Verletzter Afrikaner Verfahren gegen Bundespolizei eingestellt

In Heidelberg soll im Mai ein Student aus Kamerun von Bundespolizisten angegriffen worden sein und dabei eine Gesichtsfraktur erlitten haben. Nun erging gegen den jungen Mathematiker ein Strafbefehl - und die Ermittlungen gegen einen Beamten wurden eingestellt.

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Hamburg - Asante B.* fühlt sich ungerecht behandelt. Die Staatsanwaltschaft Heidelberg hat gegen den Doktoranden aus Kamerun einen Strafbefehl erlassen - wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Körperverletzung. Der 32-Jährige soll nach einer Personenkontrolle in der Nacht zum 9. Mai im Heidelberger Hauptbahnhof drei Bundespolizisten verletzt haben.

Der Fall hatte überregional für Aufsehen gesorgt. Denn Asante B. behauptet genau das Gegenteil: Die Beamten der Bundespolizei hätten ihn auf der Wache im Hauptbahnhof Heidelberg mit Handschellen gefesselt und mit einem Schlag aufs Auge so schwer verletzt, dass ein Knochen brach.

"Wir haben das Ermittlungsverfahren gegen den betroffenen Beamten eingestellt", sagt Oberstaatsanwältin Kerstin Anderson SPIEGEL ONLINE. "Wir gehen nicht von einer Straftat aus." Beim Strafbefehl gegen den Studenten aus Kamerun handle sich um eine Geldstrafe. Über die Höhe machte Anderson keine Angaben.

Auch Rechtsanwalt Christian Rosenbaum, der den Studenten vertritt, nannte den Betrag nicht: "Darum hat mich mein Mandant gebeten." Den Strafbefehl gegen den 32-jährigen Kameruner bewertet er als "gemessen am Vorwurf milde " - für ihn ein Indiz dafür, dass Asante B. "zwar bestraft werden sollte, man bei der Justiz aber die Angelegenheit möglichst ohne unkalkulierbare Weiterentwicklung beilegen wollte. Dadurch, dass das Verfahren gegen den Beamten eingestellt wurde, gegen meinen Mandanten aber ein Strafbefehl erlassen wurde, entsteht ein völlig anderes Bild als zunächst in der Presse. Das wurde mit dem Strafbefehl bezweckt, reicht der Justiz aber auch", sagt Rosenbaum.

"Schwarze werden für Drogenkuriere gehalten"

Doch der Fall ist damit noch nicht abgeschlossen. Der Jurist aus Heidelberg will am Freitag gegen den Strafbefehl Einspruch einlegen. Dass das Verfahren gegen den Bundespolizisten eingestellt und gegen den Mann nicht mehr ermittelt werde, liege maßgeblich daran, dass Asante B. zu dem Vorfall keine Erklärung abgegeben habe. "Dazu habe ich ihm aus taktischen Gründen geraten, das ist meine übliche Vorgehensweise."

Nach Ansicht Rosenbaums haben sich die Polizisten "unprofessionell" verhalten. "Schwarzafrikaner reagieren aufgrund ihrer Erfahrungen, die sie teilweise in Deutschland gemacht haben, in einem geschlossenen Raum einer deutschen Polizeiwache sicher anders als ein Deutscher." Es sei nun mal so, dass am Heidelberger Hauptbahnhof Schwarze in erster Linie deshalb kontrolliert würden, "weil sie für Drogenkuriere gehalten werden".

"Für diese Menschen ist das sehr schwierig, sich diesen Vorurteilen zu widersetzen", sagt Rosenbaum. Sollte es zu einer Gerichtsverhandlung kommen, könnten die Ermittlungen gegen den Bundespolizisten erneut aufgenommen werden.

Asante B., der seit zehn Jahren in Deutschland lebt, dachte in jener Nacht, die Polizei wolle ihn umbringen. Das sagte er zumindest seinem Bruder, als dieser ihn in der Polizeiwache der Bundespolizei am Heidelberger Hauptbahnhof abholte.

Wurde der Kameruner auf der Wache gefesselt und misshandelt?

Von dem, was zuvor geschah, gibt es zwei völlig unterschiedliche Versionen: Der Student aus Kamerun behauptet, er sei von Beamten der Bundespolizei misshandelt worden. Dazu sei es bei einer Routinekontrolle am 8. Mai gekommen. Der Diplom-Mathematiker, der an der Universität Heidelberg promoviert, war an jenem Freitagabend auf dem Heimweg ins 20 Kilometer entfernte Mannheim. Am Eingang des Heidelberger Hauptbahnhofes wollten Beamte seine Papiere sehen.

