung auf einen Gefängnis-Insider. Laut dem Direktor der Haftanstalt erhängte sich S. offenbar mit Kleidungsstücken.

Insgesamt sind in dem Fall vier weitere Erwachsene sowie ein Jugendlicher angeklagt. Den volljährigen Männern wird Mord vorgeworfen, ihnen droht die Todesstrafe. Sie haben auf nicht schuldig plädiert. Der Minderjährige muss mit bis zu drei Jahren Jugendhaft rechnen. Der 33-Jährige soll den Bus gefahren haben, in dem am 16. Dezember die junge Frau entführt, vergewaltigt und gefoltert wurde.

Die 23-Jährige erlag zwei Wochen später ihren Verletzungen. Die brutale Tat hatte in Indien eine Welle der Entrüstung ausgelöst. Es begann eine breite Diskussion über die Sicherheit von Frauen in der Öffentlichkeit. Auch im Ausland fanden der Fall und die zahlreichen Proteste in den Wochen danach Beachtung.

Nach der Tat wurden mehrere Schnellgerichte eingerichtet, die sich ausschließlich mit Gewalttaten gegen Frauen befassen. Vor einem dieser Gerichte stand der 33-Jährige fast täglich, auch für Montag war ein Termin angesetzt. Ein ranghoher Polizeibeamter versicherte, der Suizid werde keinen Einfluss auf das Gerichtsverfahren haben.

ulz/kaz/dpa/AP/AFP/Reuters

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