Verhungertes Kind Haftbefehl gegen Lea-Sophies Eltern erlassen

Vernachlässigt, verstoßen, verhungert: Monatelang haben die Eltern der kleinen Lea-Sophie dem Sterben ihres Kindes zugesehen. Das Amtsgericht Schwerin hat nun Haftbefehl gegen Nicole G. und Stefan T. erlassen - wegen gemeinschaftlichen Totschlags.


Schwerin - Die Eltern im Alter von 23 und 26 Jahren waren heute Nachmittag dem Haftrichter vorgeführt worden. Sie hätten es "über mehrere Monate unterlassen, das Kind ausreichend und richtig zu ernähren", sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Die Obduktion habe ergeben, dass die fünfjährige Lea-Sophie aus Schwerin monatelang von den Eltern vernachlässigt worden und deshalb verhungert und verdurstet sei. Das Mädchen wog den Angaben zufolge nur noch 7,4 Kilogramm, was dem Normalgewicht eines eineinhalbjährigen Kindes entspreche.

Hinweise auf Gewaltanwendung gegen das Mädchen habe die Obduktion nicht ergeben, teilte der Sprecher weiter mit. Nach seinen Angaben erstattete unterdessen ein Bürger Strafanzeige gegen das Schweriner Jugendamt wegen unterlassener Hilfeleistung.

Mediziner sind entsetzt über den Zustand des abgemagerten Kindes. Eine Ärztin der Klinik, in die das Kleinkind eingeliefert worden war, sagte der "Schweriner Volkszeitung", bei der Untersuchung seien den Medizinern Hungerödeme und offene Wunden am Körper des Mädchens aufgefallen. Die Haare seien dem Kind büschelweise ausgefallen. Es müsse zudem tagelang in seinen Fäkalien gelegen haben. Die Mediziner fühlten sich laut der Zeitung an Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg erinnert, die Kleine sei "nur noch Haut und Knochen" gewesen, wird ein Zeuge zitiert.

Lea-Sophie war am Dienstagabend ins Krankenhaus eingeliefert worden und dort wenig später gestorben. Laut Innenministerium war das Mädchen erheblich unterernährt, litt unter starkem Flüssigkeitsverlust und hatte Rötungen am Hals. Das Paar hat auch einen zwei Monate alten Sohn.

Die Aussage eines Nachbarn lässt den Schluss zu, dass Behörden ähnlich versagt haben wie im Fall Kevin und im Fall Jessica. Mitarbeiter des Jugendamts bekamen das Mädchen offenbar nie zu Gesicht. Ein Bewohner des Mietshauses, in dem Lea-Sophie lebte, sagte der Nachrichtenagentur dpa: "Ich habe den Leuten vom Amt die Haustür geöffnet. Da waren die Frau und der Mann (gemeint sind Lea-Sophies Eltern, Anm. d. Redaktion) aber gerade aus dem Haus."

Der NDR berichtete, die Eltern seien zwar bei einem Termin im Jugendamt erschienen - allerdings mit ihrem Neugeborenen, nicht mit Lea-Sophie. Ein Sprecher des Jugendamtes wollte sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE dazu nicht äußern.

Noch gestern hatte sich Schwerins Sozialdezernent Hermann Junghans auf einer Pressekonferenz überzeugt gezeigt, dass seiner Behörde kein Vorwurf zu machen sei. Man habe sich an die "vorgegebenen Verfahren" gehalten: "Es gibt keinen Anlass, der dafür spricht, dass die Mitarbeiter in diesem Fall anders gehandelt haben als in diesen Verfahren vorgegeben", sagte Junghans.

Deutsche Kinderhilfe schlägt Alarm

Die Stadt Schwerin teilte mit, das Kind sei dem Jugendamt bekannt gewesen. Die Sozialarbeiter des Jugendamtes hätten in dem Fall nach den gesetzlichen Vorschriften gehandelt. Vorwürfe, wonach das Jugendamt zu zögerlich reagierte, wies ein Sprecher der Behörde aber zurück. Der Vermieter hatte berichtet, das Jugendamt habe sich vor etwa zwei Wochen an ihn gewandt, um einem entsprechenden anonymen Hinweis aus dem Haus nachzugehen.

Bei dem Tod von Lea-Sophie handelt es sich aber nicht um einen Einzelfall, sagte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Kinderhilfe Direkt, Georg Ehrmann. Der Fall sei "ein weiterer tragischer Beweis, dass unser in den vergangenen Jahren systematisch heruntergekürztes Kinder- und Jugendhilfesystem auf die Herausforderungen der wachsenden Kinderarmut und Überforderung von Eltern nicht mehr reagieren kann". Es gebe keine einheitlichen Qualitätsstandards in den Jugendämtern, kritisierte Ehrmann. Vielerorts werde etwa Alkoholismus der Eltern nicht abgefragt.

Nach wie vor müssten in Jugendämtern Sachbearbeiter bis zu 150 Fälle betreuen. Zudem sei der öffentliche Kinder- und Jugendgesundheitsdienst vielerorts gekürzt beziehungsweise ganz abgeschafft worden, sagte Ehrmann. Mittel für in Brennpunkten tätige freie Träger der Jugendhilfe würden gestrichen. Es gebe zudem keine einheitlichen Qualitätsstandards in den Jugendämtern.

Die Nachbarn in dem sanierten Plattenbau in Schwerin-Lankow, in dem die Familie lebte, wollen vom Zustand des Mädchens nichts mitbekommen haben. Die Großeltern des Kindes räumten zwar ein, "Probleme" des Paares seien ihnen aufgefallen. Dass es Lea-Sophie so schlecht gegangen sei, haben sie aber angeblich nicht bemerkt.

pad/ffr/AP/dpa/ddp/AFP



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