Vermisste Maddie Das Mädchen und die Medien

Seit einem Jahr gibt es kein Lebenszeichen der verschwundenen Madeleine McCann. Was für ihre Eltern der blanke Horror ist, ist für die britische Presse ein Fest. Sie tobt sich aus auf dem Spielfeld der Halbwahrheiten, Vermutungen und Gerüchte - und produziert immer neue Schlagzeilen.

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Hamburg - Er kann sich nicht erinnern, wie viele Artikel er über die McCanns verfasst hat, "Dutzende waren es bestimmt", sagt der Journalist, der seinen Namen und den des britischen Massenblatts, für das er arbeitet, nicht nennen möchte. "Die Story geht ja noch weiter", entschuldigt er sich im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Seit einem halben Jahr schreibt der Reporter über das Schicksal der verschwundenen Madeleine Beth McCann. Er fabulierte bereits über die "Tränen einer Mutter" und über die Weihnachtswünsche von Maddies Geschwistern Amelie und Sean. "Solch eine Geschichte hat es bei uns noch nicht gegeben", schwärmt er. "Die Geschwindigkeit, mit der sie sich entwickelt hat, die Dauer und Breite der Berichterstattung. Unglaublich."

Jedes Jahr werden in Großbritannien rund 130.000 Kinder vermisst gemeldet, die meisten tauchen nach kurzer Zeit wieder auf. Kein einziges hat je ein solches Interesse erfahren wie das Mädchen mit ihrer auffälligen Iris-Veränderung im rechten Auge.

Maddie und die Medien - wahrscheinlich ist die Kampagne um die Kleine eines der besten Lehrstücke über die Mechanismen des modernen Kommunikationszeitalters. Journalistenschüler werden an ihrem Beispiel eines Tages studieren, was es braucht, damit ein Thema um den Erdball rast - und in seiner publizistischen Umlaufbahn eine Runde nach der anderen dreht.

Drei Dinge brauche es dazu, sagen die, die diese Geschichte geschrieben haben. Erstens: die richtigen Protagonisten

"Die McCanns waren die perfekten Opfer", antwortet der britische Reporter auf die Frage, wie er sich den durchschlagenden Erfolg der Madeleine-Story erklärt - und ist sich dabei des professionellen Zynismus’ seiner Aussage durchaus bewusst. "Sie sind die Vorzeige-Briten: gutaussehend, hervorragend ausgebildet, smart und hart arbeitend."

Gerry und Kate McCann, das Ärzteehepaar aus Rothley in der mittelenglischen Grafschaft Leicestershire, seien die Reizfiguren in diesem Drama, zu denen die meisten Briten ebenso bewundernd wie hämisch aufschauten. "Sie fühlen mit ihnen, weil sie sich mit ihnen identifizieren können. Und sie verurteilen sie zugleich, weil sie nicht das durchmachen wollen, was die beiden erlebt haben."

India Knight, Autorin der Zeitung "The Times", erinnert sich an die vielen Leserbriefe, die sie nach ihrer erstem Artikel über die verschwundene Maddie erhalten hat: "Nur wenige Schreiber haben die Situation der McCanns bedauert. Die Meinung der meisten lautete in etwa so: 'Wenn man kleine Kinder alleine lässt und stattdessen Tapas essen geht, muss man sich auf alles gefasst machen.'"

Auch Catherine Meyers Postfach ist gut gefüllt mit Hass-E-Mails, gerichtet vor allem gegen Madeleines Mutter. Die Gründerin der Organisation Pact (Parents and Abducted Children Together), die in engem Kontakt zu den McCanns steht, glaubt jedoch an die therapeutische Wirkung dieser öffentlich geäußerten Abneigung: "Für die Leute ist es wichtig, sich auf diese Art und Weise von der schrecklichen Situation zu distanzieren", so Meyer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Die McCanns sind der Inbegriff der bürgerlichen Familie. Und genau das lässt das Verschwinden ihrer Tochter umso grausamer erscheinen. Wären sie drogenabhängig, kriminell, arbeitslos, fiele es leichter, sich von ihnen und dem, was ihnen widerfahren ist, abzugrenzen. Doch sie sind so, wie alle sein wollen.



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