Verhungertes Mädchen "Dass wir das alle nicht gemerkt haben!"

Ein dreijähriges Kind verhungert in einer Familie, die viele Jahre unter Aufsicht des Jugendamtes stand - mitten in einem bayerischen Kleinidyll. Die Nachbarn, die dem Mädchen hätten helfen können, sind zutiefst schockiert. Die Verantwortlichen erst recht.

Aus Thalmässing berichtet


Vier holprige Landstraßen schlängeln sich durch Mittelfranken nach Thalmässing, einer beschaulichen Gemeinde am Rande des Altmühltals - mit Kopfsteinpflaster, altertümlichen Häuschen und Blumenkästen voller granatapfelroter Geranien. An jedem Ortseingang heißt ein selbstgebautes Holzschild Besucher willkommen. Das Blaulicht eines Rettungswagens reißt am Samstagabend das Dorf aus seiner friedlichen Idylle. Sanitäter tragen ein abgemagertes Bündel Mensch aus einer Wohnung am historischen Marktplatz. In Windeseile hetzen die Rettungskräfte ins 52 Kilometer entfernte Nürnberg. Das Mädchen ist mehr tot als lebendig.

Keine 36 Stunden später hört Sarahs Herz auf zu schlagen. Die Dreijährige ist verhungert. Nur noch acht Kilo wog ihr entkräfteter Körper. Die Ärzte des Nürnberger Klinikums alarmieren die Polizei. Gegen die Eltern ergeht Haftbefehl wegen Totschlags durch Unterlassen. Sarahs Vater, Patrick R., wird sofort festgenommen und kommt in Untersuchungshaft. Ihre Mutter Angela muss wegen einer Infektion notoperiert werden und liegt seither auf der Intensivstation, bewacht von Polizeibeamten. "Sie ist nicht ansprechbar, daher konnte der Haftbefehl gegen sie noch nicht bestätigt werden", sagt Justizsprecher Thomas Koch SPIEGEL ONLINE.

Was hat sich in der kleinen Mietwohnung über der Pizzeria abgespielt, direkt im Ortskern Thalmässings? Wie konnte in der 5300-Einwohner-Gemeinde ein kleines Mädchen elend verhungern, ohne dass irgendwer Notiz davon nahm?

Angela und Patrick R. ziehen im Januar 2005 nach Thalmässing, einem Dorf mit einem eigenen Spielwarenladen, einem Modehaus, einer Fahrschule, zwei Tankstellen, einem Einrichtungshaus, zahlreichen Handwerksbetrieben und zwei Supermärkten am Ortsrand. Sie richten sich ein in dem sandfarbenen Eckhaus Nummer 15, verziert von dem verschnörkelten Schriftzug "Gasthaus zur Linde". Im Sommer säumen schwere Terracotta-Töpfe den Hauseingang direkt am Marktplatz.

Gemeinsam erzieht das Ehepaar Sohn Dominik. Als er ein Jahr alt ist, wird seine Schwester Sarah geboren. Oft wird Angela R., eine teigige Frau mit dunkelbraunen Haaren, mit dem Kinderwagen und dem kleinen Jungen gesehen. Täglich geht sie in die Bäckerei und Metzgerei. Viele erinnern sich an sie, weil sie auffallend sympathisch gewesen sei - und korpulent. Die 26-Jährige soll noch im vergangenen Jahr mehr als 120 Kilo gewogen haben. "Doch zuletzt hatte sie stark abgenommen, ich hörte, sie sei krank", erzählt Renate M., die in der entfernten Nachbarschaft wohnt.

Die Kindergärtnerinnen täuschte die Mutter immer wieder

Angelas ebenfalls kräftigen Ehemann sieht man selten in Thalmässing. Patrick R., ein 29-Jähriger mit Kreole im rechten Ohr und kurzgeschnittenem Haar, fährt Lkw. "Unter der Woche ließ sich der selten blicken", erinnert sich Maria W. aus der Parallelstraße. Bei örtlichen Veranstaltungen, dem alljährlichen Marktplatzfest oder der Kirchweih, verkriecht sich die junge Familie in ihrer Wohnung im ersten Stockwerk. Wenn überhaupt, folgt sie dem Treiben direkt vor der Haustür vom Fenster aus.

Dass Angela R. bereits mit 16 Jahren erstmals Mutter wurde, mit 20 Jahren erneut - das wusste bis zu jenem Samstagabend in Thalmässing niemand. Ebenso wenig, dass diese beiden Kinder in Pflegefamilien untergebracht sind. Auch merkte keiner, dass fast vier Jahre lang zweimal pro Woche ein Mitarbeiter des Jugendamtes der vierfachen Mutter einen Besuch abstattete.

Im Gegenteil: Irgendwann vergaßen auch die Wenigen, die die junge Mutter einst mit Kinderwagen beobachtet hatten, dass es nicht nur Dominik gab - sondern auch Sarah.

Und die, die sich erinnerten, ließen sich abwimmeln. "Einmal fragte ich sie nach der Kleinen", behauptet Renate M. "Da sagte sie, die habe sie bei der Schwester ihres Mannes untergebracht, weil sie selbst gesundheitlich angeschlagen sei." Auch die Erzieherinnen des Kindergartens in Thalmässing, den Dominik besuchte, täuschte Angela R. immer wieder. Fragen, wann Sarah aufgenommen werden sollte, soll sie geschickt ausgewichen sein.

Den Nachbarn entging, dass sich in der Wohnung der Familie der Müll stapelte, die Unordnung überhandnahm, das Chaos buchstäblich bis zur Decke wuchs.

