Verhungerter Neunjähriger Mutter räumt gravierendes Fehlverhalten ein

Ihr Sohn litt an einer unheilbaren Erbkrankheit, er starb unterernährt und verwahrlost: Nun steht die Mutter in Mannheim vor Gericht - und gibt zu, den Neunjährigen absichtlich verhungert haben zu lassen.

Angeklagte Mutter neben ihrem Anwalt: "Meine Mandantin hat das Kind geliebt"
DPA

Angeklagte Mutter neben ihrem Anwalt: "Meine Mandantin hat das Kind geliebt"


Mannheim - Vor dem Mannheimer Landgericht hat der Prozess um den Hungertod des neunjährigen Marcel begonnen. Seine Mutter gab zum Auftakt zu, sie habe ihren Sohn absichtlich verhungern lassen. In einer schriftlichen Erklärung räumte die 30-Jährige ein, sie habe sich gewünscht, "dass er sich nicht länger quälen muss". Der schwerbehinderte Junge war im Mai 2010 an den Folgen der Mangelernährung und Verwahrlosung im Krankenhaus gestorben.

Wenige Wochen zuvor war Marcel von einem Amtsarzt in der Wohnung der Mutter gefunden worden - auf 14 Kilogramm abgemagert. Die Staatsanwaltschaft wirft der Mutter von drei Kindern vor, sie habe den Neunjährigen nicht mehr ausreichend mit Nahrung versorgt, ihn nicht mehr gewaschen und gesäubert. Den Entschluss dazu soll sie Anfang 2010 gefasst haben. Zu diesem Zeitpunkt verließ der Vater die Familie. Die Anklage lautet auf Verdacht des Totschlags sowie Misshandlung von Schutzbefohlenen - durch Unterlassen.

Der Grundschüler litt seit 2008 an der seltenen Erbkrankheit Adrenoleukodystrophie, die ihn in wenigen Monaten von einem normalen Kind zum Pflegefall werden ließ: Er war blind, taub, bettlägerig und hatte Schrei- und Krampfanfälle. Seine Knochen verformten sich und er musste gewickelt werden. "Meine Mandantin hat das Kind geliebt und liebt es immer noch", sagte ihr Verteidiger Steffen Lindberg. "Sie hat schlicht und ergreifend die Augen vor der Realität verschlossen." Die Frau sei überfordert gewesen mit der Krankheit ihres Sohnes.

Mutter bedauert ihr "Fehlverhalten zutiefst"

Die 30-Jährige sagte, sie habe weder von der Familie noch von Freunden Unterstützung erhalten. Hinzu seien laut Verteidigung "egoistische Motive" gekommen: Sie hatte Angst, die Behörden würden ihr den Sohn wegnehmen. Als Mutter habe sie "versagt", sagte die Frau in ihrer Erklärung. Sie bedauere ihr "Fehlverhalten zutiefst". Der Anklage zufolge hatte die Frau vor dem Tod des Jungen den Kontakt zu Hilfseinrichtungen abgebrochen und weder Verwandte noch Mitarbeiter des Jugendamtes in die Wohnung gelassen.

Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen gegen eine Mitarbeiterin des Mannheimer Jugendamtes und zwei Mitarbeiter eines freien Trägers wegen fahrlässiger Tötung aufgenommen. Die Stadt weist jegliche Mitverantwortung für den Tod des Kindes zurück.

Der Anwalt der Angeklagten will die baden-württembergische Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer als Zeugin im Prozess sehen. Die Ministerin war damals in Mannheim zuständige Bürgermeisterin. "Ich unterstelle ihr keine Mitschuld, aber sie weiß, was schiefgelaufen ist", sagte Lindberg. "Ich gehe davon aus, dass Frau Warminski-Leitheußer zumindest aufgrund ihrer Stellung Kenntnis hatte über Organisations- und Überwachungsverschulden." Dem Anwalt zufolge habe es immer wieder Hinweise auf Vernachlässigungen gegeben. Er hält es für denkbar, dass es Versuche gegeben habe, den "Fall zu vertuschen".

Ein Sprecher der Ministerin sagte: "Die Kultusministerin ist jederzeit dazu bereit, einen Beitrag zur Aufklärung im Prozess um den Tod Marcels zu leisten." Sie habe dazu bereits eine Aussage vor dem Staatsanwalt abgelegt und wäre auch damit einverstanden, vor Gericht als Zeugin auszusagen.

wit/dpa/dapd



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