Verschollene "Arctic Sea" Frachter 8912792 antwortet nicht

Was geschah mit der "Arctic Sea"? Russlands Flotte durchkämmt den Atlantik auf der Suche nach dem verschollenen Schiff und 15 russischen Seeleuten. Die Reederei spricht von Entführung. Experten vermuten, dass der Holzfrachter brisantes Gut an Bord hatte.

Moskau/London - "Russkije svoich ne brasajut", Russen lassen ihresgleichen nicht im Stich. So lautet in Russland ein geflügeltes Wort - und Dmitrij Medwedew lässt im Fall des verschollenen Frachters "Arctic Sea" den Worten der Besorgnis nun Taten folgen.

Nachdem sich die Angehörigen der Besatzungsmitglieder mit einem dramatischen Appell an Russlands Machthaber gewendet hatten, hat sich der Präsident Dmitrij Medwedew nun selbst eingeschaltet, um endlich Aufschluss über das Schicksal des Schiffes und der 15 Seemänner an Bord zu erlangen.

Verschollene "Arctic Sea": "Russen lassen ihresgleichen nicht im Stich"

Verschollene "Arctic Sea": "Russen lassen ihresgleichen nicht im Stich"

Foto: SOVFRACHT/ AFP

Der Herr des Kreml hat die Order an seinen Verteidigungsminister Anatolij Serdjukow gegeben, alles Notwendige zu unternehmen, um die "Arctic Sea" aufzuspüren - "und wenn nötig, die Besatzung zu befreien".

Nach Informationen der Nachrichtenagentur RIA Novosti hat Russland vier Schiffe seiner Schwarzmeerflotte entsandt, um die Atlantik-Küste vor Spanien und Portugal abzusuchen. Dort soll der Holz-Frachter verschollen sein. Die Fregatte "Ladnij" und die Landungsschiffe "Jamal ", "Asof" und "Nowotscherkassk" werden bei der Suche sogar von zwei Atom-U-Booten der russischen Streitkräfte unterstützt.

Trotz dieser Demonstration des Willens gleicht die Mission, den 98 Meter langen Doppelwandfrachter mit der Kennung IMO 8912792 vor den Küsten oder gar im offenen Atlantik zu finden, der Suche nach einer Nadel im Heuhaufen. Russland will deshalb auch Satelliten zur Ortung einsetzen.

Bei der Reederei Solchart glaubt man inzwischen, dass Piraten das Schiff in ihre Gewalt gebracht haben. "Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass das Schiff entführt wurde", sagte der Direktor des finnischen Unternehmens, Wiktor Matwejew, am Donnerstag. Die "Arctic Sea" war auf dem Weg von Finnland in den algerischen Hafen Bejaia. Dort wurde der 4000-Tonnen-Frachter am 4. August erwartet. Doch er kam nie an.

Letzte E-Mail von Bord der "Arctic Sea" am 1. August

Nach bisherigen Angaben gab es den letzten Funkkontakt des unter maltesischer Flagge fahrenden Schiffs am 28. Juli bei der Einfahrt in den Ärmelkanal. Die letzte Bewegung wurde am 30. Juli vor der französischen Küste aufgezeichnet, auch vor Portugal wurde es noch ausgemacht. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE sendete das Schiff aber noch am 1. August Nachrichten an die Solchart-Dependance in Archangelsk.

Wie der stellvertretende Direktor von Solchart in der nordrussischen Stadt, Iwan Bojko, SPIEGEL ONLINE sagte, erreichte ihn Anfang August gegen 9 Uhr morgens Ortszeit eine E-Mail mit technischen Daten, darunter auch die Koordinaten. "Alles schien normal", sagte Bojko. Zur damaligen Position des Schiffes machte er jedoch keine näheren Angaben. "Das war der letzte Kontakt." Seither hat das Team in Archangelsk nach eigenen Angaben keine Antwort mehr auf Anfragen an die "Arctic Sea" bekommen.