Bis zum November 2008 stand die Familie nach Angaben des Jugendamtes unter Beobachtung. Doch die Lage habe sich zunehmend entspannt. Mehrere Fachleute seien der Ansicht gewesen, dass keinerlei Gefährdung für die Kinder und deren Wohl vorliege, sagt Manfred Korth, Leiter des zuständigen Kreisjugendamtes Roth, SPIEGEL ONLINE. Die Besuche der Behörde seien ab April 2007 zunächst reduziert, dann komplett eingestellt worden.

Dass Sarah nun verhungerte, versucht Korth damit zu erklären, dass es in den vergangenen neun Monaten "eine massive Veränderung in der Familie" gegeben haben müsse. Welche Rolle spielt die Erkrankung der Mutter? Der Jugendamtschef weiß es nicht. Ihre Krankheit stehe jedoch keinesfalls in Verbindung mit dem Tod der Tochter, betonte Justizsprecher Koch.

"Wir ermitteln im kompletten Umfeld der Familie"

Die Obduktion des Kinderleichnams ergab, dass Sarah abgesehen von der Mangel- beziehungsweise Unterernährung vollständig gesund gewesen ist. Nach Angaben des Justizsprechers werde vorerst nicht gezielt gegen das Jugendamt ermittelt, sondern zunächst müsse die Behörde vorlegen, inwieweit sie Erkenntnisse über den Zustand der Familie hatte. Dominik, nach Angaben der Polizei ein "pumperlgsunder Bub", sei bei seinen Großeltern untergebracht.

"Wir ermitteln im kompletten Umfeld der Familie, wie es dazu kommen konnte", sagt Koch. Patrick R. habe bisher zum Tatvorwurf keine Angaben gemacht.

Als am zweiten Abend nach Sarahs Tod die historischen Straßenlaternen Thalmässing in ein gelb-milchiges Licht tauchten, brannten bis Mitternacht im Rathaus gleißend helle Halogenlampen. "Sicher eine Krisensitzung wegen dem Fall. Der wird uns in Thalmässing noch lang nachgehen", prophezeit ein Spaziergänger mit erhobenem Zeigefinger. "Und das zu Recht. Dass wir das alle nicht gemerkt haben!"

Von den Biergärten der beiden Gasthäuser "Zur Krone" und "Zum Löwen" hört man in der Nacht das Gegröle der Landjugend, das Röhren ihrer Auspuffe - aber auch dort gibt es nur ein Thema. "Vielleicht hätt' man einfach nur mal klingeln müssen", sagt Karl S. "Oder den Buben fragen, was seine Schwester macht", meint sein Gegenüber.

Um halb zwölf an diesem Mittwochmorgen wird Jugendamtsleiter Korth gemeinsam mit der Kriminalpolizei die Akte R. durchgehen. "Wir werden alles offen auf den Tisch legen", sagt Korth - und seufzt.



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BartivsWorld, 12.08.2009
1. :-(
Tja, es scheint leider immer mehr kranke Menschen zu geben, die nicht mal ihr eigenen Leben in dne Griff bekommen, geschweige denn das Leben von Kindern... In die Welt setzte können sie diese jedoch immer... wirklich traurig.
gaga007 12.08.2009
2. Wir haben als Gesellschaft versagt !
Die Gesellschaft hat wieder einmal versagt - wir alle haben versagt ! In diesem Land haben Kinder und alte Menschen keine Lobby. Unsere Gesellschaft interessiert sich ausnahmslos für die Zielgruppe der 19 - 49-jährigen ... Kinder und alte Menschen werden nicht wahrgenommen und wenn doch, dann als Störung. In unserer Gesellschaft ist der Wert eines Menschen verloren gegangen ... ... Sarah hatte nie eine Chance.
elwu, 12.08.2009
3. Mehrere Fachleute
seien der Ansicht gewesen, dass keinerlei Gefährdung für die Kinder und deren Wohl vorliege, sagt Manfred Korth, Leiter des zuständigen Kreisjugendamtes. Soso. Wer waren denn diese "Fachleute"? Etwa JA-Mitarbeiter? Die sind in vielen Problemfällen stark überfordert und zudem nicht selten eher den Interessen der Mutter statt denen des Kindes verpflichtet. Wer gelegentlich mal mit JAs zu tun hat, etwa bei Umgangs- und Sorgerechtsverfahren im Familienrecht, erlebt das immer wieder. Ausnahmen gibt es sicher auch: engagierte, kompetente, unvoreingenomme Mitarbeiter der Jugendämter. Zu befürchten ist, dass es nicht viele solcher Ausnahmen gibt.
Beutz 12.08.2009
4. Verantwortung.
Zitat von sysopEin dreijähriges Kind verhungert in einer Familie, die viele Jahre unter Aufsicht des Jugendamtes stand - mitten in einem bayerischen Kleinidyll. Die Nachbarn, die dem Mädchen hätten helfen können, sind zutiefst schockiert. Die Verantwortlichen erst recht. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,641918,00.html
Gibt es im näheren Ausland eigentlich auch so deutliche Anzeichen der Verkommenheit einer Gesellschaft? Der Vorfall ist so schlimm, dass ich meiner Betroffenheit keinen Ausdruck geben kann. Liebe Grüße.
kellitom, 12.08.2009
5. Ein unvorstellbares Versagen des Jugendamtes
Mitten in Deutschland verhungert ein dreijähriges Mädchen, obwohl das Kreisjugendamt schon lange mit dieser Familie befasst war. Das ist ein unglaubliches Versagen im Amt! Wenn man so etwas liest, dann steigt in mir kochende Wut hoch. Die Staatsanwaltschaft muss hier sehr genau hinsehen, damit sich so etwas NIE mehr wiederholen kann!!!
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