Vierfachmörder von Eislingen Kaltblütig, habgierig, rätselhaft

Lebenslang für Andreas H., zehn Jahre Haft für seinen Freund Frederik B.: Das Landgericht Ulm hat im Prozess um den Vierfachmord von Eislingen hart und klar geurteilt. Für die Richter ist der Fall entschieden: Tatmotiv war demnach Habgier - doch trotzdem bleiben einige Fragen unbeantwortet.

AP

Selbst dem erfahrenen Gerichtsgutachter Peter Winckler gab dieser Fall Rätsel auf. Der Psychiater versuchte im Eislingen-Prozess, Aufschluss über die Motivation der Angeklagten zu erlangen. Was trieb Andreas H., zur Tatzeit 18, und seinen Freund Frederik B., damals 19, als sie H.s Eltern und die beiden Schwestern am 9. April 2009 mit 30 Schüssen töteten?

Andere hatten da eine Antwort parat. "Habgier", befand das Landgericht Ulm am Mittwoch und verhängte gegen Andreas H. die höchst mögliche Strafe: Er muss lebenslang in Haft, zudem wurde die besondere Schwere der Schuld festgestellt, die eine Entlassung nach 15 Jahren ausschließt.

Obwohl H. zur Tatzeit im Rechtsinn Heranwachsender war, wurde er nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt. Laut Gericht hatte er zur Tatzeit bereits die einen jungen Erwachsenen kennzeichnende Ausformung seiner Persönlichkeit erfahren. Außerdem wurde für den heute 19-Jährigen eine vorbehaltene Sicherungsverwahrung angeordnet: Zum Ende seiner Haftzeit wird geprüft, ob er eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt und deshalb eingesperrt bleibt.

Sein heute 20-jähriger Freund Frederik - es gilt als wahrscheinlich, dass er schoss - wurde dagegen zu einer Jugendstrafe von zehn Jahren verurteilt. Ihm war eine Entwicklungsstörung attestiert worden. Zudem wurde mehrfach im Prozess erläutert, dass er sich in einem - wenn auch platonischen - Liebesverhältnis zum charismatischen Andreas befand und dessen Freundschaft nicht verlieren wollte. Eine Freundschaft, die laut Vorsitzendem Richter Gerd Gugenhan "über das Leben von vier Personen ging".

Andreas H. bleibt rätselhaft

Doch trotz intensiver Zeugenbefragung - rund 50 Nachbarn, Freunde der Familie, Lehrer sagten vor Gericht aus - blieb vor allem die Person Andreas H. schemenhaft. Er galt als charmant, extrovertiert, lebhaft, tat sich in der Schule beispielsweise als Laiendarsteller hervor - und soll doch zutiefst unter der dominanten Art des Vaters gelitten haben.

Dieses Verhältnis war im Prozess intensiv erörtert worden. Der Vater soll über seine Familie tyrannisch geherrscht haben, von ihm wollte sich Andreas laut Verteidigung befreien. In Situationen, in denen es zum Kräftemessen zwischen Vater und Sohn kam - vor allem eine Schneewanderung im Allgäu wurde angeführt, bei der Hansjürgen H. seine Angehörigen bei schweren Witterungsbedingungen herrisch zu einem Gewaltmarsch zwang - stellten sich Mutter und Schwestern gegen den Sohn und Bruder.

Familiäre Konflikte, die allerdings nach Einschätzung des Gutachters Winckler nicht allein eine so drastische Tat wie die von Eislingen erklären.

Wohl deshalb fiel für das Gericht nach 20 Verhandlungstagen maßgeblich der Umstand ins Gewicht, dass Andreas H. auf das Erbe der Familie H. spekulierte. Schon im Vorfeld der Tat hat er mit Frederik Pläne gemacht, wofür man das Geld ausgeben würde.

"Kaltblütig ist das richtige Wort"

"Es ist kaltblütig, die eigene Familie wohlüberlegt zu erschießen, das monatelang vorzubereiten, den Eltern noch mal unter die Augen zu treten, unmittelbar bevor sie dann erschossen werden. Also ich denke, kaltblütig ist das richtige Wort dafür", sagte Staatsanwältin Brigitte Lutz. Sie bezog sich damit vor allem auf die Vorgehensweise der Schulfreunde am Tatabend.

Nachdem sie die beiden 22 und 24 Jahre alten Schwestern von Andreas erschossen hatten, gingen die Täter in eine Kneipe und setzten sich dort zu den Eltern an einen Tisch - so, als sei nichts gewesen. Erst nach einer halben Stunde in der Gaststätte kehrten sie zum Tatort zurück, warteten dort auf die Eheleute H. - und erschossen sie nach deren Rückkehr.

In seiner Urteilsbegründung rief Richter Gugenhan die Täter zu einer Therapie auf: "Sie beide haben eine schwere Schuld auf sich geladen. Sie können, müssen und sollen an ihren Persönlichkeitsdefiziten arbeiten."

H.s Verteidiger kündigte an, die Verurteilung zu lebenslanger Haft anzufechten, weil das Gericht einen Antrag auf einen Jugendpsychiater abgelehnt habe.

pad/dpa/afp

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