Verkauf an Selbstmörder Angeklagter gesteht Todespillen-Deals im Internet

Er verkaufte im Internet Medikamente an Menschen, die sich umbringen wollten: Vor dem Wuppertaler Landgericht legte Kejdi S. zu Prozessbeginn ein umfassendes Geständnis ab. Ein Internetforum Suizidgefährdeter hätte ihn "in einen eigentümlichen Bann gezogen". Sechs seiner Kunden starben.


Wuppertal - Neben denjenigen, die nach der Einnahme der Pillen gestorben waren, fielen sieben weitere ins Koma, heißt es in der Anklageschrift. "Ich will ganz ausdrücklich sagen, dass ich mein Verhalten sehr bereue", ließ S. über seinen Anwalt erklären.

Staatsanwältin Leane Brosch legte dem 23-Jährigen zur Last, insgesamt 18 potenziellen Selbstmördern im Alter von 19 bis 46 Jahren zwischen November 2004 und Mai 2005 verschreibungspflichtige Medikamente verkauft zu haben - mindestens 1550 Tabletten eines Antiepileptikums und 118 Tabletten eines Antipsychotikums. Für die Arzneien soll der Angeklagte von seinen Kunden 7880 Euro erhalten haben, außerdem zwei Laptops und eine Digitalkamera.

Eine Anklage wegen eines Kapitalverbrechens kam nicht in Frage. Da Selbsttötung in Deutschland nicht strafbar ist, kann auch die Beihilfe dazu nicht strafrechtlich verfolgt werden. Doch auch der Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz kann in schweren Fällen mit bis zu zehn Jahren Haft bestraft werden.

Der als "Event-Manager" tätige Angeklagte soll sein makaberes Geschäft mit der Todessehnsucht anderer Menschen im Forum der inzwischen geschlossenen Internetseite selbstmord.com betrieben haben. Dort nahm er laut Anklage Kontakt zu Selbstmordgefährdeten auf und erschlich sich ihr Vertrauen. "Er hat sich als jemand ausgegeben, der auch Selbstmord begehen will, nachdem sich seine Freundin umgebracht hat", erklärte Oberstaatsanwalt Alfons Grevener vor Prozessbeginn.

Außerdem behauptete der Angeklagte demnach, dass er sich als Medizinstudent bestens mit Medikamenten auskenne. Die eigentlichen Verkäufe seien dann bei privaten Chats vereinbart worden.

Die Staatsanwältin betonte, S. habe sich durch den Verkauf der Arzneimittel eine Einnahmequelle erschließen und damit zumindest teilweise seinen Lebensunterhalt bestreiten wollen.

Der Angeklagte ließ über seinen Anwalt erklären, er habe als regelmäßiger Teilnehmer des Internetforums "in einer Art geschlossener Gesellschaft gelebt". Auf die Internet-Seite, auf der sich Suizidgefährdete über Selbstmord-Methoden ausgetauscht hätten, sei er durch eine frühere Freundin aufmerksam geworden. Die junge Frau habe 2004 selbst einen Suizidversuch unternommen, sei jedoch durch sein rechtzeitiges Eingreifen gerettet worden. In der Folgezeit habe ihn das Internet-Forum "in einen eigentümlichen Bann gezogen"; er habe sich damals "in einer eher irrealen Welt befunden". S. gab zu, dass er um die Strafbarkeit seiner Handlungen gewusst habe. Zugleich bestritt er aber eine Bereicherungsabsicht.

Der Angeklagte betätigte in der von seinem Verteidiger verlesenen Erklärung den größten Teil der Anklagevorwürfe. Lediglich in einem Fall bestritt er entschieden, die Pillen geliefert zu haben. In zwei weiteren bezweifelte er dies, räumte aber ein, er sei sich nicht sicher. Auch dass er in einigen Chats Lügen erzählt habe, bestätigte der Angeklagte.

Für das Verfahren hat das Wuppertaler Landgericht zunächst weitere sieben Verhandlungstage bis Ende Januar anberaumt. 31 Zeugen und Sachverständige sollen vernommen werden.

han/AP/AFP



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