Vergewaltigung Opfer, Täter, Racheengel

Eine Frau wurde vergewaltigt, ein Mann fälschlich beschuldigt, eine Frau vergewaltigt zu haben: Zwei Fälle, die zeigen, wie erniedrigend der Prozess der Wahrheitsfindung sein kann - und wie er das Leben der Opfer prägt.

Opfer-Trauma: Gedemütigt, beschmutzt, schuldig
Corbis

Opfer-Trauma: Gedemütigt, beschmutzt, schuldig

Von


"Ich wurde vergewaltigt." Dieser Satz tost in Kerstin Maler* noch immer. Sie muss nur die Augen schließen. Manchmal glaubt sie, Fremde könnten ihn in ihrem Gesicht lesen. Kerstin Maler wurde von einem Bekannten überfallen, gedemütigt, zum Geschlechtsverkehr gezwungen.

Es geschah nach einem gemeinsamen Skiurlaub. Sie waren wie jedes Jahr eine große Gruppe gewesen, jeder kannte jeden, wenn auch nur oberflächlich - eine trügerische Vertrautheit. Kerstin flirtete mit Kai. Er war zum ersten Mal dabei. Tagsüber jagten sie über die Zillertaler Pisten, abends wurde gemeinsam in der zweistöckigen Hütte gekocht. Näher kamen sich die beiden nicht.

Zurück in Deutschland lädt Kerstin Kai zum Abendessen ein. Sie ist verliebt. Der Abend endet mit einem Alptraum.

Kai will nicht gehen. Er bedrängt sie, schubst sie grob auf die Couch, bedroht sie. Kerstin ist wie gelähmt, sie hat Angst. Sie schreit um Hilfe, Kai hält ihr den Mund zu, schlägt auf sie ein. Kerstin wehrt sich nicht mehr.

Was habe sie sich von dem Abend "sonst" versprochen?

Paralysiert sitzt sie Stunden nach der Tat auf dem Fleck, an dem er von ihr abgelassen hat. In den Morgenstunden ruft sie ein Taxi, schleppt sich aus dem Haus, fährt zur nächsten Polizeidienststelle und erstattet Anzeige. Der Beamte fragt nicht viel. Nur: Wann und wo wurde sie vergewaltigt? Kann sie den Täter identifizieren? Hat er Zugang zum Tatort?

Ein Streifenwagen bringt Kerstin zur sogenannten Fachdienststelle. Eine Polizistin begleitet sie in die Rechtsmedizin. Anschließend wird Kerstin detailliert vernommen, das Gespräch mit einer Videokamera aufgezeichnet. Sie sitzt in einem eigens für diesen Zweck eingerichteten Vernehmungszimmer, in einem Sessel, auf dem Tisch steht ein Sträußchen Blumen. Die Beamtin geht behutsam mit ihr um.

Wie sensibel die Polizisten mit ihr umgingen, lernt Kerstin erst später im Prozess gegen ihren Vergewaltiger zu schätzen. Mehr als zwei Stunden lang muss sie vor Gericht aussagen, ihr Intimleben in allen Details ausbreiten - vor Publikum.

Kais Verteidigerin fragt sie, in welche ihrer Körperöffnungen dieser einzudringen versucht habe und wie weit es ihm gelungen sei. "Nur mit dem Penis?", will die Anwältin wissen und ob Kerstin dabei "feucht" geworden sei. Was sie sich von dem Abend "sonst" versprochen habe? Und: "Sie haben ihn auf die Wange geküsst. Das war aber freiwillig, oder hat er Sie bereits dazu gezwungen?"

Über diese Szene im Gericht sagt Kerstin, das Vergewaltigungsopfer, es sei "der entwürdigendste Moment meines Lebens" gewesen.

"Ein Rechtsanwalt ist kein Racheengel", sagt dazu der Hamburger Strafverteidiger Johann Schwenn. Er ist jedoch auch überzeugt, dass ein Opfer, das die Wahrheit sagt, einer solchen intensiven Befragung standhalten kann. "Echte Opfer sind vor Gericht oft stabiler als man glaubt." Er hat häufig nachgewiesen, dass Zeuginnen lügen oder erfinden. Die Zahl der Wiederaufnahmeverfahren, die er durchsetzte, ist hoch.