Nach Angaben der maltesischen Schifffahrtsbehörde war der Frachter am 24. Juli vor der schwedischen Küste von acht bis zwölf, mit Gewehren und Pistolen bewaffneten Männern geentert worden, die sich als Drogenfahnder ausgaben. Dabei seien die Besatzungsmitglieder misshandelt und zum Teil schwer verletzt worden. Die schwedische Regierung habe mitgeteilt, ihre Sicherheitskräfte seien nicht auf der "Arctic Sea" eingesetzt gewesen.

Sollten Piraten die "Arctic Sea" tatsächlich entführt haben, wäre es der erste Fall dieser Art in EU-Gewässern.

Doch der Zwischenfall und die Art und Weise, wie er bekannt wurde, werfen Fragen auf: Nach dem Überfall unweit der Ostseeinsel Gotland hieß es auch, die Angreifer hätten das Schiff wieder ohne Beute verlassen. Doch das attackierte Schiff und die misshandelten Seeleute steuerten nicht etwa den nächsten Hafen an, sondern blieben auf hoher See.

Geriet das Schiff in Seenot? Sank es etwa?

Nachdem die mutmaßlichen Piraten das Schiff verlassen hatten, meldete sich die Besatzung erst am 28. Juli mit einem ausführlichen Bericht bei ihrem Auftraggeber. Fünf Tage später verliert sich jede Spur von ihr.

Nahezu auszuschließen ist, dass das Schiff aufgrund technischer Schwierigkeiten in Seenot geraten oder gar gesunken sein könnte. Nach Angaben der russischen Zeitung "Komsomolskaja Prawda" war das Boot 15 Tage vor seinem Aufbruch zu seiner letzten Reise in Kaliningrad generalüberholt worden. In Finnland habe die "Arctic Sea" dann Ladung aufgenommen

Russische Medien spekulieren über das Schicksal von Schiff und Mannschaft: So heißt es, die "Arctic Sea" könnte in die Hände von Terroristen gefallen sein, die einen Anschlag auf oder von hoher See aus planen. Schiff und Ladung könnten aber auch mit dem Ziel eines schnellen Gewinns verkauft worden und die Besatzung in Rettungsbooten ausgesetzt worden sein.

Am Donnerstagmorgen meldete zwar der russische Branchendienst "Morskoj Bulletin - Sowfracht", im spanischen San Sebastian sei ein namenloses Schiff eingelaufen, das dem vermissten Holzfrachter frappierend ähnlich sehe - doch die spanischen Behörden dementierten prompt.

"Sowfracht"-Chefredakteur Michail Wojtenko ist davon überzeugt, dass die "Arctic Sea" neben dem finnischen Holz noch eine zweite, brisante Fracht an Bord gehabt haben könnte, die das Interesse von Banditen oder gar der Mafia geweckt haben könnte. "Das Schiff könnte heimlich mit etwas beladen worden sein, von dem wir nichts wissen", mutmaßt der Seefahrtsexperte.

Dass es sich dabei um Drogen oder gar um normale Schmuggelware handelt, schließt Wojtenko jedoch aus. "Ich denke, es ist etwas, das teurer und gefährlicher ist." Zuvor hatte es schon Gerüchte gegeben, dass das Schiff Waffen aus Russland für Afrika geladen haben könnte.

Solchart in Archangelsk weist solche Vermutungen jedoch entschieden zurück. Das Schiff sei von den jeweiligen Zollbehörden sowohl vor dem Auslaufen aus Kaliningrad als auch beim Beladen in Finnland kontrolliert worden, zitiert das russische Internetportal Newsru.com den Chef der Solchart-Filiale, Nikolai Karpenkow.

Die Gerüchte über eine geheime Fracht an Bord der "Arctic Sea" seien völliger Unsinn.

Mit Material von dpa und Reuters
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