Verhinderte Bahn-Attentate Terrorverdächtige suchten im Internet nach Bombenplänen

Die verhinderten Kofferbomber haben Spuren im Netz hinterlassen: Im Internet suchten zwei der Terrorverdächtigen nach Anleitungen zum Bombenbau – und wurden fündig. Generalbundesanwältin Harms sieht eine neue Form des Terrorismus.


Hamburg/Karlsruhe/Berlin – Wer danach sucht, der findet sie problemlos: Im Internet kursieren etliche mehr oder weniger professionelle Pläne zum Bau von Sprengsätzen aller Art. Das machten sich auch die verhinderten Kofferbomber von Deutschland zunutze. Wie die Bundesanwaltschaft mitteilte, recherchierten die beiden Terrorverdächtigen Fadi A. S. und Youssef Mohamad al-Hajdib gemeinsam im weltweiten Netz nach Anleitungen zum Bombenbau. "Gemäß diesen Anleitungen wurden die bei den missglückten Anschlägen verwendeten Spreng-Brandvorrichtungen zusammengebaut", heißt es in einer Mitteilung der Bundesanwaltschaft.

Der Terrorverdächtige Fadi A. S. wird zum Ermittlungsrichter gebracht: Im Internet suchte er nach Plänen zum Bombenbau
DPA

Der Terrorverdächtige Fadi A. S. wird zum Ermittlungsrichter gebracht: Im Internet suchte er nach Plänen zum Bombenbau

Innenminister Wolfgang Schäuble hatte bereits vor einigen Tagen angekündigt, im Zuge des Anti-Terror-Kampfes, das Internet schärfer kontrollieren zu wollen. Auch der Chef des Bundeskriminalamts, Jörg Ziercke, appellierte zuletzt an Internetprovider, Seiten mit Anleitungen vom Bombenbau aus dem Netz zu nehmen. Notfalls müsse es gesetzliche Regelungen geben.

Gegen Fadi A. S., der am Freitag in einem Konstanzer Studentenwohnheim festgenommen worden war, hatte der Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe gestern Haftbefehl wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, versuchten Mordes in einer Vielzahl von Fällen und des versuchten Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion erlassen. Es war der dritte Haftbefehl im Zusammenhang mit den gescheiterten Anschlägen vom 31. Juli auf deutsche Regionalzüge. Der 23-Jährige Syrer, der früher in Kiel gelebt hatte, sei seinen Mittätern auch "bei deren Flucht über die Türkei und Syrien in den Libanon behilflich" gewesen, heißt es seitens der Bundesanwaltschaft weiter.

Der 21- jährige Youssef Mohamad al-Hajdib war bereits am Samstag vor einer Woche in Kiel festgenommen worden. In Beirut sitzt der 20–jährige Dschihad Hamad in Haft. Hamad hatte sich am Donnerstag selbst gestellt. In einem Teilgeständnis gab er zu, dass er einen der Bombenkoffer in einen Regionalzug der Deutschen Bahn gestellt, aber nichts über seinen Inhalt gewusst habe.

Im Libanon wird auch noch ein vierter Verdächtiger festgehalten. Der 24-Jährige aus Akkar im Nordlibanon war am Freitag festgenommen worden. Wie es aus libanesischen Justizkreisen hieß, wurde der Mann - ebenso wie Fadi A.S. - auf Grund von Aussagen Hamads festgenommen.

Mögliche weiter Beteiligte

Generalbundesanwältin Monika Harms schloss nicht aus, dass es noch weitere Beteiligte gibt. In der ARD sagte Harms, die Bundesanwaltschaft gehe bei ihren Ermittlungen zu den fehlgeschlagenen Bahnanschlägen vielen möglichen Spuren nach. Diese würden in den kommenden Tagen ausgewertet. Man hoffe auch auf die Ergebnisse der Vernehmungen im Libanon, sagte Harms.

Der libanesischen Regierung zufolge gibt es in dem Fall Hinweise auf eine mögliche Verbindung zum Terrornetzwerk al-Qaida. Harms sagte, dass dies mit Vorsicht bewertet werden müsse. Es sei aber möglich, dass es eine gemeinsame Grundüberzeugung gebe. "Aber es können auch andere Verbindungen sein. Das ist noch nicht absehbar." Bei der mutmaßlichen Terrorzelle handelt es sich laut Harms um eine neue Form: "Es sind kleine Gruppen, die sich spontan zu Aktionen entschließen." Anders als beim RAF-Terror der 70er Jahre hätten diese Gruppen keine feste Struktur, was sie aber nicht weniger gefährlich mache. Die Ermittlungen und die frühzeitige Erkennung seien schwierig.

BKA sieht keine Anschlagsgefahr

BKA-Präsident Ziercke sieht nach den Verhaftungen derzeit keine akute Anschlaggefahr in Deutschland. "Die aktuellen Festnahmen haben dazu geführt, dass die Gefahrenspitze erst einmal gekappt ist", sagte Ziercke (59) der "Bild am Sonntag". "Es liegen derzeit keine Hinweise auf die Existenz einer weiteren Terrorzelle vor", so Ziercke, der wie Harms weitere Festnahmen im Zusammenhang mit der Kieler Terrorzelle nicht ausschloss. "Große Sorge" bereite ihm nach eigenen Worten, dass die Terrorgefahr in dem konkreten Fall erst spät erkannt worden sei.

Auch Ziercke kommentierte Berichte über eine angebliche Verbindung der Festgenommenen zur Qaida zurückhaltend: "Der Anti-Terror-Kampf hat al-Qaida schwer zugesetzt, sie hat nicht mehr die operative Kraft wie zu Zeiten des 11. September. Al-Qaida ist aber dabei, neue Zellen aufzustellen. Ob die Festgenommenen dazugehören, ist die ganz große Frage, die wir klären müssen."

Im Kampf gegen den Terror setzt der BKA-Chef auf die Mithilfe der in Deutschland lebenden Muslime: "Wer in einer freien, offenen Gesellschaft friedlich miteinander leben will, der muss auch Verantwortung dafür übernehmen. 99,9 Prozent aller Muslime in Deutschland sind friedliebend. Wenn sie erkennen, dass es in ihren Reihen radikale junge Leute gibt, dann haben sie die Verantwortung, sich an die Sicherheitsbehörden zu wenden - und diese zu melden."

phw/ddpa/dpa/AP



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