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Jörg Kachelmann: Täter oder Opfer einer Rachekampagne?

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Vergewaltigungsprozess Staatsanwaltschaft fordert vier Jahre Haft für Kachelmann

Es ist ein Paukenschlag im Prozess gegen Jörg Kachelmann: Insgesamt drei Staatsanwälte haben ein episch langes Plädoyer gehalten - und am Ende vier Jahre und drei Monate Haft für den Moderator wegen Vergewaltigung gefordert.

Mannheim - Es war absehbar, dass der Prozess gegen Jörg Kachelmann auch zum Ende hin für Aufsehen sorgen würde. Doch der Schlagabtausch, den sich die Beteiligten am Mittwoch vor dem Landgericht Mannheim lieferten, war filmreif.

Der Abschluss: Die Staatsanwaltschaft forderte vier Jahre und drei Monate Haft für den angeklagten Wettermoderator wegen Vergewaltigung. Der Rechtsanwalt des mutmaßlichen Opfers, das als Nebenkläger auftritt, schloss sich dem Strafantrag der Staatsanwaltschaft an.

15 Minuten nach Beginn der Verhandlung hatte Kachelmanns Anwalt Johann Schwenn am Richtertisch gerügt, dass Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge aus dem SMS-Verkehr zwischen dem Angeklagten und seiner Ex-Freundin zitiert hatte und forderte den Ausschluss der Öffentlichkeit. Es kam zu einer einstündigen Unterbrechung der Sitzung, bis die Ankläger ihr Plädoyer beenden konnten.

Die Staatsanwaltschaft geht weiterhin von der Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers und damit von einer Schuld des Angeklagten aus. Nur weil sie Lügen zur Vorgeschichte der Tat längere Zeit aufrechterhalten habe, dürfe nicht der Stab über die Frau gebrochen werden, sagte Oltrogge in seinem Plädoyer. Man könne deshalb nicht behaupten, dass ihre Aussage "nichts wert" sei und sie "in keinem Punkt die Wahrheit" sage.

Die 38-jährige Radiomoderatorin beschuldigt den 52-jährigen Kachelmann, sie am 9. Februar 2010 nach einem Streit in ihrer Wohnung mit einem Küchenmesser bedroht und vergewaltigt zu haben. Kachelmann bestreitet das.

Oltrogge sagte in seinem Plädoyer, Kachelmann habe versucht, bestimmte "Spuren zu beseitigen". So seien auf dem Handy, mit dem er alle seine SMS-Kontakte pflegte, sämtliche von dem mutmaßlichen Opfer eingegangenen SMS nicht mehr vorhanden. Ebenso fehlten alle Eingänge im Zeitraum vom 16. Januar bis 12. Februar 2010. Hier sei eine Löschung der entsprechenden Kontakte erfolgt.

Geschehen in der Tatnacht

Dagegen seien alte Kontakte früherer anderer Freundinnen noch vorhanden gewesen. Dies lasse sich nicht mit einer einvernehmlichen Trennung vereinbaren, wie sie Kachelmann bei seiner einzigen Aussage vor dem Haftrichter beschrieben habe.

In dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft wurden zudem weitere Details bekannt, die Kachelmann aus Sicht der Anklage belasten. Oltrogge zitierte aus früheren Vernehmungen des mutmaßlichen Vergewaltigungsopfers zum angeblichen Ablauf des Geschehens in der Tatnacht. Als sie den 52-Jährigen dabei auf andere Frauen angesprochen habe, habe Kachelmann ihr nach längerem Schweigen letztlich erzählt, dass er einen Frauenhass habe und "dass er krank ist und verrückt, wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde". Er sei auch schon beim Psychologen gewesen.

Laut den von Oltrogge verlesenen Vernehmungsprotokollen hatte die 38-jährige Ex-Freundin - als sie wusste, dass sie nicht die einzige Frau in seinem Leben war - Kachelmann aufgefordert zu gehen. Nach einer Weile habe Kachelmann jedoch einen Blick bekommen, der "eiskalt, böse und starr" gewesen sei.

Dann sei er in die Küche gegangen, habe ein Messer genommen, sie an den Haaren gepackt, ihr das Messer an den Hals gedrückt und gesagt: "Halt die Klappe oder du bist tot." Dann habe er sie auf das Bett geworfen und vergewaltigt. Sie habe "Todesangst" bekommen und habe gebetet: "Lieber Gott, bitte lass mich das überleben."

Überraschungsgast: Mutmaßliches Opfer erschien persönlich vor Gericht

Die Staatsanwaltschaft ging auch auf die Erinnerungslücken der Frau zum mutmaßlichen Vergewaltigungsgeschehen ein. Staatsanwalt Werner Mägerle erklärte dies in seinem Plädoyer damit, dass das Kerngeschehen für sie "die Bedrohung mit dem Tod, nicht der Geschlechtsakt war". Es leuchte ein, dass die Aufmerksamkeit auf das Vergewaltigungsgeschehen dann eingeschränkt gewesen sei. Dass sie sich an das Streitgespräch so detailliert erinnere, lasse sich mit der These einer bewussten Falschaussage nicht in Einklang bringen.

Wenige Minuten nach Beginn des Plädoyers von Oltrogge hatte es eine heftige Auseinandersetzung zwischen Verteidigung und Staatsanwaltschaft gegeben: Kachelmanns Verteidiger sagte, Oltrogge wolle den Angeklagten mit Angaben aus dessen Privatleben bloßstellen, in dem er aus einem SMS-Verkehr zwischen Kachelmann und dem mutmaßlichen Opfer vor der fraglichen Nacht zitierte.

Demnach schrieb Kachelmann, das gemeinsame Essen könne man für die "Hauptaufgabe" weglassen. Damit war laut Oltrogge Sex gemeint. Schwenn sagte, es sei die Strategie der Staatsanwaltschaft, Kachelmann "maximal zu beschädigen".

Nach einstündiger Beratung zwischen den Verfahrensbeteiligten zog Schwenn seinen Antrag, die Öffentlichkeit auszuschließen, schließlich zurück. Die Staatsanwaltschaft sicherte zu, weitere personenbezogene Zitate vorher anzukündigen.

Das mutmaßliche Opfer war beim Plädoyer der Staatsanwaltschaft erstmals seit langer Zeit wieder persönlich bei der Hauptverhandlung anwesend. Kachelmann folgte den Plädoyers der Staatsanwälte mit offensichtlichem Interesse.

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