Vernachlässigtes Kind Das Martyrium des kleinen Leon

Es war ein qualvoller Tod für den kleinen Leon Sebastian. Der zehn Monate alte Junge verdurstete in seinem Gitterbett, weil seine 20-jährige Mutter sich tagelang nicht blicken ließ. Der Bundesrat fordert ein strengeres Früherkennungssystem - zu spät für Leon Sebastian.


Erfurt - Polizisten hatten die Wohnung im Haus Nummer 90 in der Lucas-Cranach-Strasse im thüringischen Sömmerda aufbrechen müssen, als Mitarbeiter des Jugendamtes vor verschlossener Türe standen. Sie hatten den Auftrag, den knapp zehn Monate alten Leon Sebastian und seine zweijährige Schwester Lena in Obhut zu nehmen.

Doch Leon Sebastian war schon längst tot - verdurstet lag er in seinem Kinderbettchen, weil ihn seine Mutter auf brutale Art und Weise vernachlässigt hatte. Tagelang hatte die 20-Jährige selbst die Wohnung nicht betreten und ihre Kinder sich selbst überlassen - in kalten, unbeleuchteten Zimmern. Wegen unbezahlter Rechnungen war im November der Strom abgeschaltet worden.

Der Junge starb wahrscheinlich Samstag, Sonntag oder Montag. Seine Schwester sei stark dehydriert gewesen und zeigte laut Staatsanwaltschaft starke Spuren mangelnder Flüssigkeitsaufnahme. Das Mädchen sei in eine Klinik gebracht worden, schwebe jedoch nicht in Lebensgefahr, sagte Oberstaatsanwältin Anette Schmitt SPIEGEL ONLINE.

Leon Sebastian wurde noch in der Nacht obduziert. Er war für sein Alter normal entwickelt und auch seine Schwester sei nicht unterernährt gewesen, so Schmitt. Todesursache des kleinen Jungen sei eindeutig Flüssigkeitsentzug gewesen. Die Mutter habe angegeben, mit der Kindererziehung, der Betreuung und der ganzen Situation überfordert gewesen zu sein. Sie wurde nach dem grausigen Fund in der Wohnung einer Freundin festgenommen und anschließend verhört.

Der Vater ist seit der Vernehmung auf freiem Fuß

Gegen die 20-Jährige wurde Haftbefehl wegen Verdachts auf Totschlag und Aussetzung mit Todesfolge erlassen. Gegen den von ihr getrennt lebenden Vater bestehe kein Tatverdacht, so Schmitt. Der 25-Jährige kam nach einer Vernehmung wieder auf freien Fuß.

Leons Mutter lebte seit November 2004 mit ihrem Ehemann in einer Dreizimmerwohnung. Anfang August sei die Familie in eine Vierzimmerwohnung umgezogen. Doch nur einen Monat später sei der Mann ausgezogen. Ein Sozialarbeiter habe die zweifache Mutter unter anderem bei Behördengängen betreut. Seit zwei Wochen gab es auch eine Vereinbarung zur Regelung der Mietschulden.

Es bestünden keine Anhaltspunkte, dass dem Jugendamt Versäumnisse vorgeworfen werden könnten, betonte Schmitt. Das Amt habe laut einem Beschluss des Familiengerichts vom 11. Dezember 2006 die Vormundschaft für die beiden Kinder übernehmen wollen.

Althaus plädiert für verpflichtendes Frühwarnsystem

Der thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus erklärte, verpflichtende Früherkennungsuntersuchungen seien ein wichtiger Beitrag zur Bekämpfung von Vernachlässigung, Misshandlung und sexuellem Missbrauch von Kindern. Der tragische Vorgang in Sömmerda belege erneut, dass ein solches Gesetz nötig sei. Der Bundesrat forderte die Bundesregierung auf, einen entsprechenden Gesetzentwurf vorzulegen.

Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber kündigte an, dass der Freistaat in jedem Fall handeln will. Mit den Mitteln der Landespolitik werde dafür gesorgt, dass alle Kinder regelmäßig an Vorsorgeuntersuchungen teilnähmen. Stoibers hessischer Kollege Roland Koch sagte, sollte es nicht zu einer bundeseinheitlichen Lösung kommen, erwäge auch er eine Landesregelung.

Familienministerin Ursula von der Leyen unterstrich die Notwendigkeit besserer Kommunikation und warb für das dazu geplante systematische Frühwarnsystem.

BDK kritisiert Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland

Nach dem Fall Kevin in Bremen, der verhungerten Jessica in Hamburg und dem Tod von Leon kritisierte der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK), dass die Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland nicht funktioniere. Nach BDK-Angaben sterben in Deutschland statistisch gesehen mindestens drei Kinder pro Woche an den Folgen von Gewalt oder Vernachlässigung. 2005 seien es insgesamt 178 gewesen.

Der qualvolle Tod des kleinen Leon Sebastian hat auch in der Kleinstadt Sömmerda für Entsetzen gesorgt. Anwohner legten vor dem Eingang zu dem Plattenbaublock, in dem der kleine Junge verdurstet war, Blumen und Plüschtiere nieder und zündeten Kerzen an.

jjc/AP



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