Der 32-Jährige habe einen Studentenausweis, eine BahnCard, eine Bankkarte und seine Sozialversicherungskarte vorweisen können, aber keinen Pass dabeigehabt, erklärte Roland Siewe, ein enger Freund und Landsmann des Kameruners. Siewe selbst war bei dem Zusammentreffen nicht dabei, kennt die Details jedoch aus B.s Schilderungen.

Obwohl zwei der Ausweise mit Lichtbild versehen sind, habe das den Beamten nicht genügt, deshalb habe B. auf die Wache mitkommen müssen. Dies habe ihm nicht gepasst, weil er seinen Zug nicht versäumen wollte. "Sie haben ihn die wenigen Meter zur Wache geschleppt. Die Treppe dort ging er jedoch alleine hoch, er händigte ihnen wie gefordert seinen Rucksack aus und wartete, während die Beamten seine Daten in den Computer eingaben", sagte B.s Freund Siewe.

Die Computerabfrage habe B.s Angaben bestätigt. Als einer der Beamten den Geldbeutel wieder auf den Rucksack gelegt habe, habe der Kameruner gedacht, die Kontrolle sei beendet und habe gehen wollen. Doch die Beamten hätten ihn nicht gehen lassen, ein weiteres Mal hätten sie den Rucksack filzen wollen. B. habe sich dagegen gewehrt.

Am Tag nach der Personenkontrolle wurde eine Gesichtsfraktur diagnostiziert

Daraufhin sei die Lage eskaliert: "Ein Beamter packte ihn links, einer rechts, sie bogen ihm die Arme nach hinten und verpassten ihm Handschellen und ein dritter schlug ihm frontal ins Gesicht", sagt Siewe. Der Polizist habe dabei so stark zugeschlagen, dass er sich an den Fingern verletzt habe. B. selbst habe solche Schmerzen gehabt, dass er sich still - und ängstlich - wieder gesetzt habe.

Die Beamten hätten fünf weitere Kollegen zur Verstärkung angefordert und von B. verlangt, sich einer Blutabnahme zu unterziehen. Der 32-Jährige wehrte sich zunächst, weil sich der Arzt ihm gegenüber nicht habe ausweisen wollen und weil er keinen Grund für die Entnahme sah.

Als man ihm die Handschellen abgenommen habe, so schildert es B.s Freund Siewe, verständigte B. seinen jüngeren Bruder, der mit seiner Freundin per Taxi sofort zum Bahnhof eilte. Auf die Frage des Bruders, warum B. sich Blut abnehmen lassen solle, habe einer der Beamten geantwortet: "Ihr Bruder ist aggressiv." Auf Anraten seines Bruders habe B. die Blutabnahme dann über sich ergehen lassen. "Sie befürchteten, es könnte bei weiterem Widerstand etwas Schlimmeres passieren", sagte Siewe.

Nach der Blutentnahme habe B. die Wache verlassen dürfen. Sein Bruder brachte ihn in die Notaufnahme der Kopfklinik des Universitätsklinikums Heidelberg. Dort wurde er mit Schmerzmitteln versorgt und nach Hause geschickt. Gegen 5 Uhr in der Früh sei B. mit einem Taxi von Heidelberg nach Mannheim gefahren.

Als er am nächsten Tag aufgewacht sei, habe er starkes Nasenbluten gehabt und Blut gespuckt. Erneut suchte er die Kopfklinik auf, dabei sei der Bruch des mittleren Gesichtsknochens festgestellt worden. Fast fünf Tage habe man ihn stationär aufgenommen. Sein Freund Siewe besuchte ihn in dieser Zeit zweimal.

"Er leistete massiven Widerstand, trat und schlug um sich"

Die Version der Bundespolizei sieht anders aus: Steffen Zaiser, Sprecher der Bundespolizei in Stuttgart, widersprach B.s Darstellung in wesentlichen Punkten und sagte SPIEGEL ONLINE im Mai: "Der Student hat sich trotz mehrfacher Aufforderung geweigert, sich auszuweisen und versucht, sich der Kontrolle zu entziehen." An den Armen habe man ihn deshalb auf die Wache geführt. "Dort leistete er massiven Widerstand, trat und schlug um sich."

B. habe die Polizisten zudem als "Mörder" bepöbelt und bespuckt. "Er musste mehrmals beruhigt und festgehalten werden", erklärte Zaiser. Man habe Unterstützung von der Landespolizei angefordert. Insgesamt seien sechs Beamte nötig gewesen, um den Afrikaner zu bändigen. Drei davon hätten Prellungen und Kratzwunden, einer der Beamten gar eine Kapselverletzung an der Hand erlitten.

Die Bundespolizei habe bei der Staatsanwaltschaft Heidelberg gegen den Kameruner wegen Widerstandes gegen Polizeibeamte sowie Körperverletzung Anzeige erstattet.

*Name von der Redaktion geändert



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