Ein freundschaftliches Verhältnis - oder etwa mehr?

Roland Klein* musste fürchten, im Gefängnis zu landen, für etwas, was er nicht getan hat. Eine Nachbarin zeigte den Fernfahrer nach einer Gartenparty wegen Vergewaltigung an. Das Fest hatte man gemeinsam organisiert. Roland Klein und jene Nachbarin waren die letzten Gäste, räumten zusammen auf, tranken ein letztes Bier unter dem Sternenhimmel, sprachen über ihre Ehen, die Kinder, Alltagssorgen. Als die Nachbarin Roland Klein ihre Liebe gestand, wusste er nicht, wie er mit dieser Eröffnung umgehen sollte. Er ließ die Frau sitzen, ging eilig nach Hause.

Tage später wird der 42-Jährige daheim von der Polizei abgeholt, knapp fünf Stunden lang verhört. Sein Bekanntenkreis ist verstört: Klein hatte zu der Nachbarin ein freundschaftliches Verhältnis gehabt - oder war da etwa doch mehr gewesen?

Roland Klein darf nach der Vernehmung nach Hause. Da weiß es schon die halbe Straße. "Die Einzige, die mir von Anfang an glaubte, war meine Frau." Nach belastenden Monaten gibt die Nachbarin zu, aus Eifersucht gehandelt zu haben, sie leide am Borderline-Syndrom. Die Frau zieht ihre Anklage zurück, muss eine Strafe zahlen, entschuldigt sich bei der Familie und zieht fort.



