Vermisste Kinder Schlimmer als eine Todesnachricht

Sie ging auf eine Party, grüßte ihre Mutter fröhlich zum Abschied - und kam nie zurück: Seit knapp einem Jahr warten die Eltern von Tanja Gräff auf ihre Tochter. Vergeblich. Zwischen Hilflosigkeit und Hoffnung, ohne Chance auf Erlösung, kämpft das Paar um ein bisschen Normalität.

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Korlingen bei Trier - Kühe grasen vor prächtigem Hunsrück-Panorama, in den Weinbergen hat der Löwenzahn die graue Erde aufgebrochen. Kein Zweifel: Dies ist das Deutschland der Modelleisenbahnen, wo die Burgruine am Hang thront und die Barockkirche im Dorf bleibt. Wenn hier etwas verloren geht, dann ist es der Autoschlüssel oder das Handy - nicht das Kind, die Tochter, die erwachsene junge Frau.

7. Juni 2007. An diesem Tag, dem Mittwoch vor Fronleichnam, sah Waltraud Gräff ihre Tochter zum letzten Mal. "Ich habe Tanja zum Sommerfest an der Fachhochschule gefahren", erzählt die 51-Jährige und verschränkt ihre Arme vor der Brust, ganz so, als wolle sie sich selbst ein wenig Halt geben. Hübsch habe Tanja ausgesehen, die rotbraunen Haare hochgesteckt, die Augen leicht geschminkt, den Duft von Mamas Parfum hinterm Ohr.

"Ich habe ihr viel Spaß gewünscht und wie immer 'Pass auf dich auf' gesagt." Zum Abschied habe sie zweimal kurz gehupt, da habe Tanja gewinkt und ihr schalkhaft bedeutet, endlich das Weite zu suchen. "Sie war so ein fröhliches Mädchen", sagt Gräff und schaut auf ihre vom Wind geblähten sonnengelben Vorhänge. "Am nächsten Tag konnte ich sie telefonisch schon nicht mehr erreichen."

"Lass Tanja in Ruhe!"

Was in dieser Nacht mit der 21-jährigen Lehramtsstudentin geschah, ist bis heute ein Rätsel. Fest steht, dass Tanja zunächst mit Freunden und rund 10.000 weiteren Besuchern eine rauschende Studenten-Party in Trier feierte. Das letzte Mal gesehen wurde sie laut Polizei gegen vier Uhr morgens vor einer der Konzertbühnen. Ein Freund sagte aus, er habe sie in Begleitung eines ungefähr 1,80 Meter großen, etwa 25-jährigen Mannes mit kurzen, dunklen Haaren getroffen. "Lass Tanja in Ruhe!" soll der Unbekannte ihn angefahren haben - der Zeuge räumte eigenen Angaben zufolge das Feld. Um 4.13 Uhr soll Tanja noch einmal mit einem Bekannten telefoniert haben - dann verliert sich ihre Spur.

Waltraud Gräff, an die außerordentliche Zuverlässigkeit ihrer Tochter gewöhnt, machte sich früh Sorgen: Sie rief den Freund an, mit dem Tanja auf dem Fest verabredet war. Als der ihr verwundert erklärte, er habe sie seit vier Uhr morgens nicht mehr gesehen, beschlich die Mutter sofort ein beklemmendes Gefühl: "Ich wusste, sie ist weg, sie ist verschleppt, sie kommt nicht wieder. Ich hatte das im Gefühl, auch wenn ich es nicht wollte."

Die Polizei handelte schnell: Nur drei Tage nach dem Verschwinden der 21-Jährigen wurde die "Sonderkommission Fachhochschule" gegründet. Es folgten Dutzende Einsätze: Suchtrupps durchkämmten mit Spürhunden das Terrain rund um die Fachhochschule Schneidershof, Hubschrauber überprüften das Gelände von oben, Taucher suchten in der Mosel, in Baggerseen und Teichen der Umgebung – vergebens. Immer wieder wurden Zeugen befragt – Freunde, Bekannte, Kommilitonen – ohne Ergebnis.

"Nur eine Arbeitshypothese von vielen"

"Wir haben rund 1200 Hinweise bekommen und etwa 600 Spuren angelegt - die berühmte heiße Spur war aber nicht dabei", sagt Christian Soulier, Leiter der inzwischen von 30 auf 15 Beamte reduzierten Ermittlungskommission der Polizei. Nach monatelangen Nachforschungen gibt es für den Kriminalhauptkommissar nur eine Gewissheit: "Wir gehen definitiv von einem Kapitalverbrechen aus."

Ob Tanja Opfer einer organisierten Zuhälterbande geworden sein könnte? "Das ist eher unwahrscheinlich. In unserer Region gibt es viele Frauen aus Osteuropa, die dieses Segment bedienen, in ihnen haben die Menschenhändler viel leichtere Opfer als in deutschen Mädchen", sagt Soulier.

Könnte die 21-Jährige von Zugereisten auf dem Fest verschleppt worden sein? Viele Besucher waren Zeugen zufolge keine Studenten, kamen aus Saarbrücken oder Koblenz, Luxemburg oder Belgien. Zudem waren die Sichtverhältnisse schlecht, das gesamte Party-Terrain von Wald umschlossen. "Nur eine Arbeitshypothese von vielen", bedauert Soulier.

Nein, man gehe eher davon aus, dass der Täter im Bekanntenkreis von Tanja zu suchen sei. Doch letztlich erwiesen sich bisher alle vielversprechenden Spuren als Sackgasse, auch weil sich dringend gesuchte Zeugen nicht meldeten – trotz einer aufwendig produzierten Episode in "Aktenzeichen XY ... ungelöst", einem Auftritt von Tanjas Freunden bei "Johannes B. Kerner" und einem Aufruf der Eltern bei RTL.

Freunde fürs Leben

Christian Jäger, ein stämmiger Brillenträger mit wachen, braunen Augen, kennt Tanja seit zwölf Jahren und gilt als ihr "großer Beschützer": "Tanja ist ein Teil von meinem Leben, heute fast noch mehr als vorher", sagt er und man spürt, dass er bewusst im Präsens spricht. Mit bis zu hundert Helfern stemmten der Pädagogik-Student und weitere enge Freunde der Vermissten eine private Suchaktion: Sie bauten Info-Stände, verteilten Tausende Handzettel, klebten Plakate und machten mit der Webseite "Findet Tanja" bundesweit auf den Fall aufmerksam – auch sie bisher ohne Erfolg.

Was wäre, wenn Tanja einfach keine Lust mehr auf die heile Welt an der Mosel gehabt hat, wenn sie, vielleicht frisch verliebt, das Weite gesucht hat, einen radikalen Bruch mit allem und jedem? "Dann hätte sie ein zweites Leben haben müssen", meint die Mutter. "Das ist unrealistisch", sagt Jäger. Auch, dass Tanja auf dem Fest jemanden kennengelernt hat und mit ihm mitgegangen ist, hält der 22-Jährige für unwahrscheinlich.

Möglich, dass ein Bekannter sie im Auto mitgenommen hat. Dass ein Unfall passiert ist. Dass sie einfach in die Mosel gefallen ist - das wäre "für alle die erträglichste Variante", so Christian Jäger. Sollte die Polizei allerdings eine Leiche finden und Fremdverschulden feststellen, "dann geht es erst richtig los": "Dann startet die Suche nach dem Täter und wir wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen. War es einer von uns? Von den Kommilitonen? Da wird viel Misstrauen aufkommen."



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