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Vergewaltigungsvorwürfe gegen US-Star: Warum glaubt ihr mir erst jetzt?

Foto: Phelan M. Ebenhack/ AP/dpa

Vergewaltigungsvorwürfe Bill Cosby, der Vater der Nation

Bill Cosby soll mehrere Frauen vergewaltigt haben, während er sich selbst stets als moralische Instanz inszenierte. Hat er ausgenutzt, dass Amerika ihn lange als Übervater bewunderte?

Das Klicken seines Gürtels hat sie nie vergessen, und wie er kämpfte, seine Hose auszuziehen. Sie wehrte sich, versuchte sich zu befreien, bis er plötzlich aufgab. Sie sei ein Baby, schimpfte er und schickte sie weg.

Sie, das ist Barbara Bowman, damals 17 Jahre alt. Ein junge Frau, die Schauspielerin werden wollte.

Er, das ist Bill Cosby, damals 48 Jahre alt. Ein Mann, der sich zu der Zeit als Cliff Huxtable Woche für Woche in Amerikas Wohnzimmer spielte.

Bowman erzählt die Vorwürfe nicht zum ersten Mal. Früher hörte ihr niemand zu, heute lesen rund zwei Millionen Menschen ihren Artikel in der "Washington Post" . Heute stellt sich der Komiker Hannibal Buress auf die Bühne und sagt über Cosby: "Du bist ein Vergewaltiger." Und dann zum Publikum: "Wenn ihr das nicht wusstet, vertraut mir. Wenn ihr geht, dann googelt 'Bill Cosby Vergewaltigung'. Das ist nicht lustig. Dieser Scheiß hat mehr Treffer als Hannibal Buress."

Der Komiker verpackt das schwere Thema so leicht, dass es sich im Internet verbreitet und die Vorwürfe von damals aktualisiert.

Damals war er noch Amerikas Übervater

Seine "Bill Cosby Show" war "der größte Hit in den Achtzigerjahren", schreibt die "New York Times". Acht Jahre lief sie, fünf davon war sie die meistgesehene Sendung im amerikanischen Fernsehen. Cosby spielte Cliff Huxtable, einen Gynäkologen und Familienvater, der sich um seine fünf Kinder kümmert und seine Frau, eine Anwältin, unterstützt, wo er kann.

Bill Cosby und Cliff Huxtable verschmolzen zu einer Person, geliebt von Millionen Amerikanern. "Die drei glaubwürdigsten Personen sind Gott, der (der Journalist - d. Red.) Walter Cronkite und Bill Cosby", sagte der PR-Chef von Coca Cola einst. Auch heute noch, drei Jahrzehnte später, sei die Show eine der beliebtesten in der Fernsehgeschichte, schrieb die "New York Times" im September. Sie habe nicht nur verändert, wie Amerikaner über Schwarze denken, sondern auch die Politik beeinflusst.

Manch einer glaubt sogar, ohne Bill Cosby wäre Barack Obama nicht Amerikas erster schwarzer Präsident geworden. Ohne die Show keine Kandidatur, schreibt die "New York Times". Und Karl Rove, einer der wichtigsten Berater von George W. Bush, sagte in der Wahlnacht dem Fernsehsender "Fox News": "Wir hatten vor vielen Jahren schon mal eine afroamerikanische First Family in einer anderen Form. Als 'Die Cosby Show' lief, war das Amerikas Familie. Es war keine schwarze Familie. Es war Amerikas Familie."

Bill Cosby inszenierte sich als moralische Instanz: Er schrieb den Bestseller "Fatherhood", er schalt bei öffentlichen Auftritten schon mal den Sitten- und Werteverfall bei der schwarzen Jugend, sie lungerten herum, könnten nicht richtig Englisch sprechen, und die Eltern kauften ihnen auch noch Turnschuhe für 500 Dollar. Er war der Mann, auf den viele Amerikaner lange hörten. Dementsprechend wühlen die Vorwürfe das Land jetzt auf.

Cosby selbst schweigt

Er setzt seine Comedy-Tour in den USA fort, am Freitag bekam er bei einem Auftritt sogar Standing Ovations. Sein Anwalt sprach kürzlich von "jahrzehntealten, diskreditierten Behauptungen", die sein Mandant "keines Kommentars würdigen" werde: "Dass sie wiederholt werden, macht sie nicht wahr".

Im Jahr 2005 äußerte sich Cosby einmal selbst, "Worte und Taten können von einer anderer Person fehlinterpretiert werden", sagte er damals dem Klatschblatt "National Enquirer". Und: Die Frauen seien nur darauf aus, "mich wegen meines Prominentenstatus' auszunutzen".

In Barbara Bowmans "Washington Post"-Artikel liest sich das anders: Sie beschreibt darin, wie Cosby sie im Jahr 1985 mehrmals missbraucht habe. Einmal habe sie nach einem gemeinsamen Essen und einem Glas Wein einen Blackout gehabt. Als sie wach geworden sei, in Slip und T-Shirt, schaute sie in sein Gesicht. Cosby habe sie betäubt und vergewaltigt, glaubt sie heute. Damals hoffte sie, sie habe sich alles eingebildet. Das machte es erträglicher.

Das alles wollte sie vor rund zehn Jahren auch vor Gericht aussagen. Eine andere Frau, Andrea Constand, hatte Cosby zu der Zeit angezeigt, er habe sie betäubt und sexuell missbraucht, sagte sie und suchte Frauen, die Ähnliches erlebt haben. Rund ein Dutzend Frauen schlossen sich an. Letztlich teilte Cosbys Agent mit, Constand und Cosby hätten ihre Differenzen beigelegt und den Rechtsstreit beendet. Aus Mangel an Beweisen hatte die Staatsanwaltschaft von einer Anzeige abgesehen.

Barbara Bowman schreibt in ihrem Artikel, seine Assistenten hätten sie früher zu den Treffen gebracht. Als sie nach ihrem Blackout aufwachte, hätten auch mehrere Mitarbeiter um sie gestanden. Und ihr Agent, der sie damals Cosby vorgestellt habe, habe von ihr verlangt einen Schwangerschaftstest zu machen, nachdem sie vom letzten Treffen zurückgekehrt sei.

Vielleicht nutzen die Frauen tatsächlich seinen Prominentenstatus aus.

Vielleicht nutzte aber auch Bill Cosby aus, dass niemand den Übervater hinterfragen wollte. Er wäre nicht der einzige.

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