insgesamt 348 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Methana, 06.09.2010
1. Kein Kavaliersdelikt - fairer Prozess nötig
Vergewaltigung und andere sexuelle Verbrechen müssen verfolgt werden. Aber es müssen faire Prozesse sein, die das Opfer schützen und dem Täter einen fairen Prozess ermöglichen. Beide müssen genau überprüft werden - und zwar fern der Öffentlichkeit! Solange ein Täter nicht überführt ist und die Möglichkeit besteht, daß er / sie unschuldig sind, hat das nichts in der Öffentlichkeit zu suchen. Das Opfer muß geschützt werden, aber es kann auch nicht sein, daß seine Vorwürfe durch öffentliche Stellen so manipuliert werden, daß ein fairer Prozeß nicht möglich ist. Man darf auch nicht vergessen, daß es - sicher eine kleine Minderheit - Frauen gibt, die als Rache für verschmähte Liebe, etc. eine Vergewaltigung anzeigen. Da muß die Justiz genau hinsehen und prüfen. Denn wie soll sich ein unschuldiger Mann gegen so etwas wehren? Wer keinen safer Sex betreibt, wird eindeutige Spuren hinterlassen und wird zu Recht gefasst. Aber alle anderen, die unschuldig sind, müssen sich auf psychologische Gutachten des potentiellen Opfers verlassen. Und wie soll man als Mann seine Unschuld beweisen? Ich bin auch dafür, daß bei Tätern hart durchgegriffen wird, aber vorher muß 100%ig geklärt sein, daß man nicht einen unschuldigen verurteilt und sein Leben zerstört. Es gehört auch Bildung dazu, daß Mädchen und Frauen schon früh zu Selbstbewußtsein erzogen werden und sie auch ganz klar wissen, wie sie das Signal "STOP" geben können. Wie oft ist Alkohol im Spiel? Und dann kann eine Situation entstehen, die nach einem falsch verstandenen Signal zu Katstrophe wird... Beide Seiten müssen dazulernen. Männer müssen wissen, daß sie Frauen respektieren und Frauen müsen lernen, auf die von ihnen gegeben Signale zu achten. Wenn ein Täter überführt ist, reicht eine Strafe nicht aus. Da muß eine Therapie realisiert werden und erst, wenn die erfolgreich ist, kann der Täter sein "normales, neues Leben" beginnen.
terion 06.09.2010
2. Zur Kenntnis nehmen
Ich hoffe, dass das mal zur Kenntnis genommen wird:"Auch Strafverteidiger Schwenn ist davon überzeugt, dass die Verarbeitung des Geschehens mit Hilfe von Beratungsstellen oft nachträglich den Sachverhalt verfälsche. "Immer war falsch verstandener Opferschutz die Ursache, wenn Gerichte Hinweise auf die Unwahrheit einschlägiger Vorwürfe übersehen hatten. Viele Opferberatungsstellen meinen, es sei ihre Aufgabe, Zeuginnen zu coachen. Mitunter werden sie regelrecht zum Lügen angeleitet." Weg mit den Frauennotrufen und Frauenhäusern. Es ist schon längst bekannt, das diese nur zum Männerhass aufrufen und ihre Stellung missbrauchen, um neue Rekruten für Ihre Sache zu gewinnen. Da kommen solche Traumatisierten Menschen recht, diese sind besonders einfach zu lenken. Desweiteren ist es mir unverständlich, warum man bei Vergewaltigung so ein Tamtam um das aussagen macht. Selbst wenn ich beinahe abgestochen worden bin (Nahtoderfahrung) muss ich aussagen, meinem Peiniger gegenüber sitzen und keiner kümmerst sich um das Seelische Wohlbefinden. Nur bei einer Gewalttat die Mehrehitlich Frauen betrifft, ist das natürlich anders. Schon Komisch, da wird doch nicht mit zweierlei mass gemessen?
Christian Krippenstapel 06.09.2010
3. Ausdruck der ganz normalen Männerfeindlichkeit
Zitat von MethanaVergewaltigung und andere sexuelle Verbrechen müssen verfolgt werden. Aber es müssen faire Prozesse sein, die das Opfer schützen und dem Täter einen fairen Prozess ermöglichen. Beide müssen genau überprüft werden - und zwar fern der Öffentlichkeit! Solange ein Täter nicht überführt ist und die Möglichkeit besteht, daß er / sie unschuldig sind, hat das nichts in der Öffentlichkeit zu suchen. Das Opfer muß geschützt werden, aber es kann auch nicht sein, daß seine Vorwürfe durch öffentliche Stellen so manipuliert werden, daß ein fairer Prozeß nicht möglich ist. Man darf auch nicht vergessen, daß es - sicher eine kleine Minderheit - Frauen gibt, die als Rache für verschmähte Liebe, etc. eine Vergewaltigung anzeigen. Da muß die Justiz genau hinsehen und prüfen. Denn wie soll sich ein unschuldiger Mann gegen so etwas wehren? Wer keinen safer Sex betreibt, wird eindeutige Spuren hinterlassen und wird zu Recht gefasst. Aber alle anderen, die unschuldig sind, müssen sich auf psychologische Gutachten des potentiellen Opfers verlassen. Und wie soll man als Mann seine Unschuld beweisen? Ich bin auch dafür, daß bei Tätern hart durchgegriffen wird, aber vorher muß 100%ig geklärt sein, daß man nicht einen unschuldigen verurteilt und sein Leben zerstört. Es gehört auch Bildung dazu, daß Mädchen und Frauen schon früh zu Selbstbewußtsein erzogen werden und sie auch ganz klar wissen, wie sie das Signal "STOP" geben können. Wie oft ist Alkohol im Spiel? Und dann kann eine Situation entstehen, die nach einem falsch verstandenen Signal zu Katstrophe wird... Beide Seiten müssen dazulernen. Männer müssen wissen, daß sie Frauen respektieren und Frauen müsen lernen, auf die von ihnen gegeben Signale zu achten. Wenn ein Täter überführt ist, reicht eine Strafe nicht aus. Da muß eine Therapie realisiert werden und erst, wenn die erfolgreich ist, kann der Täter sein "normales, neues Leben" beginnen.
"...sicher eine kleine Minderheit..." Ach so? Und die Mehrheit der Männer sind Vergewaltiger, oder wenigstens potentielle Vergewaltiger, die nach 22:00 Uhr eigentlich gar nicht mehr auf die Straße gelassen werden dürften, wie es ernsthaft schon einmal gefordert wurde? Wo sind sie denn, die Beratungsstellen für Männer, die Opfer von Gewalttaten geworden sind? Denn nichts anderes ist ein fälschlicherweise erhobener Vergewaltigungsvorwurf. Was passiert denn den Mitarbeitern einschlägiger Beratungsstellen, die offen zur Lüge anleiten? Oder ist das alles überflüssig, weil Männer eo ipso keine Opfer sind, sondern höchstens Jammerlappen? Warum gilt allein die Beschuldigung eines Mannes schon als Beweis, obwohl die Mißbrauchsmöglichkeiten eklatant sind? Weil das Recht der Frau, vor Vergewaltigung geschützt zu sein schwerer wiegt als der Schutz des Mannes vor Verleumdung? Wer kümmert sich um die Traumatisierung, die Männer dadurch davontragen? Wo ist der Schutz für Männer vor seelischer Gewalt durch Frauen? Kommt da auch die Polizei und schmeißt die Täterin raus? Oder bleibt es im günstigsten Falle bei einem mitleidigen Lächeln? Oder gibt es das alles gar nicht und ist bloß das substanzlose Gejammere irgendwelcher erbärmlicher, unmännlicher Gestalten? Seltsam - daran haben 40 Jahre Gleichberechtigung scheinbar gar nichts geändert. Vielleicht interessiert es uns auch bloß nicht, weil es nicht in unser feministisch geprägtes Weltbild paßt, wo zu Gewalt gegen Männer öffentlich gejubelt wird ("Gewalt ist für Frauen kein Tabu mehr", Alice Schwarzer 1994) Schöne, neue (feministische) Welt! Ein highlight, daß dieser Mißbrauch legitimer Frauenrechte im Artikel immerhin mal thematisiert wird.
meinung3000 06.09.2010
4. Bedenkliche Darstellung des eigentlichen Problemes
Langsam sollte mal hinterfragt werden, ob die Darstellung von Kindesmissbrauch oder Vergewaltigung in Presse den realen Gegebenheiten entspricht. Das Thema als solches wird sehr selten publiziert und gerne in unserer Gesellschaft verdrängt. Schließlich findet es in den eigenen 4 Wänden statt, in der Nachbarschaft, im Bekanntenkreis - oft wissentlich - oft wird geschwiegen. Monatelang sah es so aus, als ob der Kindesmissbrauch unweigerlich mit den Kirchen und anderen Einrichtungen verknüft wäre und nirgendwo sonst stattfindet - nun kommt hier eine ähnlich verschobene Diskussion hoch - die armen unschuldigen angeblichen Täter - mag Fälle geben, wo es so ist - aber man sollte doch bitte das Thema Missbrauch oder Vergewaltigung der öffentlichkeit in seiner ganzen Dimension zutragen. - Schon eigenartig, dass Alice Schwarzer dafür sogar in der Bild-Zeitung publizieren muss, um auch an das Leid der Opfer erinnern zu können. Traurig ist das.
adsum 06.09.2010
5. Wehrhaftigkeit besser als Hilflosigkeit !!!
Zitat von sysopEine Frau wurde vergewaltigt, ein Mann fälschlich beschuldigt, eine Frau vergewaltigt zu haben: Zwei Fälle, die zeigen, wie erniedrigend der Prozess der Wahrheitsfindung sein kann - und wie er das Leben der Opfer prägt. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,715531,00.html
Also ich wünschte mir das wehrhafte Opfer. Wenn jemand durch Vergewaltigung oder gar durch Mord (Ehrenmord etc.) bedroht wird, sich so wehren zu können, dass es gar nicht erst zu einer Vergewaltigung oder gar Mord kommt. Die mangelnde Kraft einer Frau kann durch eine Kampftechnik oder mit Hilfe von technischen Mitteln (z.B. Pfefferspray) und Schlag auf ein empfindliches Teil abgewehrt werden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.